Milchwirtschaft : Fahrt ins Ungewisse
Milchwirtschaft – Fahrt ins Ungewisse ?
Das Jahr 2007 war für den Milcherzeuger ein Hochgenuss. Explodierende Milchgeldauszahlungspreise, verbunden mit Cash- Zahlungen von Überlieferungsmengen, ließen das Jahr zum Glücksjahr für Milchviehalter schlechthin werden. Losgelöst von Exporterstattungen konnte die Milchindustrie auf dem Weltmarkt so richtig loslegen. Rohmilch wurde für die Milchindustrie zum ertragsbegrenzenden Faktor. Insoweit setzte man alle Hebel und Mittel in Bewegung, um auch den letzten Liter Rohmilch von den Höfen zu bekommen. Zur Freude der Michviehhalter. Das war natürlich Wasser auf die Mühlen der schrankenlosen Globalisierungsbefürworter. Insbesondere unser Landwirtschaftsministers v. Boetticher, der sich mit Vehemenz für die Freiheit der Märkte , auch im Agrar-Bereich , einsetzt. Dabei krönte er seinen Ausflug in die Landwirtschaft mit der Feststellung: Die Produktionsbedingungen der Milchwirtschaft in Schleswig-Holstein gehören weltweit mit zu den Besten. Nun aber, nur ein Jahr später, ist die Euphorie verflogen, der Milchpreis im Keller und der Bauerverband, ebenfalls ein Globalsierungsanhänger, ruft händeringend nach dem Staat. Exporterstattungen müssen her, damit der Milchpreis nicht weiter fällt. Die Überschussmengen werden dann zu Dumpingpreisen zu Lasten von Entwicklungsländern auf dem Weltmarkt verramscht. Das ist das Verständnis der Lobbyisten von Globalisierung nach Kassenlage!
Wie kam es dazu?
Der Ausfall der Milchproduktion in Australien infolge witterungsbedingter Umstände mit einer einhergehenden weltweiten Nachfrage führte 2007 u.a. zu einer Hausse der Weltmarktpreise für Milch. Dies wiederum führte weltweit zu einer Produktionsausweitung. Diese Produktionsausweitung wurde durch die hohen Verbraucherpreise unverkäuflich und es kam somit zu einem drastischen Preisverfall für Milchprodukte2008. Es greifen also- um das platt zu formulieren – die Gesetze des Marktes knallhart!
Wie geht es weiter In Europa?
Das Milchquotensystem läuft 2015 aus. Um sich an die Freiheiten des Marktes anpassen zu können, werden schrittweise die nationalen Quoten erhöht. D.h. im Klartext: Die produzierte Milchmenge wird kontinuierlich steigen und trifft dabei auf einen gesättigten Markt. Dadurch fallen natürlich die Milchgeldauszahlungspreise für die Milchbauern und es kommt zu einem verschärften Verdrängungswettbewerb. Diesen Wettbewerb, so die Verbandsvertreter, werden die schleswig-holsteinischen Milchbauern an ehesten bestehen. Eine Auffassung, die europaweit ihre Berechtigung
haben kann, wenn es dadurch zu einer gewissen Marktstabilisierung kommt. Trotz aller Maßnahmen ist zu vermuten, dass eine freie Milchmengenpolitik der EG nicht zu einer erhofften Stabilisierung des Milchmarktes führt. Insoweit wird der Preisdruck anhalten und auch leistungsfähige Milchviehbetriebe in ihrer Existenz gefährden. Das haben die Erfahrungen in den USA gezeigt.
Produktionskosten der Mich in Europa
| Land | Durchschnittl. Betriebe €/kg Milch/ ECM | Größere Betriebe €/kg/Milch/ ECM |
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| Norddeutschland | 0,32 | 0,29 |
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| Ostdeutschland | 0,29 | 0,30 |
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| Süddeutschland | 0,40 | 0,33 |
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| Niederlande | .0,31 | 0,28 |
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| Spanien | 0,31 | 0,26 |
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| Frankreich | 0,38 | 0,33 |
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| Irland | 0,29 | 0,22 |
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| Italien | 0,35 | 0,33 |
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| Luxemburg | 0,38 | 0,38 |
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| Polen | 0,30 | 0,27 |
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| Dänemark | 0,34 | 0,31 |
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| Großbritannien | 0,30 | 0,15 |
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| Tschechin | 0,25 | 0,17 |
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| Ukraine | 0,17 | 0,12 |
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| Weißrussland | 0,15 | 0,13 |
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| Schleswig-Holstein | 0,32 | 0.29 |
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Quelle: IFCN Dairy Report 2007 Produktionskosten typischer Betriebe in Europa Vollkostenrechnung ohne Quotenkosten
Cent/kg ECM
Die Streubreite der Produktionskosten innerhalb Europas bewegt sich zwischen 40 Cent in Süddeutschland und 12Cent je Kilogramm Milch in der Ukraine. Deshalb ist davon auszugehen, dass bei freiem Wettbewerb die Milch zu den Gunststandorten und zu den besseren Betriebswirten hin wandert. Das sind insbesondere die Standorte in Osteuropa und Irland. Die deutschen Milchproduzenten behaupten das Mittelfeld. Wobei Norddeutschland aufgrund seiner besseren Betriebsstrukturen Vorteile gegenüber Süddeutschland hat. Ob diese Wanderung Wirklichkeit wird, hängt im Wesentlichen davon ab, ob politisch gegengesteuert wird oder nicht.
Weltmarkt Milch
Es ist wohl schon fast beschlossene Sache, dass im Rahmen der WTO-Verhandlungen die Import-Schutzzölle, auch für Agrarprodukte in die EG, fallen. Das bedeutet, dass u. a. Milchprodukte aus Drittländern ungehindert auf den Europäischen Markt gelangen. Vor diesem Hintergrund ist objektiv zu hinterfragen, welche Chancen haben unsere Michbauern im Rahmen eines globalen Wettbewerbs? Das Ergebnis ist ernüchternd: Die Produktionskosten liegen in Schleswig-Holstein laut Rinderspezialberatung bei zirka 33 Cent je kg Milch(2006). In den Ländern Ukraine, Weißrussland, Argentinien, Pakistan, Chile liegen sie bei zirka 14 Cent je kg. Milch In Neuseeland, dem größten Milchexporteur der Welt mit einem Milchselbstversorgungsgrad von 2443 %, kostet die Produktion von 1kg Milch zirka 16 Cent.
Produktionskosten der Milch weltweit
| Produktionsregionen | Produktionskosten je kg Milch FCM /€ |
| Nord –Amerika | 0,22 |
| Süd-Amerika | 0,14 |
| Asien | 0,12 |
| Ozeanien | 0,12 |
| China | 0,14 |
| Europa ( Durchschnitt ) | 0,26 |
Quelle : Dairy Report
Die Tabelle zeigen eindeutig, dass bei derzeitigen Produktionskosten und langfristig zu erwartenden Weltmarktpreisen kein EU-Export von Milchprodukten ohne Dumping möglich ist. Exkurs: Dumping ist, wenn der Preis eines exportierten Produktes niedriger ist als seine Produktionskosten im Herstellungsland. Es ist zu erwarten, dass sich die Lücke zwischen EU-Produktionskosten und Weltmarktpreis auch in Zukunft nicht schließt, zumal in den pazifischen Staaten noch erhebliche Produktionsreserven brachliegen, die beim Ansteigen des Weltmarktpreises aktiviert werden. Da nur zirka 7 Prozent der Weltmilchproduktion weltweit gehandelt werden, führen schon geringe Produktionsmengenveränderungen zu fallenden oder steigenden Weltmarktpreisen. Insoweit ist eine EU-Milchproduktion für den Weltmarkt reiner Unsinn, da sie z.Z. nur über Steuergelder zu finanzieren ist. Desweiteren kann sich bei völliger Liberalisierung des Weltmarktes die heimische Milchindustrie mit Milchprodukten aus den wettbewerbsstärksten Ländern wie Neuseeland, Argentinien, Ukraine usw. eindecken. Für die EU-Milchbauern bliebe dann nur noch die Versorgung der Milchindustrie mit Frischmilch übrig. Im Ergebnis würden Teile der Milchproduktion zu Lasten der EU-Milchbauern in andere Länder abwandern. Die schnell wachsende Milchproduktion( jährlich um 27 Prozent) in China kann schon bald dazu führen, dass China zum Exportland für Milchprodukte wird. Ein Szenario, das die Fragwürdigkeit einer ungehemmten Globalisierung offen darlegt und zu Lasten der EU-Landwirte geht. Auch das wäre Globalisierung – aber nicht nur nach Kassenlage! Angesichts dieser Tatsachen kann eine völlige Liberalisierung der Märkte nicht das Ziel einer verantwortungsvollen Agrarpolitik sein. Vielmehr müssen Regelungen geschaffen werden, die auf der einen Seite einen gesunden Wettbewerb nicht behindern (europaweit), jedoch dürfen auf der anderen Seite weltweite Exporte der Milchindustrie nicht zu Lasten der Steuerzahler gehen.