Deutscher Bauerntag 2010 - Mehr Fragen als Antworten!

Veröffentlicht auf von Karl-Dieter Specht

26.04.2010 10;45;34Deutscher Bauerntag 2010 – Mehr Fragen als Antworten !

Er sollte zu einem Befreiungsschlag werden, man wollte „Tacheles“ reden und was kam dabei rum? Man klopfte sich gegenseitig auf die Schultern und bemühte die Gemeinsamkeiten, die nicht vorhanden sind, um so ein Bild der Geschlossenheit zu demonstrieren. Gleichzeitig erteilte Präsident Gerd Sonnleitner quasi jene ein Redeverbot, die sich Gedanken über das Jahr 2013 machen.

Immer wieder die gleiche Leier

Originalton Sonnleitner: „So viel, dass sich wilde Diskussionen über Große Reformen in 2013 schlichtweg verbieten.“  Allein die Angst, es könnte sich in einer beginnenden Diskussion herausstellen, dass die Positionen des Bauernverbandes in vielen Punkten nicht zukunftsfähig sind, treibt diesen Mann um. Man will ja eben nichts ändern, obwohl der Europäische Rechnungshof dringend Änderungen anmahnt. Es ist nur zu hoffen, dass Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner ihre Ankündigung wahr macht und alle relevanten gesellschaftlichen Gruppen mit einbindet, wenn es um die Zukunft der bäuerlichen Landwirtschaft nach 2013 geht. Die Bevölkerung steht in ihrer Mehrheit für eine bäuerliche Landwirtschaft.  Trotz gegenteiliger Behauptung wird diese Position  vom Bauerverband sukzessive   aufgegeben.

 

Nichts dazu gelernt?

 Rückwärts gewandt sagte Sonnleitner:“ Es ist mehr als ärgerlich, dass sich in den Köpfen vieler Leute immer noch die alte Agrarpolitik befinde, die  für Intervention, Lagerhaltung und Exporterstattungen steht.“  Recht hätte er, wenn es denn so wäre! Beispiel Milchsektor: Überangebote in der „freien Wirtschaft“, hier fühlt sich der Bauerverband ja hingezogen, begegnet man mit einer Angebotsanpassung, um die VP nicht ins Uferlose abtreiben zu lassen (siehe Autoindustrie, Stahlindustrie, Tourismus usw.). Ganz anders der Bauernverband: Er befördert durch seine Verbandspolitik das Wachstum, auch wenn kein Markt vorhanden ist, und schreit dann lauthals nach Hilfe, wenn der Mark zusammenbricht. Geschehen im Jahr 2009.

 

Es lebe der freie Markt! –aber nur, wenn er funktioniert !

Oder: Das Sorglospaket auf Staatskosten

Dazu der Bauerverband: Für den Bauernverband sind die Betriebe für den freien Markt gerüstet. Der Staat soll nur die Aufgaben wahrnehmen, die der Markt nicht leisten kann. Dafür wird er gebraucht und nicht als Mitspieler am Markt.

Besser kann man seine Vollkaskomentalität  auf Kosten der Steuerzahler nicht formulieren!

Sonnleitner legte auf dem Bauerntag nach: Außenschutz, Intervention und Exportstützung sind unverzichtbar für die Bauern. Ein rundum Sorglospaket, indem Marktanpassung an den Bedarf  ein Fremdwort ist.  Glaubt denn Sonnleitner allen Ernstes, dass dieses Sorglospaket auf Kosten der Steuerzahler im Zuge der Einbindung weiterer Bevölkerungsschichten tragfähig ist? Die Bevölkerung hat sich laut Umfragen schon längst entschieden. Sie will eine bäuerliche Landwirtschaft, die nicht für die Intervention produziert sondern ihre Produktion den jeweiligen Marktverhältnissen anpasst, um somit existenzsichernde Preise zu erzielen.

 

Die ewig Gestrigen

 Dass man durch Produktionsanpassung, wie es die Industrie erfolgreich vormacht, Probleme der Überproduktion lösen kann, kommt dem Bauerverband nicht in den Sinn. Diese marktzerstörerische Haltung ist umso erstaunlicher, da doch der Bauernverband „seine Milchbauern“ in ihrem Existenzkampf unterstützen müsste. Selbst die USA denken über mengensteuernde Regelungen nach. Es hat sich in den USA gezeigt, dass trotz der Produktionssteigerung von 125 Mio.Lbs. (1980) auf knapp 200 Mio. Lbs. (2008), und der Vergrößerung der Kuhbestände  von  60 –auf jetzt über 180 Kühe je Durchschnittsbetrieb,  sich die wirtschaftliche Lange der Betriebe nicht verbessert hat.  Im Gegenteil: Seit 1962 sind die Milchgeldauszahlungspreise an die Farmer, mit Ausnahme des Jahres 2007, konstant geblieben  Im Klartext: Das Wachstum am Markt vorbei hat die Betriebe finanziell ausgezehrt. Diesen marktwirtschaftlichen Amoklauf will man nun endlich in den Griff bekommen.

 

Dazu Sonnleitners Rat an  die Milchbauern

Wir müssen mit dem zurechtkommen, was Fakt ist“, betonte Sonnleitner. Und Fakt sei, dass weder die Politik noch der Bauernverband die Milchpreise bestimmen können. „Wir haben internationale Märkte und freien Wettbewerb, ob wir das wollen oder nicht“, rief er in den Saal. „Und wer das nicht versteht, wird zu den Verlierern gehören, ganz einfach.“ C Quelle: topagrar v. 07.07. 2010)

Anmerkung: Der Bauerverband kann sich sehr wohl für eine bäuerliche Landwirtschaft einsetzen.  Es will es aber nicht! Nun muss Sonnleitner den Milchbauern erklären, wie sie denn zu Produktionskosten, die auf den weltweiten Gunststandorten bei 17-22 Cents kg/Milch liegen, hier in Deutschland produzieren sollen. Auf diese Antwort warten die Milchbauern!  Bisher vergebens ! Schlimmer geht’s nimmer!

                                                       

                                                          Das wahre Gesicht der Milchindustrie !

Dazu die Milchindustrie: „Wir brauchen den globalen Markt. Denn dort spielt sich in Zukunft das Wachstum ab. Die Bauern müssen in Zukunft kostengünstiger produzieren, damit wir am Weltmarkt mitwachsen können.“

Exklusiv Dr. Engel (Originaltext) vom MIV  (Hochwald): „Entscheidung über  Zukunft der Milchgarantiemengenregelung nach 2014/15 ist Sache der Milcherzeuger.

 

Der Bauernverband schlägt sich auf die Seite der Milchindustrie

Erstaunlich ist nur, dass sich die Aussagen der Milchindustrie mit denen des Bauerverbandes decken. Die enge Verwandtschaft des Bauerverbandes mit der Milchindustrie und dem Raiffeisenverband zeigen ihrer Wirkung. Das Ziel ist klar: Nicht der Milchgeldauszahlungspreis am die Milchbauern steht im Mittelpunkt sondern das Wachstum auf dem Weltmarkt. Damit hat sich der Bauernverband klar und deutlich auf die Seite der Milchindustrie geschlagen und nimmt billigend in Kauf, dass möglicherweise nur noch 25 Prozent der Milchviehbetriebe von zurzeit 99.500 Betrieben  überleben werden. Im Klartext: 75.600 Betriebsleiter müssen sich einen neuen Job suchen.

 

Die mahnenden Worte des Bundeskartellamtes werden einfach beiseitegeschoben!

Anstatt sich die Kritik der Regierungsdirektorin Eva-Maria Schultze   vom Bundeskartellamt an der Milchindustrie im Interesse der Milchbauern zu eigen zu machen und damit für eine Stärkung der Milcherzeuger gegenüber der Milchindustrie zu werben, setzte sich Sonnleitner auf dem Bauerntag für eine Stärkung der Milchindustrie ein. Als Beispiel nannte Sonnleitner die geplante Fusion von Humana und Nordmilch (zu diesem Thema gibt es einen gesonderten Bericht!).

 

 Die Genossenschaften sind zurzeit (die meisten) nicht leistungsfähig!

Es sind jene Genossenschaften, die bisher nicht durch hohe Milchgeldauszahlungspreise an die Milchbauern von sich reden gemacht haben. Im Gegenteil: Sie dümpeln in unteren Drittel des Milchgeldauszahlungsvergleiches rum. Gemäß einer Studie der Munich Strategy Group ( MSG)

„Die deutsche Molkereibranche in Strukturwandel“ schneiden die Genossenschaften im Leistungsvergleich schlecht ab.

300 Kühe sind das Ziel (zurzeit!)

Unter den 10 besten Unternehmen gemäß MSG-Performanceindex findet man keine Genossenschaft. Auch gibt die Nordmilch schon mal die Bestandsgrößen vor: 300 Kühe je Betrieb sollen es sein! 

Die Milchbauern müssen gestärkt werden!

Wir brauchen ist eine Stärkung der Erzeugerseite (Milchbauern) gegenüber der Milchindustrie und dem LEH. Der Bauernverband muss sich endlich auf die Seite der Milchbauern schlagen! Vielleicht fällt der Groschen ja beim Bauernpräsidenten.

Man soll die Hoffnung nie aufgeben!

Werbung
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post
D
<br /> Moin Herr Specht,<br /> ich sehe gerade, dass der Kommentar nur unvollständig rübergekommen ist. Deshalb hier der Rest mit dem link zum vollständigen Redetext von Agrarkommissar Ciolos:<br /> http://ec.europa.eu/deutschland/press/pr_releases/9282_de.htm<br /> <br /> Mit freundlichen Grüßen<br /> Dirk Glaser<br /> <br /> <br />
Antworten
O
<br /> Moin Herr Specht,<br /> wie es der Zufall will, habe ich auch zu diesem Thema einen Leserbrief geschrieben, diesmal an die Neue Osnabrücker Zeitung. Der wurde allerdings gleich veröffentlicht, und zwar in der Ausgabe vom<br /> 7.7.2010. Ich schicke ihn trotzdem mal mit.<br /> Mit freundlichen Grüßen<br /> Ottmar Ilchmann.<br /> <br /> Leserbrief zum Artikel „Ab 2013 weniger Geld aus Brüssel“ EZ, 03.07.2010<br /> Aus Anlass des Bauerntages verbreiten der Deutsche Bauernverband und sein Präsident Zufriedenheit und Optimismus. Gerd Sonnleitner spricht von Aufbruchstimmung, bei Milch etwa sei Deutschland<br /> Marktführer in Europa – allerdings, was er nicht erwähnt, zu einem Milchpreis weit unter den Produktionskosten. Was nützt mir Marktführerschaft, wenn ich auf diesem Markt nur Geld zusetze? Aber das<br /> nur am Rande.<br /> Viel gravierender ist, was auch Lutz Ribbe, Direktor der Stiftung Europäisches Naturerbe, moniert: Der Bauerverband ist nicht bereit, sich gesellschaftlichen Diskussionen zu stellen. Er setzt viel<br /> zu sehr auf Zahlungen des Staates, vor allem auf EU-Direktzahlungen. Diese machen in fast allen Betriebszweigen mittlerweile einen Großteil des Gewinns aus. Das ist ein Unding! Wir Landwirte müssen<br /> bestrebt sein, wieder hauptsächlich vom Erlös unserer Arbeit und vom Verkauf unserer Produkte zu leben. Die Forderung nach z.B. einem kostendeckenden Milchpreis ist Verbrauchern und Steuerzahlern<br /> letztlich besser zu vermitteln als der ständige Ruf nach Subventionen, zumal in Zeiten knapper Staatshaushalte und staatlicher Sparpakete.<br /> Ab 2013 werden die EU-Finanzen neu verteilt, und Insider bestätigen: Die Zahlungen in der heutigen Höhe sind nicht zu halten, auch wenn der Bauernverband versucht, sie in einer Art<br /> Wagenburgmentalität zu verteidigen, gestützt auf seine Seilschaften in der Politik. Damit die Direktzahlungen überhaupt noch von der Gesellschaft akzeptiert werden, müssen wir uns mit deren<br /> Wünschen an die Landwirtschaft auseinandersetzen, z.B. Erhalt und Schaffung von qualifizierten Arbeitsplätzen, Erhalt bäuerlicher Betriebsstrukturen, Gentechnikfreiheit, Tierschutz,<br /> Landschaftserhalt usw. Nur an diese Kriterien gekoppelte Zahlungen haben eine Zukunft.<br /> Ottmar Ilchmann<br /> Rhauderfehn<br /> <br /> <br />
Antworten
D
<br /> Moin Herr Specht,<br /> <br /> anbei ein Auszug aus der Rede von Agrarkommissar Ciolos, gehalten auf eben diesem Bauerntag, der verdeutlicht, wie weit sich Sonnleitner schon von den Bauern in Richtung Monsanto, BASF,<br /> Milchindustrieverband und Co. verabschiedet hat.<br /> <br /> ...>>Wir haben nicht erwartet, so viele Beiträge von NRO,<br /> Reflexionsgruppen, Agrarorganisationen sowie Bürgerinnen und<br /> Bürgern zu erhalten. Insgesamt sind fast 6000 Mitteilungen<br /> eingegangen.<br /> Ich möchte Ihnen einen kurzen Auszug aus einem Beitrag vorlesen,<br /> aus dem sich die Grundeinstellung der europäischen Bürgerinnen<br /> und Bürger gut erkennen lässt: „Ich erwarte auf jeden Fall eine<br /> gesunde Ernährung, Respekt für Tiere und Natur, Schutz der Umwelt,<br /> keine industrielle Landwirtschaft, sondern eine artgerechte<br /> Tierhaltung, keine Gentechnik auf den Feldern, keine<br /> Schädlingsbekämpfungsmittel, sondern eine transparente<br /> Produktions- und Verarbeitungskette für die Lebensmittel.“<br /> Wir haben zahlreiche Beiträge dieser Art erhalten.<br /> <br /> <br />
Antworten