Milchkrise : Den Milchbauern geht es an den Kragen

Veröffentlicht auf von Karl-Dieter Specht

Studie belegt: Den Milchbauern geht es an den Kragen

In einer von Prof. Dr. Werner Kleinhanß vom Institut für Betriebswirtschaft des Johann-Heinrich-von Thünen-Institutes  in Braunschweig verfassten Studie leiden unter der Michpreismisere insbesondere die Großbetriebe in Ostdeutschland und jene Betriebe, die sich mit hohem Investitionsaufwand spezialisiert haben. Diese Preislage hat insgesamt dramatische  Auswirkungen auf die Einkommenssituation der Milchviehbetriebe. Zirka 30 Prozent der Milchviehbetriebe leben von der Substanz. Bei länger anhaltenden Niedrigpreisen geraten auch die als leistungsfähig anerkannten Betriebe in Schwierigkeiten. Die größten Einkommenseinbußen verzeichnen die Milchviehbetriebe mit über 80 Milchkühen. Bei einem Milchpreis von 22 Cents sinken die Einkommen der Betriebe unter 25.000 € je Betrieb.

Holland in Not !

Auch in Holland erleiden 85 Prozent der Milchviehbetriebe Einkommensverluste. Gemäß einer Prognose des    Institutes der Universität Wageningen  wird der Milchgeldauszahlungspreis 2009 im Durchschnitt bei 27Cents je kg Milch liegen( 4,4% Fett, 3,5 % Eiweiß). Da aber der existenzielle Milchpreis bei 32,5 Cents je kg. Milch liegt, schreiben 85 Prozent der Betriebe „rote Zahlen“! Trotz dieser desolaten Preissituation ist die Milchproduktion in den Niederlanden im April 2009 gegenüber April 2008 um 4,1 Prozent gestiegen.

Frankreich setzt Milchquotenerhöhung aus

Frankreich verzichtet auf die im Health Check beschlossene Anhebung der Michquote 2009/10. Landwirtschaftsminister Michel Barner kommt demnach den Forderungen des Berufsstandes nach.

Die zwischen den Bauerverbänden und der Milchindustrie ausgehandelte Preisempfehlung wird wieder infrage gestellt. Die Milchproduktion verringerte im April 2009 um 1,4 Prozent gegenüber April 2008.

 

Dänemark setzt auf Milch

Dänemark steigerte die Milchproduktion im April 2009 gegenüber 2008 um 5,6 Prozent. In den letzten 10 Jahren sind von zirka 16.000 Milchviehbetrieben zirka 6.000 Betriebe übrig geblieben. Das durchschnittliche Milchkontingent beträgt heute 700 t je Betrieb. Man geht nach Beendigung der Quote nochmals von einer Halbierung der Milchviehbetriebe aus. Das Wachstum wird ausschließlich über Fremdkapital finanziert. Die Verschuldungsquote der Wachstumsbetriebe beläuft sich zwischen 70-90% des Unternehmenswertes. Die in Dänemark produzierte Milch geht zu 90% an die Arla-Molkerei. Die Molkerei hat somit eine Monopolstellung in Dänemark und braucht keine besondere Rücksicht auf den Auszahlungspreis zu nehmen.  In der Unternehmensphilosophie steht der Markt an erster Stelle und nicht der Bauer. Nach Angaben der Leatherhead Internationale (LFI) gehört Arla zu den 34 größten Global-Playern der Milchindustrie. Die Internationalisierung steht für die Global-Player im Mittelpunkt ihrer strategischen Überlegungen.   Arla besitzt Produktionsstätten in aller Welt. In Europa ist Arla-Foods  das zweitgrößte Molkereiunternehmen mit einem jährlichen Umsatz von 6,1 Mrd. Euro und einer Milchanlieferung von 8,6 Mrd. kg Milch(2006).   Als nächste Wachstumsschritte werden  in Dänemark durchschnittliche Herdengrößen von 400-600 Milchkühen angepeilt. Man will unter allen Umständen wachsen.

 

 

 

Bauernproteste auch in der Slowakei

Vorm Tor des größten  Milchverarbeiters des Landes haben Milchbauern gegen die niedrigen Milchpreise in der Slowakei protestiert. Bei Produktionskosten von 30 Cents je Liter Milch erhalten die Bauern nur 15-17 Cents. Das wäre- so die Bauern - der zweitniedrigste Milchpreis in der EU.

 

Australien erwartet niedrige Weltmarktpreise für Milchprodukte

Das nationale Amt für  Land- und Rohstoffwirtschaft geht für das WJ 2009/10 für den Bereich Milchprodukte von niedrigen Weltmarktpreisen aus. Die australischen Farmer müssen sich auf einen Milchgeldauszahlungspreis von 19 Cents je kg. Milch im Durchschnitt  einstellen.

Neuseeland setzt weiter auf Expansion

Um Wachstum und Altersabgänge zu kompensieren, werden jährlich 4.000 neue Arbeitskräfte benötigt, damit die Milchwirtschaft auch weiterhin Exportzweig Nr. 1 bleibt. Viele Schaffarmen werden zu Milchviehbetrieben umgerüstet. Im letzten Jahr stieg der Kuhbestand um 6 Prozent auf insgesamt auf 5,6 Mio. Tiere. Kein Wettbewerber kann vergleichbar günstig Milch produzieren. Die jährlich produzierten 15 Millionen  Tonnen Milch werden zu 95 Prozent exportiert. Am globalen Handel hat Neuseeland einem Anteil von 30-40 Prozent. Beim Export von Magermilchpulver, Butter und Kasein ist Neuseeland Weltspitze. Die wichtigsten Märkte sind: EU, Südostasien und Lateinamerika.

China und Indien – die schlafenden  Milch-Export-Riesen ?

Durch  die fast zweistelligen Zuwachsraten bei der Milchproduktion in diesen Ländern gehen Experten davon aus, dass diese Länder möglicherweise in Zukunft als Exportländer für Milchprodukte  auf dem Weltmarkt auftreten.

 

Wie geht es weiter?

Gemäß der Studie von Prof. Dr. Volkhard  Isermeyer ( FAL) werden nach dem Quotenende Irland die Milchproduktion um 15 Prozent erhöhen, Spanien um 10, die  NL/BE/DE/DU/PL/LT um 5-8 Prozent. D. h im Klartext: Der Preiskampf am Milchmarkt  geht erst dann so richtig los. Es gibt wenig Hoffnung, dass dieser gnadenlose Wettbewerb abgewendet werden kann. Da keiner der Marktpartner klein beigeben wird, hat der Bauer die Zeche der Marktbereinigung zu zahlen.  Damit ist es nicht genug:  Dieses Verdrängungs- System wird geprägt durch eine latente Überproduktion, da Marktanteile immer wieder verteidigt oder neu erobert werden müssen. Den Marktteilnehmern bleibt kaum Luft zum Atem, denn das „frei Spiel der Kräfte“ kennt keinen Stillstand. Hinzu kommt, dass der Bauer in Zukunft vom Unternehmer zum Lieferanten von Rohprodukten mutiert und seine wesentliche Aufgabe darin besteht in diesem System mitzumachen oder auszusteigen. Mit einem freien Unternehmertum hat das nichts mehr zu tun.  Ein weiteres Mitmachen setzt Wachstum voraus. Dieses Wachstum ist wiederum nur durch Kredite zu finanzieren und führt zu weiteren Abhängigkeiten. In letzter Konsequenz wird der Bauer zum Lohnempfänger ohne Kündigungsschutz degradiert(vertikale Integration zwischen Produzent, Verarbeitet und Vermarkter) Dieses System lässt die Prognosen von " agrI benchmark" zur Luftnummer werden. Wurden für den Zeitraum bis 2011 in Deutschland Milchpreisveränderungen von minus 2,4 Cents je kg Milch auf dann 25,6 Cents prognostiziert, liegen sie heute schon darunter. Ein System, das ständig an der Grenze zur Überproduktion operiert, ist betriebswirtschaftlich kaum in den Griff zu kriegen. Im Gezeitenwechsel zwischen Überproduktion und Wachstum lässt sich nur wenig Eigenkapital bilden. Diese Betriebe wachsen sich im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode.

Das ist aber noch nicht alles

Im Rahmen der DOHA-Runde ist es beschlossen Sache, dass die Importzölle für landwirtschaftliche Produkte weiter abgebaut werden. D.h. der globale Markt schlägt voll auf die Bauern durch. Es werden Milchprodukte aus „Übersee“ auf den europäischen Markt drängen und die Preisgestaltung bestimmen. Länder wie Neuseeland, Australien, Argentinien, Uruguay, Brasilien usw. rüsten schon auf. Diese Länder verfügen aufgrund ihrer klimatischen Vorteile gegenüber Europa über ausgezeichnete Produktionsbedingungen, die sich nicht durch Brain-Power kompensieren lassen. Ein Wissensvorsprung, der in anderen Wirtschaftsbereichen zu Wettbewerbsvorteilen führt, tendiert in der Landwirtschaft gegen Null. Hier sind die natürlichen Voraussetzungen der Gunststandorte die entscheidenden Wettbewerbsvorteile. Darüber hinaus können sich diese Länder  durch das Floaten ihrer Währungen weitere Wettbewerbsvorteile verschaffen. In diesem globalen Konzert werden wir nicht als Sieger hervorgehen. Deshalb wird die “bäuerliche Landwirtschaft“- wenn man sie denn erhalten will - weiter auf die Unterstützung durch die Steuerzahler angewiesen sein. Das setzt aber voraus, dass ungebremstes Wachstum zu Lasten der Steuerzahler ein Ende haben muss. Hier stehen die Marktpartner, der Bauernverband und die Politik in einer besonderen Pflicht. Es ist nur zu hoffen, dass sie die Signale der Zeit erkennen.

 

 

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How many thousands? Three hundred and seven.
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