Landwirtschaftsminister v. Boetticher : Rolle rückwärts oder was ?
Landwirtschaftsminister Christian von Boetticher : Rolle rückwärts oder was?
Wenn man nicht mehr weiter weiß und mit seinem grenzenlosen Wachsen in Sachen Milchproduktion auf dem Gunststandort Schleswig-Holstein an der Realität des Weltmarktes scheitert, dann ist es Zeit nach etwas Neuem Ausschau zu halten. Und unser Minister wurde fündig! Und zwar in Angeln.
Ein Milchviehbetrieb lässt aufhorchen
Hier bewirtschaftet ein junges Ehepaar einen Milchviehbetrieb nach der „Low-cost-Milchproduktion“. Nicht 100-300 Kühe stehen im Stall, wie sie gern als „Vorzeigebetriebe im Bauernblatt vorgestellt werden – nein- „ganze 27 Milchkühe“ hält das junge Ehepaar auf seinem Hof. Und, so vernimmt man erstaunt die Kunde des Ehepaares, die da heißt: „Wir können davon Leben“. Zugegeben, sie erhalten für ihre Bio-Vorzugsmilch auch heute noch 43 Cent je kg. Milch. Aber die Kostenstruktur, die dahinter steht, lässt aufhorchen: Kurz die Fakten:
- Radikale Kostensenkung in allen Bereichen
- Kühe können das ganze Jahr raus – dadurch keine hohe AfA für Gebäude
- Abkalbung im Februar/März
- Rasse :Jersey, Rotvieh/Angler
- Weidehaltung von April -November
- 5.700 kg Milch aus dem Grundfutter
- Kaum Maschinen – Mist bringen die Kühe selber raus
- Bullenkälber werden verkauft
- Geringe Tierarztkosten- kein Antibiotika
- Geringe Arbeitszeit je Kuh (keine Überlastung der Bauernfamilien )
Low - cost- Milchproduktion - Maß aller Dinge ?
Um dieses „Low-cost- System“ umzusetzen, schaute sich das Ehepaar Betriebe in Wales an. Hier fanden sie eine Hoch-Zucker-Grasmischung für maritime Standorte, die bis zu 20 % mehr schnell verfügbare Kohlehydrate enthält als die herkömmlichen Grasmischungen und besonders nahrhaft ist. Darüber hinaus wurde entsprechendes Kuhmaterial eingesetzt. Dieses konsequente Umsetzen der Low-cost-Milchproduktion hat die Produktionskosten um 11 Cent auf jetzt 33 Cent je kg. Milch gesenkt( ein Spitzenergebnis in Schleswig-Holstein).
Neuseeländische Verhältnisse auch in Schleswig-Holstein möglich ?
Das ist aber noch nicht alles! Landwirt Lehman plant die Herde auf 60 Kühe aufzustocken und rechnet dann mit Produktionskosten von 23 Cent je kg Milch. Das ist in der Tat ein Pfund! Schleswig-Holstein hätte dann (fast) „Neuseeländische Verhältnisse“ erreicht! Deshalb scheut Landwirt Lehman den globalen Wettbewerb auch nicht. Wenn das stimmt – der Minister wird sich sicherlich vor dem „Pressegang“ über die Leistungsdaten des Betriebes“ vergewissert“ haben - dann frage ich mich allen Ernstes, was die Wissenschaft und die Beratung in den letzten Jahren in Bezug auf die Vorbereitung der Bauern auf den Weltmarkt hin unternommen haben. Sie haben einzig und allein auf die Hochleistungs- Milchstrategie mit TMR-Fütterung gesetzt.
Haben Wissenschaft, Bauernverband und Landwirtschaftkammer die Entwicklung verschlafen?
Wenn sich das betriebswirtschaftlich erhärten lässt, dann wäre das eine schallende Ohrfeige für die Wissenschaft, den Bauernverband, der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein und deren Berater. Sie hätten dann nämlich ein auf den Markt ausgerichtetes Produktionsverfahren ganz einfach verschlafen. Nicht Intensivierung, Investitionen und Größe wären demnach das Maß aller Dinge, sondern Extensivierung mit einhergehender Kostensenkung. Eine völlig neue Perspektive, die so manchen Wachstumsfanatiker sprachlos werden lässt. Man darf auf die weitere Entwicklung gespannt sein! Anmerkung:
Was versteht man unter Low-cost-Milchproduktion?
Unter Low-cost- Milchproduktion versteht man in diesem Fall das Vollweidesystem, wie es in Neuseeland, Irland, Holland, Schweiz und Österreich mit Erfolg praktiziert wird. In der Low-cost-Milchproduktion geht es darum, alle Kostenpositionen soweit wie möglich zu minimieren, insbesondere die Futter-und Arbeitskosten. Hierbei steht nicht die Hochleistungskuh im Vordergrund der betriebswirtschaftlichen Betrachtungsweise, sondern die erzielte Milchleistung je ha Weidefläche ohne Kraftfutter. Dadurch lassen sich gegenüber der Intensivhaltung u.a. Einsparungen an Futterkosten in Höhe von zirka 10 Cent je kg Milch erreichen. Der Besamungsindex verbessert sich von 1.83 auf 1,46. Die Tierarztkosten vermindern sich um 1 Cent je kg Milch (Forschungsanstalt für Agrarwirtschaft und Landtechnik CH( TAT) u. eig. Berechnungen ). Die irischen Milchproduzenten weisen bei vergleichbarer Milchquote innerhalb Europas trotz niedrigem Milchpreis und relativ geringer Milchleistung der Kühe den höchsten Unternehmergewinn aus.
Fachhochschule Südwestfalen forscht
Diese besonders nachhaltige Form der Grünlandnutzung wird z. Z. in einem Forschungsvorhaben der Fachhochschule Südwestfalen unter Prof. Dr. M. Wittmann und Prof. Dr. N. Lütke Entrup auf ihre Praxistauglichkeit hin wissenschaftlich untersucht und begleitet. Die Forschungsergebnisse dienen als Hilfestellung der Bauern zur Neuausrichtung in der Weidewirtschaft. Das Forschungsvorhaben läuft bis 2010.
Weitere Infos unter http://specht.over-blog.de