Der globale Milchmarkt: Tanz um das goldene Kalb
Der globale Milchmarkt: Tanz um das goldene Kalb
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Kommentar vom SV Karl-Dieter Specht
Viele können es kaum erwarten – das Ende der Milchquote! Freie Fahrt dem Tüchtigen. 20 Prozent der Milchviehbetriebe sind die Treiber am Markt. Sie bestimmen in Zunft wo`s lang geht! Diese und ähnliche Sprüche hört man landauf und landab. Besonders ein Fachmann der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen mit Namen Dr. Theo Göbbel versucht mit griffigen Formulierungen die Milchbauern auf Kurs zu bringen. Wachen wenn´s stimmt - ja- sonst aussteigen ! Dabei muss sich die Anzahl der Kühe alle 10 Jahre verdoppeln. Natürlich nur bei denen, die eh die Treiber am Markt sind. Was mit dem Durchschnitt geschehen soll ist auch klar: Die haben sich schleunigst vom Acker zu machen, damit die Treiber wachsen können. Mit diesen Ansichten befindet sich Dr. Göbbel in bester Gesellschaft:
England: Bei einer Fachtagung der britischen Agrarabsatz-Förderorganisationen entwarf John Allen von der Beratungsfirma Kite Consulting kürzlich ein Szenario, wonach sich die Anlieferungen an Großbritanniens Molkereien bis 2020 auf 15 Mio. t erhöhen könnten und damit um knapp 13 % über dem heutigen Niveau lägen.
Anmerkungen: Als Pluspunkte der Milchproduktion in England gegenüber den anderen EU-Ländern sieht die Beratungsfirma das Klima und die Betriebsgrößen an. Hinzu kommt, dass Arla-Food - neben Müller-Milch- sich in der Milchwirtschaft stark engagiert. Allerdings, so der englische Bauernverband, zahlt Arla keinen zufriedenstellenden Milchpreis an die Michbauern.
Irland: Sein Ressort legte vergangene Woche einen Plan vor, wie diese Ausweitung von Kuhbestand und Milcherzeugung nach dem Ausstieg aus der Milchquote im Jahr 2015 vor sich gehen soll. Konkret bedeutet dies laut den Schätzungen des Ministeriums eine Erhöhung des Kuhbestandes um 300.000 auf 1,4 Millionen Tiere und eine Ausweitung der Produktion um mehr als 2,5 Mrd. l auf 7,66 Mrd. l bis 2020. Den Iren geht es darum, schnell aus den Startlöchern zu kommen, wenn 2015 die durch die Milchquote vorgegebenen Produktionsbeschränkungen EU-weit fallen (Quelle.topagar).
Anmerkungen: Das Ende der Milchquote ist für die Iren ein Glücksfall. Sie verfügen mit über die besten Produktionsbedingungen für Milch in Europa und brauchen keine Konkurrenz zu fürchten. Im Gegenteil: Sie werden die Treiber am Markt sein nach denen sich die Anderen zu richten haben. Das erklärte Ziel Irland ist: Sie wollen Europa mit billigen Milchprodukten versorgen!
Deutschland : In seiner 5. These machte Achler (Chefredakteur von topagrar) Mut. Der Milchstandort Deutschland hat Zukunft: Günstiges Klima, gute Böden. Die gute Ausbildung und hohe Motivation der Betriebsleiter, sowie die flächendeckend gute Beratung und nicht zu vergessen die über 80 Mio. Verbraucher im eigenen Land(Quelle:topagrar).
Weltmarkt: Als Ursachen beschrieb Achler den weltweiten Rückgang der Nachfrage, aber auch die Überproduktion von Milch und Milchprodukten innerhalb der EU. Da Brüssel den Milchmarkt nur noch begrenzt stütze, stieg der ökonomische Druck auf Milcherzeuger und Molkereien. Die Milchviehhalter reagieren mit Wachstum. Allein in Süddeutschland wurden im Jahr 2008, so Achler, 800 neue Boxenlaufställe gebaut. Aber auch in Norddeutschland würden die Betriebe kontinuierlich um zwei bis drei Kühe pro Jahr wachsen. Neben dem betrieblichen Wachstum machte sich aber auch der Fortschritt bemerkbar. Durch die weitere Optimierung von Zucht, Fütterung und Technik stiegen die Leistungen der Kühe weiter.
Anmerkungen: Wo Achler recht hat – da hat er recht ! Recht hat er, wenn es um den Nachfragerückgang in Europa geht. Recht hat er, wenn die europäische Überproduktion auf dem Weltmarkt abgesetzt werden muss. Recht hat er, wenn dadurch die Preise unter Druck geraten. Recht hat er, wenn viele Milchbauern fehlendes Milchgeld durch Mehrproduktion ausgleichen wollen.
Dazu Lars Hoelgaard: Es könne nicht sein, dass jeder Bauer so viel Milch produziert, wie er will. Die Molkereien sollten vielmehr die Mengen vertraglich festschreiben. Als "perverse Reaktion" bezeichnete es Hoelgaard, dass die Milcherzeuger auf die fallenden Milchpreise mit höherer Produktion reagiert hätten.
Und wie sieht`s mit dem Weltmarkt aus?
Dr. Torsten Hemme: Die andere Hälfte der Wahrheit ist, dass gleichzeitig die inländische
Milchproduktion in China so schnell wie nie zuvor gestiegen ist: und zwar um 27 % pro Jahrzwischen 2000 und 2005. Nach den Erhebungen des IFCN vor Ort erreichen Spitzenregionen in China Wachstumsraten von über 50% pro Jahr. Das bedeutet, dass innerhalb von 5-6 Jahre ein Milchproduktionsland von der Größe Kanadas entstanden ist. Fakt ist: Die inländische Produktion von Milch ist schneller angestiegen als der inländische Milchverbrauch. Dr.Torsten Hemme: Die zweite Unbekannte ist, wann die hohen Milchpreise die Landwirte weltweit erreichen und wie stark diese die Produktion ausweiten. Stellen wir uns folgendes Szenario vor: Die chinesischen Milchbauern bekommen einen Milchpreis von über 40 Euro Cent - das ist doppelt so hoch ist wie der Preis in 2006 - und weiten die Milchproduktion „noch“ kräftiger aus. Wenn gleichzeitig die chinesischen Verbraucher auf die weiter steigenden Preise mit Kaufzurückhaltung reagieren, könnte China relativ schnell von einem Nettoimporteur von Milchprodukten zu einem Nettoexporteur werden. Ein solches Szenario würde für erhebliche Turbulenzen auf dem Weltmilchmarkt sorgen. Wenn auch die meisten Stimmen eine Rückkehr zum alten Preisniveau für unwahrscheinlich halten, sollte man im Hinterkopf behalten, dass das erreichte Preisniveau auf wackeligen Beinen steht.
Und wie reagieren die Milchbauern?
Cuxhaven. Drei Jahre ist es her, dass die Grünland-Region Cuxland fast „Land unter“ meldete. Der Milchpreis befand sich im freien Fall, wütende Bauern kippten das wertvolle Nass in den Gulli statt es für einen Billig-Preis zur Molkerei zu geben. Die Landwirte traten in den Streik. Heute ist davon nichts mehr zu spüren. Die Milchwirtschaft brummt – so stark wie lange nicht( Quelle: Inga Hansen).
Beobachtungen einer Redakteurin!
Wer aufmerksam übers Land fährt, sieht es. Allerorten schießen neue, große Boxenlaufställe aus dem Boden, auch die bunten „Zirkuszelte“ der Biogas-Anlagen tauchen immer öfter an den Ortsrändern auf. Die Kreissparkasse hat jüngst gar ihre Bilanzpressekonferenz in einem Kuhstall abgehalten – eine Verbeugung vor der boomenden Branche. 325 Baugenehmigungen hat der Kreis den Bauern im vergangenen Jahr erteilt – drei Mal wie so viel wie noch 2005. Zwei Drittel davon galten Stallerweiterungen oder Neubauten, schätzt Marcus Itjen vom Kreis-Bauamt(Quelle:Nordseezeitung)
Jetzt öffnen sich die Schleusen !
Die Quote hat die Entwicklung jahrelang gebremst. Jetzt öffnen sich die Schleusen“, sagt Christian Sancken. Erstaunliche Worte aus dem Munde eines derjenigen, die für den Erhalt der europaweiten Mengenbeschränkung gekämpft haben. Der Milchbauer aus Debstedt war einer der Wortführer des Streiks, er hat dafür gestritten, dass die Bauern die Kontrolle darüber übernehmen, wie viel Milch auf den Markt schwappt. Ein Konzept, das damals für Furore sorgte. Heute gesteht Sancken: „Politisch sind wir gescheitert.“ Der freie Markt regiert mehr denn je. Und die Cuxland-Bauern mischen kräftig mit( Quelle: Nordseezeitung)
Anmerkungen: Vor Jahren hat Sancken im Rahmen eines Gottesdienstes auf seinem Hof um göttlichen Beistand gebeten. Davon ist heute nichts mehr zu spüren. Die „göttliche Einsicht“ ist einem radikalen Marktliberalismus gewichen, den auch Sanken erfasst hat. „Was hat sich denn geändert?“, fragt man sich erstaunt bei diesem Sinneswandel! Nichts!-Außer - man ist eine Opportunist(Egoist) - und hängt sein Fähnchen nach dem Wind. D.h. man sucht seine Vorteile auf Kosten anderer. In diesen Fall ist jedes Mittel recht. Aber diese Rechnung wird nicht aufgehen, denn der Markt lässt keine Bäume in den Himmel wachsen.
Der Markt regelt alles! - Oder doch nicht?
Die nichtssagenden Floskeln des Dr. Göbbel
Jüngsten Preisabschlüssen für Produkte der Weißen Linie (Trinkmilch, Quark, Sahne) haben sich die Molkereien offenbar einen erbitterten Kampf geliefert – sowohl mit dem Lebensmitteleinzelhandel als auch untereinander.
"Die Molkereien stehen in einem hartem Wettbewerb, wenn sie versuchen, Preiserhöhungen durchzusetzen", schreibt Dr. Theo Göbbel von der Landwirtschaftskammer NRW im aktuellen Wochenblatt Westfalen-Lippe. Der Lebensmitteleinzelhandel würde auf höhere Preisforderungen mit "Lagerverschiebungen" zwischen den Molkereien reagieren. Das heißt, Molkereien, die höhere Preise durchsetzen wollten, werden ausgelistet, um sie "zu disziplinieren und abzustrafen", so Dr. Göbbel(Quelle: topagrar).
Anmerkungen: Warum wohl Herr Dr. Göbbel? Sind sie es nicht und Ihresgleichen, die ständig den Gunststandort Deutschland herbeireden, den freien Milchmarkt für die Wachstumsbetriebe fordern und dadurch ein ideales Verhandlungsumfeld für den Einzelhandel schaffen, um günstige Kontrakte raus zu handeln. Natürlich zu Lasten der Milchbauern. Darüber hinaus booten genossenschaftliche Meiereien sich gegenseitig aus mit dem Ziel, sie für Fusionen weichzuklopfen. So geschehen im Fall Humana. Hochwald scheint der nächste Kandidat zu sein. Und das alles auf Kosten der Milchbauern. Zudem wird immer noch mehr Milch produziert als verbraucht wird. D.d. diese Mehrproduktion muss auf dem Weltmarkt abgesetzt werden Zum Glück klappt das zurzeit diese Mehrproduktion zu annähernd „angemessenen“ Preisen auf dem Weltmarkt abzusetzen. Angesichts des oben dargestellten Szenarios werden sich diese angemessenen Preise auf wenige Glücksmomente beschränken!
Wie geht´s weiter!
Die Exportaussichten für die nächsten Monate sind zwar insgesamt positiv. Allerdings hat sich die Nachfrage momentan etwas abgeschwächt: Bei Käse fragt vor allem das Zugpferd Russland weniger nach. Grund hierfür sind die relativ hohen Preise, volle Läger in Russland und billigeres Angebot aus Weißrussland. Bei Milchpulver und Butter erschwert der schwache Dollar und starke Euro den Export. Zudem drücken die USA mehr Milchpulver auf den Weltmarkt( Quelle: topagrar)
Anmerkungen: Ungeachtet der Sensibilität des Milchmarktes wird weiter auf „den Putz“ gehauen mit kräftiger Unterstützung der Experten. Was der Europäische Rechnungshof dazu gesagt hat, ist Schnee von gestern. Heute gilt es, die Gunst der Stunde zu nutzen und die Produktion auszubauen, um sich gestärkt für 2015 aufzustellen. Nach dem Motto: Die guten Jahre müssen die schlechten Jahre ernähren. Nur – in den letzten 10 Jahren hatte Europa 8 schlechte und 2 gute Jahre. Der pazifische Raum hingegen 2 schlechte und 8 gute Jahre. Mal sehen, wer aus der nächsten Krise „gestärkt“ rauskommt. Natürlich jene Regionen, die über die besten Produktionsbedingungen verfügen. Hier müssen die „Experten“ Dr. Göbbel und Achler noch viel Überzeugungsarbeit leisten, um die Milchbauern von ihrer (unrealistischen) Weltmarkt-Wettbewerbs-Theorie des Gunststandortes Deutschland zu überzeugen. Die Frage ist nur: Wie lange laufen die Milchbauern diesen unrealistischen Theorien der Experten noch nach?