Deutsche Bank : Vom Saulus zum Paulus ?
Deutsche Bank : Vom Saulus zum Paulus ?
Was steckt dahinter, wenn sich die Deutsche Bank mit landwirtschaftlichen Fragestellungen befasst? Wittert die Deutsche Bank Geschäfte mit Gewinnspannen von 25 Prozent? Will sie am Welthandel kräftig mitverdienen oder macht sie sich Sorgen um die zukünftige Entwicklung der Landwirtschaft und damit um die Versorgung der Weltbevölkerung mit Nahrungsmitteln? Beides ist richtig! Zum Einen will sie natürlich ihr Geschäftsfeld ausweiten, was ja nichts unanständiges sein muss. Zum Anderen weist die Deutsche Bank auch auf negative Folgen der modernen Landwirtschaft hin. Darüber hinaus kritisiert sie die Spekulationen im Agrarbereich, setzt sich für Gerechtigkeit ein und öffnet ihr Herz für die Ärmsten der Armen. Eine wahrhaft tolle Wandlung ! Wandelt sich die Deutsche Bank jetzt vom Saulus zum Paulus? Der Reihe nach: Am Anfang der Studie „ Lebensmittel-Eine Welt voller Spannung“ steht natürlich die Analyse mit folgender Zielsetzung:
· Hunger abbauen
· Ernährungsbedingte Krankheiten abbauen
· Umweltverträglichkeit erhöhen
Hunger abbauen
Die Zahl der hungernden Menschen wird Ende 2009 auf eine Milliarde Menschen anwachsen. Von der Hungersnot sind Afrika (Sahel-Zone) und Südostasien am meisten betroffen.
Dazu Theodore W. Schulz ( Wirtschaftsnobelpreisträger): „Die meisten Armen der Welt leben von der Landwirtschaft; wenn wir also die wirtschaftlichen Grundlagen und Zusammenhänge der Landwirtschaft kennen, wissen wir auch viel über die wirtschaftlichen Grundlagen und Zusammenhänge der Armut“.
Konsequenz der Armut: Die Menschen können kein Geld zurücklegen, um ihre Kinder ausbilden zu lassen; sie haben keinen Zugang zu Krediten. Hunger und Unterernährung setzen ihre Leistungsfähigkeit herab. Rund 50 Prozent der Hungernden sind Kleinbauern, die zu 20 Prozent kein Land besitzen. Deshalb können sie der Geißel der Armut nicht entfliehen. Ironischer Weise ist die Hungersnot in den ländlichen Gebieten mit am Größen, in denen Lebensmittel produziert werden.
Lösungsansätze:
Zitat: „Der potentielle Beitrag der Landwirtschaft zum Wachstum und zur Armutsbekämpfung hängt von der Produktivität der Kleinbauern ab“.
Zwei Drittel der drei Milliarden Menschen, die weltweit in ländlichen Gebieten leben, ernähren sich von den Erträgen von weniger als zwei Hektar Land. Diese 500 Millionen Kleinbauern spielen eine zentrale Rolle für eine gerechte Versorgung und für die Armutsbekämpfung. Kleine Höfe- so die Studie- sind besonders widerstandsfähig. Wegen ihrer Größe sind sie besonders flexibel und können auf Marktveränderungen leichter reagieren. Die Kleinbetriebe müssen in den allgemeinen Wachstumsprozess mit eingebunden werden. Sie müssen Zugang zu Vermögenswerten haben wie: Gerechte Verteilung von Land, Wasser, Technik, Finanzmittel, Bildung, Energie und funktionierende Märkte. Auch die Spekulation ist ein Teil des Problems. Die Märkte müssen liberalisiert werden, damit die Entwicklungsländer freien Zugang zu den OECD-Märkten erhalten. Nutznießer der Marktöffnung sind die Entwicklungsländer.
Was sagt uns das?
Eine wie immer geartete Exportförderung von Agrarprodukten in Drittländer verhindert die Entwicklung der bäuerlichen Landwirtschaft in diesen Ländern. Nicht Agrarexporte lösen das Ernährungsproblem der Zukunft sondern die Stärkung der Bauernwirtschaft in den Entwicklungsländern. Interessant ist auch die Feststellung, dass Spekulationen problemverschärfend sind. Ist das etwa die Rolle rückwärts der Deutschen Bank, die mit Spekulationen am Finanzmarkt Milliarden verdient? Auch die gerechte Verteilung von Land wird angemahnt ( Landreform ), d.h. die Deutsche Bank schlägt sich auf die Seite der Besitzlosen. Auch wird mit der Mär aufgeräumt, dass Exporte die Problemlöser der hiesigen Bauern sind. Im Gegenteil: Subventionierte Exporte verhindern eine erfolgversprechende Entwicklung der bäuerlichen Landwirtschaft in den Entwicklungsländern. Insoweit grenzt sich die Deutsche Bank deutlich von den Forderungen des Bauernverbandes ab.
Ernährungsbedingte Krankheiten
Mit dem Ernährungsverhalten großer Teile der Menschheit geht die Studie hart ins Gericht. Dazu ein Zitat:“ Die weltweite Übergewichtsepedemie betrifft uns alle – Familien, Gesellschaften und Länder in der ganzen Welt. Es handelt sich um ein in jeder Hinsicht gewichtigen Thema, das in den kommenden Jahren ernsthafte Folgen für das gesundheitliche Wohlbefinden, die Lebenserwartung und die wirtschaftliche Produktivität haben wird, wenn es nicht ernsthaft angegangen wird“.
Ursache dieser negativen Entwicklung sind falsche Ernährungsgewohnheiten. Es wird einfach zu viel und nicht das Richtige gegessen. Die Anzahl der „Dicken“ ist von 100 Millionen (1950) auf rund 1,6 Milliarden angestiegen. Fett, Zucker und Bewegungsarmut sind die Treiber zum Dickwerden. Auch die zunehmende Verzehrung tierischer Produkte, insbesondere in Schwellenländern durch Verbesserung der Lebensbedingungen, verschärft das Problem. Zudem führt die Erzeugung von tierischen Proteinen zu hohen ökologischen Belastungen. 8% des Wasserverbrauchs werden für die Nutztierhaltung benötigt. Die Nutztierhaltung verursacht 55% der Landerosion und Sedimentbildung. 37 Prozent aller Pestizide werden hier eingesetzt u.u. Bei einem hohen Fleischverbrauch werden die Faktoren Wasser, Energie und Getreide ineffizient genutzt. Für die Ernährung eines Menschen ein Jahr lang mit tierischen Proteinen werden tausend Kilo Getreide benötigt gegenüber zweihundert Kilo Getreide bei einer pflanzlichen Ernährung.
Lösungsansätze:
Die Essgewohnheiten, insbesondere in den Industriestaaten, müssen sich ändern. Die Teibhausgasemissionen der Fleischproduktion müssen bei der Lastenverteilung genau so berücksichtigt werden wie die Umweltbelastung durch den Auto-und Flugverkehr. Ferner sollte verhindert werden, dass die Entwicklungsländer nicht die Fehlentwicklungen der Industrieländer kopieren. Eine Besteuerung von „Dickmachern“ sollte in Zukunft nicht mehr ausgeschlossen werden.
Was sagt und das ?
Über den Tellerrand zu gucken fällt oft schwer, wenn man selbst nicht davon betroffen ist. Auch lassen sich diese weltweiten Probleme auf die Dauer nicht ausblenden. Deshalb ist ein Umdenken mittelfristig erforderlich, damit Umweltschäden nicht irreparabel werden. Neben den Veränderungen der Essgewohnheiten ist eine Umsteuerung der landw. Produktion in Zukunft unerlässlich. Das bedeutet auch, dass die Werbung auf Fehlentwicklungen hinweisen muss. Nicht nur die Gewinnmaximierung darf bei der Umsteuerung im Vordergrund stehen, sondern die umweltverträgliche und nachhaltige Erzeugung landw. Produkte, damit die zukünftige Ernährung der Weltbevölkerung gesichert werden kann.
Umweltverträglichkeit erhöhen
Der intensive Ackerbau hat vor allem durch den Einsatz von Agrochemikalien zum Rückgang der Biodiversität geführt. Durch die intensive Bodennutzung hat der Umfang der Bodendegeneration zugenommen. Zwei Milliarden Hektar Agrarland sind davon betroffen. Betroffen davon sind insbesondere Afrika und Lateinamerika. Laut Weltbank gehen weltweit jährlich 5-10 Millionen Hektar landwirtschaftliche Flächen durch Bodendegenerationen verloren. 18 Prozent der gesamten Treibhausgase stammen aus der Viehhaltung (mehr als durch den Verkehr). Durch den verstärkten Einsatz von Dünger und Gülle wird ebenfalls die Umwelt belastet. Transporte müssen eingeschränkt werden.
Lösungsansätze international:
Kosten-Nutzenanalyse von Ökosystemen, Belohnung der Bauern für eine umweltfreundliche und sinnvolle Landnutzung und Ausweitung des Verursacherprinzips, indem Marktpreise die Verschmutzungskosten der Umwelt widerspiegeln. Den Nahrungsbedarf möglichst ortsnah produzieren. Ein nachhaltiges Wachstum im Agrarsektor ist notwendig, um die Welt zu ernähren, die Lebensbedingungen in ländlichen Gebieten zu verbessern und das Wirtschaftswachstum zu stützen. Gleichzeitig müssen die Mindeststandards bei der Lebensmittellsicherheit erfüllt werden. All dies muss in umweltverträglicher und gesellschaftlich nachhaltiger Weise erfolgen. Die Landwirtschaft muss sich ändern, um die Welt zu ernähren. Durch die Nutzung ökologischer Ansätze in unterschiedlichen Fassetten und in Kombination mit überlegtem Einsatz von chemischen und organischen Düngern ist das möglich. Reformen der Agrarpolitik in der EU und in den USA sind von entscheidender Bedeutung. Durch die Liberalisierung darf das Angebot im Inland nicht geschmälert werden.
Lösungsansätze für Europa:
Eine nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen (Boden, Wasser und Biodiversität) und die Bewahrung gesunder Agrosysteme sind von entscheidender Bedeutung, um die landwirtschaftliche Produktivität und die langfristige Lebensmittelsicherheit in der EU zu bewahren. Zum Beispiel:
· Überprüfung von Begünstigungen, die intensiv geführte Betriebe erhalten,
· Umweltprobleme angehen, die durch die intensiv geführte Landwirtschaft entstehen,
· Förderung von traditionellen Anbaumethoden, die weniger Chemikalien einsetzen,
· Lebensmittelproduktion mit genmanipulierten Organismen überprüfen ( Forschung),
· geistige Eigentumsrechte überprüfen, um Machtpositionen von Unternehmen zu regulieren,
· Probleme der EU-Erweiterung lösen und die beträchtlichen Zahlungsunterschiede zwischen den Ländern anpassen und
· Verringerung von Marktverzerrungen
Was sagt uns das?
Die Sicherung der Welternährung wird nicht durch die Intensivierung der europäischen Landwirtschaft in Verbindung mit subventionierten Agrarexporten in Drittländer erreicht, sondern durch die nachhaltige Förderung der bäuerlichen Landwirtschaft in den Entwicklungsländern. Lebensmittel sollten nach Möglichkeit da erzeugt werden, wo sie gebraucht werden. Die Entwicklungsländer müssen freien Zugang zu den Agrarmärkten erhalten. Die intensive Landwirtschaft ist auf eine nachhaltige Wirtschaftsweise umzustellen. Dabei muss die Sicherung der Ressourcen im Vordergrund stehen und nicht nur die Gewinnmaximierung. Das bedingt, dass das Förderungssystem der EU umgestellt werden muss. Nicht der „wettbewerbsfähige Betrieb ist das Maß der Dinge, sondern der nachhaltig wirtschaftende. Wenn beides zusammen passt, umso besser!
Zusammenfassung:
Die von der Deutschen Bank vorgelegte Studie ist schon bemerkenswert. Die Konsequenz, die sich aus der Studie ableiten lässt, passt nicht in das Konzept des Bauernverbandes. Insoweit ist sie ein Regulativ gegenüber alt hergebrachten Klischees. Die Deutsche Bank stellt im Agrarbereich die Gewinnmaximierung nicht mehr in den Vordergrund des Handelns, sondern stellt Nachhaltigkeit der Produktion, der Wertschöpfungsketten und der sozialen Komponente als gleichrangige Ziele daneben. Damit hebt sich die Deutsche Bank mit ihrer Studie deutlich von ihrer Gewinnmaximierungsstrategie ab. Gewollt oder ungewollt – die zukünftige Entwicklung der Deutschen Bank wird es zeigen. Die als Überschrift gestellte Frage ist erst in ein paar Jahren zu beantworten. Vielleicht hat die Deutsche Bank ja aus der Finanzkrise gelernt.