Folgart: Wir müssen durchstarten! – bis zur nächsten Milchkrise!
Bauernverbandsvize Folgart: Wir müssen durchstarten! – bis zur nächsten Milchkrise!
Oder: Schlechte Argumente werden durch ständiges Wiederholen nicht besser!
Kommentar vom SV Karl-Dieter Specht
Folgart:“Der Milchstandort Deutschland bietet die besten Voraussetzungen für eine Vorwärtsstrategie", dies erklärte der Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV) und Milchpräsident Udo Folgart auf dem 2. Berliner Milchforum, das der DBV und der Milchindustrieverband in Kooperation mit der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft und dem Deutschen Raiffeisenverband heute und morgen in Berlin durchführen. Auf den Märkten wie auch in der Politik müsste die gesamte Wertschöpfungskette Milch "jetzt gemeinsam den Vorwärtsgang einlegen", betonte Folgart. "Wir müssen durchstarten und eine Aufbruchsstimmung schaffen" (Quelle: DBV)
Anmerkungen: Das Tal der Tränen ist noch ( fast) nicht durchschritten, die Vollkosten in der Milchproduktion sind bei Weitem noch nicht erreicht, am Weltmarkt schwächeln die Pulverpreise ein wenig, und Folgert will wieder Gas geben. Genau das richtige Verhandlungs- Umfeld für den Einzelhandel, der im April mit der Milchindustrie neue Preisverhandlungen führt. Folgert und „seine Global-Player“ tun alles, um die Verhandlungsposition der Molkereien gegenüber dem Einzelhandel zu Lasten der Milchbauern zu verschlechtern. Dabei gibt es noch keine Entwarnung. Die EU produziert immer noch mehr Milch als sie selbst verbraucht D.d. die Überproduktion muss auf dem Weltmarkt abgesetzt werden. Legt man die letzten 10 Jahre zugrunde, dann betrug der Weltmarktpreis für Milch im Durchschnitt zirka 25 Cents/kg/ Milch. Vor diesem Hintergrund hat der Europäische Rechnungshof den Export von Pulver, Blockbutter Butterfett usw. als nicht zielführend angesehen. Lediglich im Bereich der Prämienprodukt ergeben sich Entwicklungsmöglichkeiten. Zusätzlich drückt (bald) die vom Bauernverband, der Milchindustrie, des Raiffeisenverbandes, der DLG und einigen Bundesländern beförderte Produktionsoffensive auf den Weltmarkt. In Ermangelung einer vom Steuerzahler subventionierten Intervention wird dieser wissentlich herbeigeführte Druck auf den Weltmarktpreis in Zukunft mit voller Grausamkeit auf den Milchgeldauszahlungspreis der Milchbauern durchschlagen. Die Volatilität (Preisschwankungen) am Markt sind zum großen Teil ein hausgemachtes Problem - und nicht wie von der Global-Playern immer wieder behauptet - „Gott gewollt“ sondern „Menschen gewollt“.
Folgart: „Die neuen Kooperationen im Molkereisektor, wie dem Deutschen Milchkontor und der ersten länderübergreifenden Fusion zwischen dem dänisch-schwedischen Arla Foods und der Hansa-Milch eG, begrüßte Folgart. In einem hart umkämpften Markt würden dadurch die Positionen der Molkereiunternehmen und somit auch der Milchbauern gestärkt. Deutschland sei in der EU das Land mit der größten Milchproduktion. 2010 seien rund 14 Millionen Tonnen Milchäquivalent exportiert und rund 10 Millionen Tonnen aus EU- und Drittländern importiert worden. Dieser positive Exportsaldo dürfte sich in den kommenden Jahren weiter erhöhen, da in Deutschland ein Bevölkerungsrückgang erwartet werde und das Angebot aufgrund der guten Standortbedingungen weiter wachsen sollte. Deutschland leiste damit einen wichtigen Beitrag zur Sicherung der Welternährung. Zugleich behalte die ökologisch wichtige Grünlandnutzung in Deutschland eine echte Perspektive“(Quelle: DBV).
Anmerkungen: Wie sich aufgrund der Fusionen eine Verbesserung für die Milchbauern ergeben, lässt Folgart völlig offen. Gerade im hart umkämpften Markt waren es u.a. die genossenschaftlichen Konzerne, die sich zu Lasten der Milchbauern gegenseitig Marktanteile abjagten. Wie sich das nun- urplötzlich- ändern soll, bleibt das Geheimnis von Folgart. Die jetzt im April anstehenden Preisverhandlungen mit dem Einzelhandel werden das Geheimnis von Folgart in die eine oder andere Richtung lüften. Warten wir es ab! Das sehen auch die Milchbauern ähnlich. In einer Blitzumfrage, die "topagrar" durchgeführt hat, äußerte sich die Mehrzahl der befragen Milchbauern skeptisch in Bezug aus eine positive Entwicklung des Milchgeldauszahlungspreises. Diese Abstimmung zeigt eindrucksvoll, dass der Graben zwischen der elitären Führungsschicht der genossenschaftlichen Konzerne und den Milchbauern immer größer wird. Trotz intensiver Bemühungen ist es den genossenschaftlichen Konzernen nicht gelungen, ihre Milchbauern von der Notwendigkeit von Großfusionen zu überzeugen. Insoweit besitzen die Milchbauern ein realeres Verhältnis zum Markt als mancher Mandatsträger und Molkereimanager. Die bisher durchgeführten Fusionen haben die schlechte Situation der Milchbauern nicht verändern können. Denn gegen eine am Markt vorbei gesteuerte Überproduktion ist kein betriebswirtschaftliches und marktwirtschaftliches Kraut ( Konzept) gewachsen.
Der Export soll`s richten!
Deutscher Agraraußenhandel Einfuhr 2010
| Produktgruppe | Gesamt Mrd. € | EU 27 Mrd.€. | Drittländer Mrd.€ |
| Güter der Land-und Ernährungswirtschaft | 60.674 | 41.328 | 19.346 |
| Milch u.-erzeugnisse | 4.935 | 4.601 | 0.334 |
Deutscher Agraraußenhandel Ausfuhr 2010
| Produktgruppe | Gesamt Mrd.€ | EU 27 Mrd. € | Drittländer Mrd. € |
| Güter der Land- und Ernährungswirtschaft | 51.822 | 40.475 | 11.348 |
| Milch u.-erzeugnisse | 7.311 | 6.193 | 1.118 |
Quelle: BMELV
Anmerkungen: Rund 85 Prozent der in Deutschland produzierten Milcherzeugnisse werden in EU-Länder exportiert. Also in jene Länder, die nach Einschätzungen von Marktexperten kaum noch Wachstumschancen bieten. D.h. im Klartext: Marktanteile können in diesem Markt nur noch über den Verdrängungswettbewerb erreicht werden. Insbesondere dann, wenn am Markt vorbei produziert wird. Quintessenz: Bei steigender Produktion bricht dieser Markt zusammen.
Tanz um das goldene Kalb
Deshalb wird von den Global-Playern der die Drittlandsmärkt gern als „goldenes Kalb“ bezeichnet. Insbesondere der asiatische Markt soll es richten. Deutschland exportierte in Drittländer 2010 zirka 15 Prozent seiner Micherzeugnisse. Nach China und Indien, den bevölkerungsreichsten Ländern im asiatischen Raum, lieferte Deutschland 2010 Nahrungsmittel tierischen Ursprungs im Wert von 94 Millionen €. Davon entfielen auf Milcherzeugnisse, Butter, Fettstoffe und Käse 46,5 Millionen €. Das entspricht einem prozentualen Anteil am Außenhandel mit Milchprodukten in Drittländer von 0,042 Prozent. Eine Prozentzahl, die sich grafisch in einer Power-Point-Präsentation gar nicht darstellen lässt. Man würde nämlich nichts sehen. Allein diese Größenordnung macht deutlich, dass der asiatische Markt für die Milchindustrie nur eine Randerscheinung ist, der zwar zu pflegen ist, die ( kommenden) Probleme am EU-Milchmarkt aber nicht lösen kann. Auch die FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) stellte in ihrem Bericht zum Milchmarkt fest, dass die Weltmilchproduktion bis 2019 zwar um 170 Millionen Tonnen steigt, die EU aber davon nicht profitieren wird. Diese Fakten werden ganz einfach nicht zur Kenntnis genommen, denn sie passen nicht in das Konzept der Global-Player. Angesichts dieser Tatsachen ist es unverantwortlich, die Produktion mit der Begründung guter Exportmöglichkeit weiter mit allen Mitteln anzuheizen. Bauernverband, Milchindustrie, DLG und Raiffeisen marschieren mit ihrer Milchpolitik gemeinsam in die nächste Milchkrise. Und wer bleibt dabei auf der Strecke? Der bäuerliche Milchviehbetrieb!