Landvolkverband : Mutiert der Verband zum Problemfall für die bäuerliche Landwirtschaft?

Veröffentlicht auf von Karl-Dieter Specht

26.04.2010 10;45;34Landvolkverband Hannover:  Mutiert der Verband zum Problemfall für die bäuerliche Landwirtschaft?

In einer Lehrveranstaltung der Göttinger Fakultät für Agrarwissenschaften  gab ein Praktiker, seines Zeichens Milchbauer aus Niedersachsen mit Namen Fred Arkenberg,  den Studenten tiefe Einblicke in die Gefühlswelt eines Milchbauern. Dass der Milchbauer zugleich Vorstandsmitglied des Landvolkverbandes Hannover  ist, sei nur am Rande vermerkt. Vehement setzte sich der Praktiker für einen offenen Markt  (Welt-Milchmarkt)  ein und sieht die Qualifikation der Milchbauern als wichtigste Stellschraube für den betrieblichen Erfolg an. Die Milchbauern, so der Praktiker, müssen sich an Weltmarktpreisen orientieren. Wie das angesichts der Produktionskosten in den Gunstregionen der Welt von 17- 22 Cents/kg/Milch zu geschehen hat, ließ er offen. Um auch in Zukunft am Markt bestehen zu können, muss man eben zu den  25 %  besten Betrieben gehören. Und dann veröffentlichte er eine Zahl, die aufhorchen lässt.

Wer bietet weniger!

 Vollkosten von unter 28 Cents/kg/Milch sind das Gebot der Stunde!  Das ist für mich eine Zahl, die ich in den Ergebnissen der Rinderspezialberatung nicht wiederfinden kann. In Schleswig-Holstein hat der Durchschnittsbetrieb, der dem Beratungsring angehört, Vollkosten von 39,54 Cents/kg/Milch/ECM gegenüber den 25 % Besten, die Vollkosten von 33,89 Cents/kg/Milch/ECM aufweisen. Allein die variablen Kosten betragen  schon 25,61 Cents/kg/Milch/ECM. Wenn man bedenkt, dass von den zirka 5.000 Milchviehbetrieben in S-H „nur“ 1.193 Betriebe = 24%  die Beratung in Anspruch nehmen, dann handelt es sich hierbei schon um Spitzenbetriebe!  Auch  nach Angaben von European Dairy Farmer (EDF) betragen die Vollkosten der deutschen Sektions-Betriebe 39,4 Cents´/kg/Milch. Allein zur Kostendeckung werden 32 Cents benötigt.

 

Nachgefragt!

 Angesichts dieser Fakten bat ich den Landvolkverband Hannover um Stellungnahme. Hier die Mail an den Landvolkverband Hannover :

Von:                                            Karl Dieter [karl-dieter.specht@online.de]

Gesendet:                                Mittwoch, 16. Juni 2010 20:34

An:                                              'landvolk.hannover@lvkh.de'

Betreff:                                     PM vom 16.06.2010

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

gemäß Ihrer PM vom 16.06.2010 hat im Rahmen einer Lehrveranstaltung an der Uni Göttingen Ihr Vorstandsmitglied Fred Arkenberg  zu Themen der Milchwirtschaft Stellung genommen. U.a. wies Herr Arkenberg auf Vollkosten in seinem Betrieb hin, die unter 28 Cents/kg Milch liegen. Mir sind solche Zahlen aus der Rinderspezialberatung nicht bekannt. Vielleicht kann Herr Arkenberg mir mal eine  Vollkostenauswertung zur Verfügung stellen.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Karl-Dieter Specht

 

 

Ist die Uni Göttingen bei der Auswahl ihrer Gastreferenten wirklichkeitsfremd?

Zwar ist der Eingang der Mail bestätigt worden, aber eine Antwort habe ich bis heute nicht erhalten. Bei allem Wohlwollen: Diese Art der Irreführung (um nicht zu sagen Vernebelung von Studenten) hat mit der realen Wirklichkeit nicht das Geringste zu tun. Wenn es denn Betriebe gibt, die in diesem Vollkostensegment liegen, was ich nicht abstreiten will, dann ist das die Ausnahme. Und diese Ausnahme nun zur Regel machen zu wollen, um ein Überleben auf Weltmarktniveu zu sichern, nimmt schon groteske Züge an. Auch der Weltmarkt ist für die meisten unserer Milchprodukte nicht erfolgversprechend.  Hier verweise ich auf den Bericht des Europäischen Rechnungshofes. Auch im internationalen Wettbewerb können wir aufgrund unserer Produktionskosten nicht mithalten.

 

 Wir sind die Besten

Man fragt sich natürlich, was soll das Ganze?  Welchen Zweck verfolgt der Landvolkverband  Hannover mit der Veröffentlichung unrealistischer Zahlen?  Denn eins ist klar: Die Äußerungen

von Arkenberg sind nicht isoliert zu betrachten.  Sie entsprechen ganz der Linie des Landvolkverbandes, der gnadenlos auf Wachstum setzt. Dabei spielt es keine Rolle, ob die produzierten Produkte überhaupt absetzbar sind. Man scheut nicht davor zurück irrelevante Vollkosten ins Feld zu führen, wenn es darum geht, die Standortvorteile Niedersachsens  ins rechte Licht zu rücken. Man will je schließlich auf Kosten der Bauern in den anderen Bundesländern wachsen. Nach dem Motto: Wir haben die besseren Strukturen und können so die „Süd-Bauern“ an die Wand drücken.

 

Das Trauerspiel der Fachpresse-oder: das gesteuerte Spiel!

Schützenhilfe erhalten solche Heilsprediger durch die von den Landesbauerverbänden „gesteuerte“,  Fachpresse, die teilweise in die gleiche Kerbe haut. Vernunft, Toleranz, Solidarität, Fair Play sind Attribute, die den Mensch vom Tier unterscheidet. Diese haben in dem „gesteuerten Spiel“ keine Bedeutung mehr. Urinstinkte des Menschen wie: Fressen oder gefressen werden, die man längst überwunden glaubte, feiern urplötzlich Wiederauferstehung. Dank der Mithilfe der neuen Heilsbringer. Eine auf Urinstinkte des  Menschen angelegte Verbandspolitik schadet nicht nur der Volkswirtschaft sondern macht alle Akteure zu Verlieren.

 

Hinzu kommt eine weitere Sichtweise

Genüsslich verfolgt der Einzelhandel/Discounter dieses Spiel und ist beglückt, wenn sich die Bauern selbst in den Produktionskosten unterbieten. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob das Unterbieten der Produktionskosten realitätsbezogen ist oder nicht; Hauptsache der Trend zeigt nach unten! Mit diesen dann veröffentlichten Fabelzahlen wird natürlich von Seiten des LEH zusätzlicher Druck auf die Preisgestaltung ausgeübt. Und somit mutiert der Landvolkverband Hannover zum Problemfall in Sachen Preisentwicklung für die bäuerliche Landwirtschaft.

 

Weitere Infos unter http://specht.over-blog.de

 

                                                                       Für Sie gelesen und notiert:

Die Irrungen und Wirrungen des Milchbauern Fred Arkenberg ! - Fremdgesteuert?

Während das Preisniveau in anderen Branchen kontinuierlich gestiegen ist, ist das für Milcherzeugnisse im vergangenen Jahrzehnt eher gesunken. Möglich war dies, weil in Europa seit den siebziger Jahren Milchüberschüsse produziert wurden. So konnten unter anderem Lebensmittelketten wie Aldi und Lidl Druck auf die Molkereien und damit auch auf die Milchbauern ausüben. Noch Anfang des Jahres bekam ein deutscher Milchbauer im Schnitt etwa 27,6 Cent für den Liter Rohmilch so wenig wie seit 20 Jahren nicht.
"Davon kann kein Hof längere Zeit überleben", berichtet Arkenberg. 32 bis 35 Cent seien nötig, um überhaupt die Kosten zu decken. Alles sei teurer geworden. Der Diesel für die Maschinen, das Kraftfutter für die Kühe, die Reparaturkosten. Seit Jahren liefere ihm das Milchgeschäft rote Zahlen. Hätte er nicht vor ein paar Jahren die Getreidelandwirtschaft seiner Schwiegereltern übernommen, Arkenberg weiß nicht, wie lange er seine Kühe noch hätte weitermelken können (Quelle:N-tv.de vom 5.08. 2007).

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 Milchpreise von 20 Cent pro Liter seien eigentlich „undenkbar“, sagt Arkenberg. Er rechnet vor: Bei Preisen unter 30 Cent mache er Miese, rund 3000 Euro im Monat. Eine Liquiditätshilfe des Landes hat der Landwirt bereits in Anspruch genommen, außerdem musste er bei seiner Bank einen Privatkredit aufnehmen (Quelle: Kreiszeitung vom 02.10.2009).

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Um auch in Zukunft am Markt bestehen zu können, sieht Arkenberg die Herausforderungen in erster Linie darin, zu den „oberen 25 Prozent" zu gehören, mit einer durchschnittlichen Leistung über 10.000 kg im Jahr bei Vollkosten von höchstens 28 ct/l Milch. Mit Blick auf die Unsicherheiten am Markt gewinne vor allem die Risikoabsicherung an Bedeutung. „Die größten Fehler werden in den guten Zeiten gemacht", verdeutlichte er und empfahl jedem Landwirt, mindestens einen Jahresverbrauch „an die Seite zu legen". ??

Quelle : PM des Landvolkverbandes Niedersachsen vom 16.06.2010

 

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Michael on March 27, 2008 11:42 am
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