Geflügelindustrie: Ist der Lack bei Wiesenhof nun ab?
Geflügelindustrie: Ist der Lack bei Wiesenhof nun ab?
Oder: Der lockere Umgang mit der Wahrheit und der Ehrlichkeit!
Kommentar vom SV Karl-Dieter Specht
Wiesenhof Geflügelkontor GmbH: Ein klares Konzept!Seit Jahren wird Geflügel immer beliebter – es ist leichter, geschmackvoller und unbeschwerter Fleisch-Genuss! Wenn Verbraucher in Deutschland sicheren Geflügel-Genuss wünschen, greifen sie zu WIESENHOF. Denn WIESENHOF setzt seit jeher besondere Maßstäbe in punkto Qualität, Sicherheit und Transparenz. Die Konzepte von WIESENHOF sind dabei stets wegweisend. So etablierte WIESENHOF bereits 1995 als erster Geflügelanbieter die Herkunfts-Garantie. Und lange bevor die Diskussion um Tiermehl begann, verzichtete WIESENHOF von sich aus auf den Einsatz von Tiermehl bei Hähnchenfutter. Neben diesen Maßnahmen zeichnet sich WIESENHOF immer wieder durch die Entwicklung innovativer Geflügel-Produkte aus. Hinzu kommen rund 800 bäuerliche Partnerbetriebe bzw. Erzeugergemeinschaften, deren Name und Sitz jeweils auf dem Etikett des Frisch- und Frostgeflügels angegeben wird(Quelle: Wiesenhof).
Und dann das: Die ARD-exklusiv Reportage “Das System Wiesenhof. Wie ein Geflügelkonzern Tiere, Menschen und Umwelt ausbeutet“ wurde gestern Abend von der ARD ausgestrahlt.
Trotz einer Programmbeschwerde des Geflügelproduzenten gegen die Ausstrahlung flimmerte diese gestern über den Bildschirm:
Begründung von Wiesenhof: Der Beitrag ist nicht gewissenhaft recherchiert, unausgewogen und unwahr. Außerdem stand der Titel schon vor der eigentlichen Recherche fest.
Anmerkungen: Schon im Juli hatte Wiesenhof versucht, den zweiten Satz des Titels per Unterlassungsaufforderung zu verbieten. Unterstützt wurde das Anliegen von Wiesenhof durch einen offenen Brief der Erzeugergemeinschaften Wiesenhof. Darin heiß es:
“Viele Politiker und auch Medienvertreter haben sich in den vergangenen Jahren die Mühe gemacht, unsere Betriebe zu besuchen und mit uns in den Dialog zu treten. Leider hat Kampagnenjournalismus dazu geführt, dass immer mehr irrationale Argumente gegen die Erzeugung von Geflügelfleisch in Deutschland ins Feld geführt werden. Sollte dieser Trend anhalten, was aufgrund des in der ARD am 31. August um 21.45 Uhr angekündigten Beitrags mit dem Titel “Das System Wiesenhof: Wie ein Geflügelkonzern Menschen, Tiere und die Umwelt ausbeutet” zu befürchten ist, werden ca. 1.000 bäuerliche Existenzen mit ihren Familien vernichtet und die bei den Verbrauchern anerkannte Marke Wiesenhof erheblich beschädigt.”
Nun zu den Fakten der Sendung: (Filmbeiträge)
Ø Beim Selektieren von Tieren wurde brutale Gewalt gegenüber den Tieren angewandt. Tiere wurden gewaltsam in die Transportkisten gepresst; Blut soll aus den Transportkisten getropft sein.
Dazu Wiesenhof: Wir halten die gesetzlichen Vorschriften ein. Zum Schutz von Mensch, Tier und Umwelt werden Maßnahmen über die gesetzlichen Rahmen hinaus getroffen (Quelle: Wiesenhof).
Ø Verendete Tiere, fast verrottet, Tiere mit schmerzhaften Entzündungen, die sich kaum noch bewegen konnten, wurden gezeigt.
Verendete Tiere wurden in einem großen Abfallbehälter aufbewahrt, der „lebte“. D.h. die Maden hatten sich der Kadaver schon bemächtigt.
Im Fachjargon heißt das:“ Die Kadaver (Tiere) fangen an zu wandern“.
Dazu Wiesenhof: Wir haben Qualitäts- und Umweltmanagementsysteme eingerichtet, in denen Verantwortlichkeiten, Zuständigkeiten und Abläufe festgelegt sind. Diese Systeme werden regelmäßig auf Wirksamkeit geprüft und weiter entwickelt. Dadurch wird die kontinuierliche Verbesserung der Qualitäts- und Umweltleistung sichergestellt( Quelle: Wiesenhof )
Ø Beim Verladen von Puten wurden in grausamster Weise die Tiere misshandelt, kranke Tiere totgetreten und der Rest in LKW`s verladen.
Dazu Wiesenhof: Wir entwickeln, produzieren und vertreiben innovative, marktfähige sowie umweltgerechte Produkte und berücksichtigen Qualität, Verbraucher-, Tier- und Umweltschutz gleichermaßen(Quelle: Wiesenhof).
Anmerkungen:Die in der ARD-Sendung gezeigten Bilder machen in erschreckender Weise deutlich, dass die Wirklichkeit im Unternehmen eine andere ist, als wie sich das Unternehmen nach außen selbst darstellt. Da hilft es auch nicht, wenn Westjohann Subunternehmer vorschiebt, auf die er keinen Einfluss hat. Das Problem liegt darin, dass Westjohann den Verbrauchen die industrielle Fleischproduktion als eine heile Welt vorgaukelt, die es nicht gibt. Das Gegenteil ist der Fall: Industrielle und intensive Fleischproduktion belastet die Menschen, die Tiere und die Umwelt. Die Züchtung hat es fertig gebracht, die Masthähnchen in nur 30-35 Tagen zur Schlachtreife zu führen. Über diesen Zeitpunkt hinaus sind die Tiere bei einer „Ad - libitum – Fütterung“ kaum noch lebensfähig( Perversion der Züchtung). Darüber hinaus weisen gegen Mastende die Tiere schmerzhafte Entzündungen an den Fußballen auf, Druckstellen im Brustbereich entstehen, da das Knochengerüst der Tiere die Fleischmassen nicht mehr tragen kann. Um die industrielle Massentierhaltung weiter am Laufen zu halten, wird immer mehr Antibiotika eingesetzt. Nach Angaben des niedersächsischen Ministeriums haben sich die Behandlungen mit Antibiotika in den letzten 10 Jahren je Aufzucht/Mast von 1,7 Behandlungen auf 3,2 Behandlungen erhöht. Eine Steigerung der Behandlungen um 88 Prozent. Die Geflügelindustrielobby verhindert bisher eine lückenlose Auflistung aller Behandlungen. Bei durchschnittlichen Verlusten von 4,2 Prozent (FAL) fallen je Mastdurchgang in einem 40.000 er Maststall 1.680 tote Tiere an. Ergeben bei 7,3 Durchgängen in Jahr 12.264 tote Tiere im Jahr oder 34Tiere täglich (das alles weiß auch Westjohann).
Tote Tiere fallen durch den Rost!
Aufgrund der geringen Gewinnspanne (30-40 Prozent der Lohnmäster erwirtschaften keine Gewinne) müssen vom einer AK mindestens 100.000 Tiere betreut werden. D.h. die Arbeitskraft kann sich nicht um das einzelne Tier kümmern. Da fallen tote Tiere durch den Rost, die einfach im Stall liegen bleiben( das alles weiß auch Westjohann).
Die Bauern mutieren zu Lohnempfängern
Das Ausstallen der Tiere führen spezielle Subunternehmer durch. Aufgrund der „schwierigen Arbeitsbedingungen“ melden sich u.a. meistens nur Leute für diese Arbeit, die im normalen Wirtschaftsprozess nicht unterzubringen sind. Dementsprechend werden auch die Tiere beim Verladen behandelt ( das weiß auch Westjohann). Die Bauern, die sich für die Hähnchenmast entscheiden, schließen in der Regel mit dem Geflügelkonzern einen Vertrag ab. In diesem Vertrag bestimmt der Konzern alle Verfahrensschritte und Handlungen, die den Ablauf der Mast bestimmen ergänzen oder verändern. Vom Küken über das Futter, Beratung, technische Ausrüstung, Medikamente, Schlachtung bis hin zu Vermarktung befindet sich alles (meistens) in einer Hand. Nur das Risiko trägt der Bauer selbst. Auch auf den Preis hat der Bauer keinen Einfluss. Den bestimmen der Markt und damit der Konzern. Aussteigen kann er auch nicht, da er sich vertraglich gebunden und hohe zweckgebundene Investitionen getätigt hat. Mit so einer engen Bindung ohne Mitspracherecht bleibt vom freien Unternehmertum nicht mehr viel übrig. Diese Art der Verträge nennt man Beherrschungsverträge. Der „freie Bauer“ mutiert zum Lohnempfänger ohne Urlaub, Rentenanspruch, Krankenversicherung und trägt auch noch das Risiko. Diese Konstellation ist natürlich die ideale Ausganslage für ein weiteres Wachstum der Geflügelindustrie. Sie tragen kaum ein Risiko! In den nächsten Jahren plant die Geflügelindustrie weitere Schlachtkapazitäten. Um 360.000 Schlachtplätze wird die Produktion weiter ausgebaut. Trotz Überproduktion wird munter weiter expandiert (das alles weiß auch Westjohann).
Prof. Dr. Windhorst: Der Binnenmarkt der EU ist schon überversorgt. Hier muss man folglich Unternehmen aus dem Markt drängen, wenn man die Exporte erhöhen will. Dies kann über die Qualität oder den Preis erfolgen. Die besten Aussichten bezüglich einer Ausweitung der Ausfuhren in andere EU-Länder bestehen bei so genannter frischer Ware, weil sie bislang nicht aus Brasilien, den USA oder Thailand eingeführt werden kann. Aber hier wird letztlich ebenfalls der Preis über den Erfolg entscheiden, denn auch Anbieter aus anderen Ländern werden sich diesen neu entstehenden Märkten zuwenden. Wie auch immer, eine verstärkte Abhängigkeit von volatilen Märkten hat in den meisten Fällen zur Folge, dass die Preise gesenkt werden müssen, um sich im Markt zu behaupten. Diese Preissenkungen werden dann zum Mäster „durchgereicht“ werden, der am Beginn der Kette steht .
Anmerkungen: Hinzu kommt, dass zunehmend vom Verbraucher Hähnchenteile nachgefragt werden wie Schenkel und Brustfleisch. Die in Europa nicht verwertbaren Reste der Broiler gehen zu Dumpingpreisen in Drittländer und vernichten bäuerliche Existenzen ( das alles weiß auch Westjohann).
Ev. Entwicklungsdienst: Tiefgefrorener Hühnerteile aus Europa haben in den letzten Jahren die einheimischen Märkte in Westafrika ruiniert. Die Geflügelhalter können mit den niedrigen Preisen des Importgeflügels nicht konkurrieren. Sie verkaufen nicht mehr kostendeckend, ihnen fehlt Geld für neue Küken und sie können ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen. Viele haben ihre
Existenzgrundlage verloren. Nicht nur das. Die gefrorenen Hühnerteile aus Europa gefährden die Gesundheit der Bevölkerung, denn in Ländern wie Kamerun kann eine geschlossene Kühlkette oft nicht gewährleistet werden. Das Fleisch ist längst aufgetaut und ein idealer Nährboden für Bakterien, bis es nach dem Löschen im Hafen an den Verkaufsständen angekommen ist. Mehr als vier Fünftel der tiefgefrorenen Hühnerteile, die in Kamerun auf den Markt kamen, waren für den menschlichen Verzehr ungeeignet, so ein Untersuchung des Centre Pasteur aus Jaunde in 2004. „Der Export der gefrorenen Hühnerteile ist ein Angriff auf die Bauern, auf die Gesundheit unserer Bevölkerung und auf unsere Volkswirtschaft“ (Quelle: Ev. Entwicklungsdienst).
Zusammenfassung:Ob in der Fleisch.- oder in der Milchindustrie- immer die gleiche Verhaltensweise. Man will für den Weltmarkt produzieren, obwohl man nicht über die Ressourcen verfügt. Die werden dann auf dem Weltmarkt zugekauft, indem bäuerliche Betriebe in den Entwicklungsländern platt gemacht werden. Dieser Anspruch den Weltmarkt mit zu bedienen, führt in Deutschland zur Ausweitung der industriellen Landwirtschaft. Die Folgen für Mensch, Tier, Natur und Umwelt lassen sich in den Veredelungszentren Niedersachsens hautnah erleben. Das Ende der Fahnenstange scheint hier erreicht zu sein. Zunehmend wehren sich die Bürger gegen weitere Mastanlagen. Deshalb hält die Fleischindustrie schon nach Ausweichstandorten Ausschau. Von Einsicht keine Spur! Im Gegenteil: Man will weiter wachsen auf Kosten der bäuerlichen Landwirtschaft und der Umwelt. Den Veredelungsdreck der konzentrierten Massenfleischproduktion für den Weltmarkt laden die Konzerne ganz einfach in Deutschland ab. Nach dem Motto: Nach mir die Sintflut ! Vor diesem Hintergrund bekommt die Aussage von Paul-Heinz Westjohann: „Die moderne Geflügelzucht ist eine große soziale Tat“ - eine völlig andere Bedeutung. Ob Westjohann darüber schon mal nachgedacht hat?