Landwirtschaftskammer: Ist die Beratung ein Himmelfahrtskommando?

Veröffentlicht auf von Karl-Dieter Specht

26.04.2010 10;45;34Landwirtschaftskammer Niedersachsen: Ist die  Beratung ein Himmelfahrtskommando?

In einem Beitrag der Landwirtschaftskammer Niedersachsen befasst sich der Leiter der Bezirksstelle Emsland, Herr Arnold Krämer, mit der Wettbewerbssituation der landwirtschaftlichen Betriebe über die gesamte Produktionspalette hinweg. Neben des Außerhaus-Verdienstes der Ehefrau, der ja nach der Lesart von Krämer durchaus aus ökonomischer Sicht sinnvoll erscheint, kommt Krämer zu folgender Schlussfolgerung:

Krämer:Bei den klassischen Agrarerzeugnissen wie Getreide, Milch, Fleisch und Eier handelt es sich markttechnisch gesehen immer um Rohstoffe, die weitgehend homogen und damit austauschbar sind. Die Agrarindustrie und die Ernährungswirtschaft können diese Rohstoffe problemlos europaweit und zum Teil auch weltweit beziehen, um daraus Lebensmittel in mehr oder weniger stark verarbeiteter Form herzustellen. Bei den klassischen Agrarerzeugnissen wie Getreide, Milch, Fleisch und Eier handelt es sich markttechnisch gesehen immer um Rohstoffe, die weitgehend homogen und damit austauschbar sind. Die Agrarindustrie und die Ernährungswirtschaft können diese Rohstoffe problemlos europaweit und zum Teil auch weltweit beziehen, um daraus Lebensmittel in mehr oder weniger stark verarbeiteter Form herzustellen. Die Märkte für diese Agrarrohstoffe sind nicht zuletzt auch durch die Einführung des Euro als einheitliche europäische Währung sehr transparent und übersichtlich geworden. Gleichzeitig gibt es für die (potentiellen) Erzeuger bis auf die jetzt noch gültigen Hürden in der Milchproduktion praktisch keine Beschränkungen für den Markteintritt. Wer Gewinnchancen für sich erkennt, kann die Erzeugung von Agrarrohstoffen in Abhängigkeit von Standortvoraussetzungen jederzeit neu aufnehmen oder aber die vorhandene Produktion ohne Begrenzungen erweitern.

Unter diesen Bedingungen herrscht ein nahezu vollkommener Wettbewerb, der nach der wirtschaftswissenschaftlichen Theorie dann auch dafür sorgt, dass mögliche Gewinne wegkonkurriert werden und letztlich verschwinden. In einem Markt für homogene, austauschbare Güter mit einem freien Marktzutritt und hoher Transparenz gibt es keine Gewinne! So weit die Theorie. In der Praxis sind all diese Bedingungen für landwirtschaftliche Agrarrohstoffe weitgehend gegeben. Deswegen ist auch auf fast allen Agrarmärkten ein harter Preis- und Verdrängungswettbewerb festzustellen, der für die meisten landwirtschaftlichen Betriebe dazu führt, dass die Einkommen unzureichend sind.“

In vielen Punkten ist die strategischen Analyse des Herrn Krämer entwaffnend ehrlich.

Anmerkung: Zunächst einmal muss Krämer erklären,  auf welche (noch) gültigen Hürden er in der Milchproduktion abhebt. Auch verkennt Herr Krämer, dass die Produktionsvoraussetzungen innerhalb Deutschlands, Europas und weltweit sehr unterschiedlich sind. Bei einem freien Wettbewerb, den Krämer befürwortet, müssen alle Produktionsmittel allen Unternehmern, die sich am Markt behaupten wollen, auch uneingeschränkt und zu gleichen Konditionen zur Verfügung stehen. Dies ist bei weitem nicht der Fall! Denn Produktionsmittel wie landwirtschaftliche Nutzflächen lassen sich nicht vermehren. Gerade im „nassen Dreieck“ explodieren die Pachtpreise für landwirtschaftliche Nutzflächen in astronomische Höhen, die eine ökonomische Weiterentwicklung vieler Betriebe unmöglich machen. Der Grund liegt u.a. in den wettbewerbsverzerrenden Entscheidungen der Politik (siehe u.a. EEG). Deshalb sieht wohl Krämer das außerbetriebliche Einkommen der Frau als ein sinnvolles Regulativ der zum Teil verkorksten Agrarpolitik an.   Darüber hinaus lassen die unterschiedlichen Strukturen ebenfalls eine Waffengleichheit nicht zu. Gerade die Zwangskollektivierung des Ostens steht für dieses Ungleichgewicht. Darüber hinaus sind die  meisten unternehmerischen Bauern gar keine Unternehmer im klassischen Sinne mehr sondern bestenfalls Subunternehmer, die  ihre Produkte an die nächst höhere Verarbeitungsstufe abliefern. Sie verfügen oft nicht über die Größe, um sich selbst am Markt behaupten zu können. Diese vertikale Integration des Urproduzenten ( Bauern) mit der Industrie kann man beruhigt als eine Zwangsehe ungleicher Partner bezeichnen. Wer in dieser Wertschöpfungskette der Verlierer ist, liegt auf der Hand. Darüber hinaus führen solche ungleichen Abhängigkeiten zur Industriealisierung der Landwirtschaft. Deshalb ist es erforderlich, durch „unabhängige“ Erzeugergemeinschaften die Verhandlungspositionen der Urproduzenten zu stärken. Das Genossenschaftsmodell hat sich verselbstständigt und stärkt nur noch bedingt die Verhandlungsmacht der Urproduzenten. Darauf hinzuweisen, scheint dem Autor des Berichts nicht wichtig zu sein.

Aber welche Lösungsansätze bietet Krämer an ?

Krämer :“Wenn trotzdem ein Teil der Landwirte auch ordentliche Gewinne mit Agrarprodukten erzielt, liegt das in erster Linie an dem Wettbewerbsvorsprung, den sie sich aufgrund einer hohen Arbeits- und Kapitalproduktivität sowie durch niedrige Stückkosten infolge einer effektiven und effizienten Produktion geschaffen haben und auch immer wieder schaffen.“

Anmerkung: Diese Feststellung ist, gelinde gesagt, nicht nur umwerfend sondern auch noch zu einfach gestrickt. Schon immer ( und das wird sich auch nicht ändern) ist das Leistungsspektrum der Menschen genetisch bedingt sehr unterschiedlich. Diese Streuung kann man beklagen oder nicht. Tatsache ist: sie manifestiert sich in der Vielzahl unterschiedlicher Leistungsmuster  unserer menschlichen Gesellschaft. Diese Unterschiede werden auch durch unterschiedliche Betriebsergebnisse (auch in der Landwirtschaft) dokumentiert. In der Tierzucht geht man den Weg der „reziporken rekurrenten Selektion“, um diese „Leistungsstreuung“ besser den Griff zu bekommen. Da ein solches Ausleseverfahren für den „Homo sapiens“ wohl nicht infrage kommt, (oder doch??), werden andere Lösungsansätze gesucht.

 Krämer :Unter diesen Bedingungen herrscht ein nahezu vollkommener Wettbewerb, der nach der wirtschaftswissenschaftlichen Theorie dann auch dafür sorgt, dass mögliche Gewinne wegkonkurriert werden und letztlich verschwinden. In einem Markt für homogene, austauschbare Güter mit einem freien Marktzutritt und hoher Transparenz gibt es keine Gewinne! So weit die Theorie. In der Praxis sind all diese Bedingungen für landwirtschaftliche Agrarrohstoffe weitgehend gegeben. Deswegen ist auch auf fast allen Agrarmärkten ein harter Preis- und Verdrängungswettbewerb festzustellen, der für die meisten landwirtschaftlichen Betriebe dazu führt, dass die Einkommen unzureichend sind konnten.“

Anmerkung:  Und dieser Lösungsansatz heißt Wettbewerb. Abgesehen davon, dass es keinen Wettbewerb unter Gleichen gibt, führt dieser, von Krämer vorgezeichnete Weg, zu einer Kaptalauszehrung der Betriebe. Beispiel: Die Milchproduktion in den USA stieg von 1992 bis 2009 um 24%  auf 85,2Mio t Milch/a. Lag die Herdengröße 1992 noch bei 74 Kühen je Betrieb, stieg sie bis 2008 auf 163 Kühe. Der Milchgeldauszahlungspreis an die Milchfarmer ist seit 1992, mit Ausnahme des Jahres 2007 , nicht gestiegen und bewegt sich in einer gewissen Streubreite auf gleichem Niveau wie in 1992. Ursache dieser für die Farmer negativen Entwicklung liegt in der (fast) permanenten Überproduktion begründet. Auch staatliche und privat organisierte Stützungsmaßnahmen konnten bisher an dieser Entwicklung nichts ändern. Händeringend werden Unternehmer-Landwirte aus Europa,  wie von Krämer beschrieben,  gesucht, um Milchfarmen in den USA zu übernehmen. Die eigenen Kinder der Farmer wandern meisten in besser bezahlte Jobs außerhalb der Milchproduktion ab. Warum wohl ?

 Krämer :“Die heute wirtschaftenden Unternehmer-Landwirte agieren meist schneller und treiben mit der Nutzung des technischen Fortschritts die Kostensenkung wesentlich schneller als früher voran. Sie bewirken damit aber auch eine Beschleugung im Preissenkungsmechanismus, der automatisch mit den Mengensteigerungen in weitgehend gesättigten oder sogar schrumpfenden Märkten verbunden ist.“

Anmerkung: Gemäß der Unternehmensphilosophie von Krämer hat der Unternehmer-Landwirt ( was immer das sein mag! ) Vorfahrt und bestimmt den Kurs. Unter diesen  (guten) Unternehmer-Landwirten gibt es, gemäß  genbedingter Leistungsstreuung wiederum 25 Prozent noch besserer Unternehmer-Landwirte, die wiederum die Richtung bestimmen usw.usw. Eine solche Deklination des Wettbewerbs-und Leistungsgedankens ist pervers und bringt insgesamt die bäuerlichen Landwirtschaft in Gefahr. Nichts gegen Fortschritt ! Aber dieser Fortschritt muss auch für den Durchschnittslandwirt erreichbar sein!

 Krämer :“Die Pioniergewinne werden zukünftig tendentiell immer geringer werden, weil „Quanten-sprünge“ nicht mehr unbedingt zu erwarten sind (Ausnahmehoffnung: Gentechnologie), weil die Agrarrohstoffmärkte aufgrund der Bevölkerungsentwicklung in Europa (das ist unser Hauptmarkt) überwiegend schrumpfen und nicht wachsen, und weil das „Übernahmetempo“ die „Pioniergewinne“ schneller reduziert.“

Anmerkung: Wenn allein der Vorteil des „Unternehmer-Landwirtes“ in den Pioniergewinnen liegt, und diese Quantensprünge in Zukunft gemäß Lesart Krämer ausbleiben, dann frage ich mich, wo von der Unternehmer-Landwirt dann in Zukunft leben will? Da, so die Erkenntnis,  die Gewinne gegen Null gehen. Hier auch noch auf die Gentechnologie abzuheben, zeigt die ganze Hilflosigkeit des Schreibers. Das Dilemma  der von Herrn Krämer vorgestellten Landwirtschaft liegt ganz einfach in der Überproduktion. Unternehmen jedweder Richtung, sei es die Stahl-, Öl- oder Autoindustrie, selbst die Tourismusindustrie, versuchen das Problem der Überproduktion mit einer Produktionsanpassung in den Griff zu bekommen. Und das mit Erfolg, denn unter den Selbstkosten kann keiner überleben ( auch nicht der Unternehmer-Landwirt) . Diese, von der Industrie getroffenen unternehmerischen Entscheidungen der Produktionsanpassung, finden in der landwirtschaftlichen Beratung zurzeit keinen Eingang. Warum auch ? Denn bisher ist es so, dass die Überproduktion meistens auf Kosten der Steuerzahler irgendwie verwertet wurde. In der Fachsprache wird diese Kaskomentalität  als „Sicherheitsnetz“ bezeichnet und wird als solches auch dem Bürger verkauft. Eine Absicherung der Überproduktion wird es in Zukunft angesichts der Haushaltslage der EU und die der Nationalstaaten in der jetzigen Form wohl nicht mehr geben. Aber dennoch: Die Beratung setzt trotz gesättigter Märkte weiter auf Produktionsausweitung. Diese wird auch von Staats wegen noch kräftig gefördert. In der Milchproduktion geht die Landwirtschaftkammer Niedersachsen bei ihren Kalkulationen von einem ´durchschnittlichen Milchgeldauszahlungspreis von 34,5 Cents/kg Milch aus. Angesichts der Fakten am Milchmarkt und dem weiteren Abbau von Schutzzöllen lassen diese  Kalkulationsgrundlagen jedweden Realitätssinn vermissen. Je nach Verringerung der Importzölle (Doha-Runde) bewegen sich die von der Wissenschaft und der EU prognostizierten Milchgeldauszahlungspreise in Zukunft zwischen 22 -27 Cents/kg Milch( die Wissenschaftler der Uni Wageningen (Holland) haben das in einem Gutachten ebenfalls bestätigt). Angesichts der Produktionskosten  von 33,89 Cents/kg Milch (Vollkosten) der 25% besten Milchviehbetriebe in S-H gleicht die Beratung der Landwirtschaftskammer Niedersachsen einem Himmelfahrtskommando.  Nur wenn es gelingt die Produktion der Nachfrage anzupassen, ist Besserung in Sicht. Bleibt nur zu hoffen, dass diese Erkenntnis auch die Landwirtschaftskammer Niedersachsen erfasst im Interesse unserer bäuerlichen Landwirtschaft.

 

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