Grüne Woche : Von Traumtänzern und Hasardeuren

Veröffentlicht auf von Karl-Dieter Specht

 

Grüne Woche: Von Traumtänzern und Hasardeuren

·         Auf der „Grünen Woche“ gehört es von je her zum guten Ton, dass sich Agrar-Politiker aller Couleur medienwirksam zu Wort melden.  Dieses Forum nutzt auch Bauernpräsident Gerd Sonnleitner und erklärt den verdutzen Milchbauern: „Jetzt geht es mit den Preisen und Notierungen für Agrar-Rohstoffe wieder aufwärts Nicht zuletzt“, so Sonnleitner, „hat  das von der Bundesregierung aufgelegte Sonderprogramm für die Landwirtschaft mit dazu beigetragen.“

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·         Die Illusionen des Bauernpräsidenten

·         Wohl wahr ! Rechnet man jedoch die durchaus anerkennenswerte „Wohltat“  auf das Kilo produzierte Milch um, dann liegt diese im Centbereich(Verluste der Milchbauern im WJ 2008/2009 10-12 Cents/kg/Milch).Zum Überleben zu wenig! Auch die angeblich von Sonnleitner herbeigeredete Trendwende hat nichts mit Markgeschehen zu tun sondern ist das Ergebnis der EU-Interventionsaufkäufe. Diese Interventionsmengen, so die Kommission, werden ab Mai  „ausgelagert“.  Es handelt sich hierbei um über 80.000 Tonnen Butter und über 280.000 Tonnen Pulver. Auf  die Auswirkungen dieser  Aktion, was den Milchgeldauszahlungspreis anbelangt, darf man gespannt sein. Es bleibt also von der groß angekündigten „Wende“ des Bauernpräsidenten nicht viel für die Milchbauern übrig.

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·         Dr. Burkhard Otto  22-24 Cents/kg Milch für 2010?

·         Lassen wir mal einen Fachmann zu Wort kommen, Dr. Burkhard Otto, (Bereichsleiter Milchwirtschaft des Genossenschaftsverbandes) erklärte auf einer Versammlung in Baunatal (bei Kassel):“Für 2010 rechnet  ich mit einem Milchgeldauszahlungspreis von 22- 24 Cents je kg/Milch. Wobei ein Ausschlag nach oben bis 29 Cents/kg/Milch möglich ist.“ Auch nach Auslaufen der Milchquote hat Dr. Otto Lösungsansätze parat: Jedes Mitglied einer Meierei-Genossenschaft darf, so hört man die frohe Kunde, dann unbegrenzt Milch liefern.  Welch ein Befreiungsschlag für unsere Wachstumsfetischisten. Jedoch ohne Preisgarantie ! Das Risiko trägt – wie kann es anders sein – allein der Milchbauer. Angesichts der Tatsache, dass diese Offerte an die Milchbauern zwangsläufig zur Überproduktion führt, legt Dr. Otto  gleich nach.

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·         Bringt die B-Quote die Rettung? Oder: Der Milchbauer ist immer der Dumme!

·          Dann muss eben, so das Credo von Dr. Otto, die B-Quote her! Und die Milch der B-Quote wird, wie kann es anders sein, nach Spotmarktpreisen abgerechnet.  Hauptsache das Unternehmen  ist ausgelastet. Die Staffelung der Milchmenge in eine A/B-Quote löst aber das Problem der Überproduktion nicht. Im Gegenteil:  Die B-Quote belastet zusätzlich den Milchmarkt und führt, gemäß dem ehernen Gesetz von Angebot und Nachfrage zur weiteren Preissenkung und damit zum Verfall des Milchgeldauszahlungspreises.  Den Schaden tragen natürlich die Milchbauern.

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·         Die Irrungen und Wirrungen des Udo Folgart

·         Auch der Milchexperte  des Bauernverbandes, Udo Folgart, meldet sich zu Wort. Zitat: „ Zusätzlich belastend sei gewesen, dass politisch herumgeeiert  und immer wieder nationale Alleingänge diskutiert worden seien. Geschehen sei dies, obwohl jeder wusste, dass es keine Problemlösung für ein europäisches, weltweites darstellt (gibt).Schließlich haben“,  so Folgart, „die politische Vernunft und unsere Argumente (die es Bauerverbandes und der Milchindustrie)gesiegt.“

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·         Wie sieht der (angebliche)Sieg aus?

·         Und wie sieht der Sieg aus? Gemäß Lesart von Folgart müssen  Verwerfungen (sprich Überproduktion) durch ein Sicherheitsnetz der EU abgefangen werden. Mehr noch: Es muss weiterhin möglich sein, durch Exportförderung Drittmärkte zu öffnen und zu pflegen bei gleichzeitigem Außenschutz für die eigenen Produkte. Eine Haltung, die widersprüchlicher nicht sein kann. Zwar brauchen wir für unsere weichen Produkte einen gewissen Außenschutz. Den jedoch mit Exportförderung zu kombinieren ist schon ein starkes Stück aus dem Tollhaus! D.h. im Klartext: Die Überproduktion, die man bewusst in Kauf nimmt,  soll zu Lasten der Dritten Welt auf dem Weltmarkt -wie bisher -verramscht werden. Von Marktanpassung, wie vom Europäischen Rechnungshof gefordert, ist  (noch) keine Rede. Das passt ja nicht in das Konzept des Bauernverbandes und der Milchindustrie.

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·         Es „Müllert“ mal wieder so richtig!

·         Auch Staatssekretär  Dr. Gerd Müller (BMELV) hat sich auf der Grünen Woche vor erlauchtem Fachpublikum geoutet und stellte fest – Zitat: „ Für die EU als Nettoexporteur von Milch und Milcherzeugnissen ist mittlerweile der Weltmarkt die treibende Kraft.“ Dazu der Europäische Rechnungshof: Der Anteil der EU am Weltmarkt mit Milcherzeugnissen schrumpft seit 1984. Die europäischen Erzeuger sind auf dem Weltmarkt nicht wettbewerbsfähig. Exkurs: Die EU produzierte zirka 138,8 Mio. Tonnen Milch(Rohmilch2009).2008 wurden zirka 2,5 Mio. Tonnen. Milcherzeugnisse in Drittländer exportiert. Das sind zirka 10-15 Prozent der gesamten EU-Milchproduktion(Rohmilch). Von den 2,5 Mio. Tonnen(Milcherzeugnisse) entfielen zirka 10 % auf Prämienprodukte. Es sind jene Produkte, die auch international noch eine Wertschöpfung für die Milchbauern abwerfen. Gemessen an der EU-Milchmenge ist dieser Anteil zu gering, um auf den Milchgeldauszahlungspreis durchzuschlagen. Es handelt sich hierbei um ein sicher auch in Zukunft zu bedienendes Exportgeschäft, das aber nicht zur Problemlösung geeignet ist. Darüber hinaus tritt China zunehmend als Exporteur von Milchprodukten auf dem Weltmarkt auf. Die Weltmilchproduktion 2009 hat sich nur unwesentlich um 0,5 Prozent auf insgesamt 430 Mio. Tonnen  Milch verringert. D.h. von Marktentlastung kann keine Reden sein, zumal Neuseeland bald die 17 Mio. Tonnen/a knackt. Fonterra (neuseeländische Molkereigenossenschaft) breitet sich zunehmend auch in den Golfstaaten aus. Wer glaubt hier mithalten zu können, der spekuliert auf Steuergelder in Form von Ausfuhrerstattungen. Alle Experten sind sich einig, dass dieser globale Wachstumsmarkt wegen fehlender Wettbewerbsfähigkeit der EU-Milchbauern( zu hohe Produktionskosten in Europa)an der Milchindustrie weitgehend vorbeigeht. Vor dem Hintergrund dieser Faktenlage ist zu vermuten, dass  Staatssekretär Dr. Müller offensichtlich zunehmend unter Realitätsverlust leidet. Hoffentlich steckt er mit seinen „marktfernen Erkenntnissen“ die Ministerin nicht an!

 

·         Gefährdet der Bauernverband die Direktzahlungen an die Bauern?

·         Dies ist eine Klientel-Politik, die rückwärtsgewandt ist und europaweit in Zukunft nicht mehr mehrheitsfähig ist. Die Stimmen, insbesondere im EU-Parlament, mehren sich, die diesen Wahnsinn nicht mehr mittragen wollen. Recht haben sie!  Wann kommen der Bauerverband und die Milchindustrie endlich zur Vernunft. Mit ihrer Haltung gefährden sie die Direktzahlungen an die bäuerlichen Familienbetriebe.

 

 

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