Dioxin-Skandal: Vertrauen ist gut-Kontrolle ist besser!
Dioxin-Skandal: Vertrauen ist gut-Kontrolle ist besser!
Oder: Lenin hat doch recht!
Kommentar vom SV Karl-Dieter Specht
Sollte Lenin nach 100 Jahren doch recht haben als er feststellte, dass Vertrauen zwar gut ist, es aber über Kontrolle abgesichert werden muss. Diese Erkenntnis drängt sich einem auf, wenn man den jüngsten Dioxin-Skandal verfolgt und beobachtet. Was sich anfangs als kleinen Irrtum bei der Zusammenstellung von Komponenten (Vermischung von Industriefetten mit Futterfetten) für Futterfette entpuppte, breitet sich heute flächendeckend wie eine böswilliger Tumor aus. Waren es vor zwei Tagen noch 600 Tonnen Futter , die dioxinverseucht sind, steigt die verseuchte Tonnage täglich auf heute ( vorläufig) 30.000 Tonnen.
Und täglich werden es mehr!
Mittlerweile hat man 25 Hersteller von belastetem Futter ausgemacht, die Fertigfutter für Legehennen und Mastschweine nach Brandenburg, Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen lieferten und täglich erhöht sich die Zahl. Wer mag da noch von Irrtum sprechen? Zwar gilt die Unschuldsvermutung, bis der Nachweis des kriminellen Handelns vorliegt; jedoch kann man jetzt schon konstatieren, dass das ganze Kontrollsystem versagt hat. Nach Pressemitteilungen liegen Erkenntnisse vor, dass Anfang Dezember 2010 136.000 verdächtige Eier in die Niederlande geliefert wurden , die jedoch nicht in den Handel gelangten.
Gesetze sind so löchrig wie ein „Deutscher Käse“
Warum hat wurde nicht gehandelt? Wollte man das Problem unter der Decke halten? Fragen über Fragen! Da klingt es dann wie glatter Hohn , wenn Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) erklärt, dass das Dioxin durch einen Fehler beigemischt wurde, wie das Unternehmen angibt. Mehr Kontrollen halte sie allerdings nicht für nötig. Ein solches Ausmaß ist nur möglich, wenn die betreffenden Gesetze so löchrig sind wie ein „Deutscher Käse“.
Auch der Bauernverband äußert sich
Er fordert nach den Dioxin-Funden in Eiern von den Futtermittelherstellern Entschädigungen."Wer den Schaden verursacht, muss ihn auch bezahlen", sagte der Generalsekretär des Verbandes, Helmut Born, der Zeitung "Tagesspiegel" (Donnerstagausgabe). Sein Verband werde gegenüber den Futtermittelherstellern sicher vorstellig, sagte er. Wie hoch der Schaden für die betroffenen Bauern ausfallen werde, könne derzeit noch nicht genau abgeschätzt werden. "Wir müssen aber mit einer Größenordnung in Millionenhöhe rechnen", sagte Born. Zuletzt waren mehr als 1000 Höfe für den Handel gesperrt, die meisten davon in Niedersachsen. Born forderte zudem eine Änderung des Lebensmittels- und Futtergesetzes. Betriebe, die technische Fette herstellen, müssten strikt von Lieferungen in den Futter- und Nahrungsmittelbereich abgekoppelt werden.
Auf einem Auge blind gegenüber der Futtermittelindustrie?
Zugegeben, die PM des Bauerverband ist in manchen Passagen durch die sich schnell ändernden aktuellen Ereignisse schon wieder Schnee von gestern. Aber die Forderung, dass eine strikte Trennung zwischen der Industrie- und Nahrungsmittel-/Futtermittelproduktion gesetzlich vorgeschrieben werden müsse, reicht bei Weitem nicht aus. Die wahre Ursache dieses Desasters liegt in der Selbstüberwachung der Futtermittelindustrie. Sie kann nach eigenem Ermessen sich selbst beproben und dann die entsprechenden Ergebnisse vorlegen. Die staatlichen Stellen beschränken sich auf sporadische Proben. Möglicherweise werden die Proben noch in Absprache mit den Unternehmen gezogen. Diese Konstellation ist mit einem Frosch vergleichbar, der für die Trockenlegung seines Teiches zuständig ist.
Die Milchbauern machen es vor
Zur Qualitätssicherung der Milch ist es für die Milchbauern eine Selbstverständlichkeit, dass die auf ihren Höfen abgeholte Milch automatisch durch beauftrage Dritte beprobt wird. Die Proben werden dann in der Molkerei ( neben einer Rückstellprobe) im Labor untersucht. Sollten sich Beanstandungen ergeben, wird ein amtlich anerkanntes Labor eingeschaltet. Somit ist eine lückenlose Qualitätssicherung gewährleistet, die den Verbrauchern Sicherheit gibt und die Milchbauern vor ungerechtfertigten Angriffen schützt.
Was die Milchbauern praktizieren muss auch für die Futtermittelindustrie gelten!
Von diesem Schutz können die „andern“ Bauern nur träumen. Sie alleine müssen die finanziellen Folgen dieses Skandals auslöffeln, obwohl sie keine Schuld trifft. Es ist nicht anzunehmen, dass die Futtermittelindustrie für den Schaden aufkommt, der sich noch nicht ermessen lässt. Wenn kriminelles Handeln den Unternehmen nachgewiesen wird, dann kommt ein ev. Versicherungsschutz nicht zum Tragen. D.h. die geschädigten Bauern gegen leer aus. Im Übrigen ist es(fast) gängige Praxis, dass solche betroffen Unternehmen dann Insolvenz anmelden oder in ihrer Haftung beschränkt sind. Aber das ist noch nicht alles: Dieser Skandal (im Prinzip alle Skandale) führt zu Umsatzeinbußen im Einzelhandel, der wiederum die Bauern trifft. Es ist nun Aufgabe aller Bauern, sich für eine erhebliche Einschränkung der Selbstverpflichtung der Futtermittelindustrie im Sinne einer effektiveren Überwachung durch Dritte einzusetzen. Hoffentlich unterstützt die Bundesregierung und der Bauernverband dieses Anliegen.