Milchkrise : Ein weiter so darf es nicht mehr geben
Milchkrise : Ein weiter so darf es nicht mehr geben
Kaum hat sich der Pulverdampf diverser Protestveranstaltungen der Bauern langsam gelegt, wird der Blick für die wahren Probleme wieder klarer. Als erstes ist festzustellen, dass der Weltmarkt auf Proteste allein nicht reagiert. Die Milchpreise befinden sich weiter im freien Fall. Und was sagt die Politik dazu: Sie schweigt, denn sie weiß selber nicht, wie sie die harte Bruchlandung der Bauern auf dem Boden des Weltmarktes händeln soll. Dabei ist die Erklärung denkbar einfach: Wenn am Bedarf vorbeiproduziert wird, fallen die Preise.
Alte Grundsätze müssen über Bord geworfen werden
Die Gesetzmäßigkeiten des Marktes anzuerkennen fällt den Politikern und Verbandsvertretern schwer. Sie müssten dann nämlich ihre ungebremste Wachstumsphilosophie überdenken und kämen dann - dem gesunden Menschenverstand folgend - zu einem ganz anderen Ergebnis. Wie kann es sein, dass Politiker und Verbandsvertreter jede Art von Mengenanpassungen, von welcher Seite sie auch immer vorgetragen werden, kategorisch ablehnen. Die Gier nach Marktanteilen ist ihnen wohl wichtiger als die Sicherung bäuerlicher Existenzen.
Es gibt auch hoffnungsvolle Signale
Ganz anders eine kleine Meierei in Nordhessen: Die Eigentümer der Upländer Bauernmeierei haben auf der Grundlage der Quote eine flexible Mengensteuerung beschlossen. Mit dem Beschluss wollen die Eigentümer – sprich Bauern – die Basis-Anlieferungsmenge preislich stabilisieren. Josef Jacobi, Vorsitzender der Milcherzeuger dazu: Zurzeit ist zu viel Milch auf dem Markt. Das drückt den Erzeugerpreis der Milchbauern. Wir wollen aber faire Preise, deshalb muss alles getan werden, um die Übermengen abzubauen. Die Agrarminister von Bund und Länder in Deutschland könnten das für alle Milcherzeuger und Molkereien umsetzen, aber sie verweigern sich dem bisher. Um den Druck auf die Minister zu erhöhen, gehen wir voran und zeigen wie es geht“. Im Klartext heißt das: Für die Basis-Menge, das ist jene Menge, die am Markt zu angemessenen Preisen abgesetzt werden kann, erhält der Milchlieferant einen „fairen Preis“. Die darüber hinaus angelieferte Menge wird zum Spotmarktpreis abgerechnet( Handelspreis zwischen den Meiereien). Die Milchquote reduziert sich um die Quotenerhöhung, den Fettkorrekturfaktor und dem Umrechnungsfaktor von Litern auf Kilogramm = Basis-Menge. Das entspricht in etwa einer Quotenkürzung von 7 Prozent. Gemäß den Marktmechanismen soll dieses Verfahren flexibel gestaltet werden.
Leider noch zu kurz gesprungen
Nachteil: Dieses Verfahren sieht keine Begrenzung der Anlieferungsmenge vor. D.h. im Rahmen einer Mischkalkulation kann es für Milcherzeuger durchaus sinnvoll sein mehr Milch an die Meierei zu liefern. Die gelieferten Übermengen drücken am Spotmarkt für Milch wiederum die Preise, die ihrerseits wieder einen negativen Einfluss auf die Marktpreise und damit auf die Milchgeldauszahlungspreise haben.
European Milk Board – kartellrechtlich problematisch
In Anlehnung an die OPEC ( Organisation ölexportierender Länder ) ist der European Milk Board (EMB) gegründet worden. Aus Deutschland sind folgende Verbände Mitglied des EMB: Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft e.V. und der BDM (Bundesverband Deutscher Milchviehhalter eV. Präsident des EMB ist Romuald Schaber (BDM - Vorsitzender). Ziele des Milk-Board sind: Durch Bündelung der Milch- Mengen auf der Produktionsseite den Verarbeitungsbetrieben als gleichwertigen Partner gegenüberzustehen, um so faire Preise für die Bauern durchsetzen zu können. Gemäß den Aussagen des MB – Vorstands Johannes Bayrhof kann das System der Markteinflussnahme erst greifen, wenn mindestens 80 Prozent der Milcherzeuger dem Milk-Board beigetreten sind. Mitglieder des MB dürfen ihre Milch nur zu dem vom MB beschlossenen Mindestpreis verkaufen. Darüber hinaus sollen Satzungen von Vermarkungsorganisationen so geändert werden, dass in den Vermarktungsorganisationen die MB-Satzung gilt. Eine solche angestrebte Machtfülle des MB wird vom Bundeskartellamt kritisch gesehen. Auszug aus dem Schreiben des Budenkartellamtes an das“ Unternehmen Milch“ vom 30. März 2009 : „Eine erhebliche Bündelung des Angebotes von Rohmilch, wie sie z.B. die MEG – Milch Board anstrebt, auch unter Berücksichtigung des Marktstrukturgesetzes ist nach Ansicht der Beschlussabteilung nicht mehr vom Kartellverbot des GWB ausgenommen. Schon eine Bündelung, die wesentliche Bestandteile des Bundesgebietes erfasste, erst recht jedoch eine Bündelung der Rohmilch auf europäischer Ebene über das European Milk Board oder vergleichbare Erzeugergemeinschaften wäre darüber hinaus auf ihre Konformität mit Europäischen Recht ( Artikel 81 EG Vertrag) zu überprüfen. Es gibt daher nach Einschätzung der Beschlussabteilung eine kartellrechtlich kritische Grenze für die Bündelung von Erzeugergemeinschaften, bei deren Überschreitung die Freistellung vom deutschen und europäischen Kartellverbot nicht mehr vorliegt“.
Brain -power nicht unnütz vergeuden
Insoweit steht die angestrebte Machtfülle des MB auf tönernen Füßen. Vielmehr sollten Wege beschritten werden, die einer kartellrechtlichen Überprüfung standhalten. Eine Bündelung der Rohmilch im Rahmen rechtlicher Möglichkeiten ist zwar hilfreich; jedoch kann dies nur ein Baustein in einem Bündel von Maßnahmen sein. Es macht keinen Sinn, Brain - power für Maßnahmen einzusetzen, die keinen Erfolg bringen können.
Auch der Bauernverband ist aktiv
Auch der Bauernverband hat sich etwas einfallen lassen. Zwar will er den Wettbewerb über alles –aber bitte mit Vollkaskoversicherung durch die Steuerzahler. Wenn das Angebot die Märkte überschwemmt, dann müssen Exportsubventionen her. Die rufen wiederum die Amerikaner auf den Plan, die aufgrund der wiederaufgenommenen Exportsubventionen der EU ebenfalls nachlegen. Nach dem Motto: Wir werden den Weltmarktpreis für Milch schon kaputtkriegen. Erstes Ergebnis: Neuseelands Bauern erhalten für das Jahr 2009/10 weniger Milchgeld. Fonterra, Neuseelands größte Meierei, zahlt an die Bauern in der neuen Saison, die am 1. Juni begann, 16,75 Cent je kg Milch aus. Diese Entwicklung wird sich auch auf den Milchgeldauszahlungspreis in Deutschland auswirken. Dank der Aktivitäten des Bauerverbandes. Trotz dieser desaströsen Aussichten hält man am ungebremsten Wachstum fest und lehnt eine marktangepasste Milch- Produktion(bisher) ab.
Deutschland ist Gunststandort
Und was sagen unsere Wissenschaftler(1) aus Kiel dazu: „Die Perspektiven für die Milchproduktion in Deutschland sind gut: Deutschland gilt EU-weit betrachtet als Gunststandort der Milcherzeugung, zumindest was die natürlichen Standortverhältnisse, die Marktnähe und den hohen Ausbildungsstand der Landwirte anbetrifft. Um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können, muss aber ein Umdenken stattfinden: Der Ruf nach Mengensteuerung, egal ob staatlich verordnet oder privat organisiert, passt nicht mehr in die Zeit. In einem international vernetzten Milchmarkt muss jede Art von nationaler Mengensteuerung ein Schuss in den Ofen werden. Sollten tatsächlich höhere Preise durchgesetzt werden, wird das dazu führen, dass die deutschen Molkereien nicht mehr in der Lage sein werden, 40% der Milchmenge zu exportieren“.
Konzepte liefern die Wissenschaftler in einer philosophischen Betrachtungsweise gleich mit
Das Modewort heißt Vertrauen: Vertrauen in Wertschöpfungsketten, Vertrauen als Wettbewerbsfaktor, Vertrauen, Vertrauen und nochmals Vertrauen. Gleichzeitig empfehlen die Wissenschaftler den gnadenlosen Wettbewerb um Marktanteile - nicht zwischen den einzelnen Bauern- nein -die sollen ja im vertikalen Verbund vertrauensvoll zusammenarbeiten, sondern zwischen den Regionen. Die Umsetzung dieser Expansionsstrategie duldet keinen hohen Milchgeldauszahlungspreis, denn es ist nicht anzunehmen, dass Regionen kampflos ihre Marktanteile abgeben. Diese Strategie setzt auf knallharten Wettbewerb, sie operiert immer am Rande der Überproduktion und darüber hinaus. Ein auskömmlicher Milchgeldauszahlungspreis an die Bauern ist in diesem System nicht zu erwarten. Das so gepriesene Vertrauen wird in diesem System mit mathematischer Genauigkeit zerbrechen. In dem zu erbauenden Boot des Vertrauens steht noch nicht einmal fest, wer bei einem Leck das Wasser schöpft. Insoweit sind die Empfehlungen der Wissenschaftler, was das Vertrauen anbelangt, weltfremd und reines Wunschdenken.
Wie sieht es im internationalen Wettbewerb aus?
Hier liefern die Wissenschaftler gleich eine Tabelle mit, die es in sich hat.
Diese Tabelle macht deutlich wohin die Reise geht, wenn ab 2013/15 die Exportsubventionen und die Importschutzzölle der EU wegfallen. Dann ist der Milchgeldauszahlungspreis der Bauern an den Weltmarktpreis gekoppelt. Und dieser richtet sich nicht nach den Produktionskosten der Milch in Deutschland, sondern nach den Produktionskosten der Gunststandorte weltweit. Diese Gunststandorte liegen im pazifischen Raum, Südamerika, Irland und Osteuropa. Die Produktionskosten liegen in diesen Gunststandorten zwischen 16-24 Cent je kg Milch ECM. Hinzu kommt, dass Länder wie China und Indien, die jährliche Zuwachsraten im zweistelligen Prozentbereich in der Milchproduktion aufweisen, in Zukunft möglicherweise als Exportländer für Milchprodukte auftreten. Vor diesem Hintergrund und der Tatsache, dass die Produktionskosten je kg Milch ECM (Vollkosten) in Deutschland zwischen 33-45 Cent liegen, machen deutlich, dass ohne Exportsubventionen langfristig nichts läuft. Es ist eine Illusion zu glauben, dass der Milchbauer am Weltmarkt mittelfristig Geld verdienen kann, zumal die Exportsubventionen wegfallen. Die Fakten sprechen eine deutliche Sprache. Wer dennoch wider besseres Wissen die Bauern auf diese Fährte schickt, der spielt mit dem Schicksal der bäuerlichen Familienbetriebe. Nicht Wachstum um jeden Preis ist gefragt, sondern Vernunft, Augenmaß und eine mengenangepasste Produktion, die variabel auf Veränderungen des Marktes reagieren kann. Hier muss Die EU gemeinsam handeln, denn im internationalen Wettbewerb haben die meisten EU-Staaten schlechte Karten. Dabei darf Wettbewerb nicht ganz ausgeschlossen werden. An dieser Aufgabe müssen alle mitwirken. Auch der Bauernverband, die Molkereien und die Genossenschaften dürfen nicht beiseite stehen. Bisher tun sie es noch!
(1) siehe im Internet unter Google ( Article-05-07) - Weitere Infos unter http://specht.over-blog.de