Megafusion:Humana/Nordmilch-ein neuer Multi? Teil 1

Veröffentlicht auf von Karl-Dieter Specht

26.04.2010 10;45;34 

Megafusion : Humana/Nordmilch – ein neuer Multi ?

Um am internationalen Markt ungehindert operieren zu können, hat man in Konsequenz dieser globalen Strategie den Einfluss der Eigentümer (sprich Bauern) weiter eingeschränkt. Durch die „Auslagerung“ der operativen Geschäfte in andere Rechtsformen sind diese weitgehend dem Einfluss der Eigentümer entzogen worden. Die Humana überführte ihr operatives Geschäft in eine GmbH. Die Nordmilch in eine AG. Nun sollen beide operative Einheiten zusammengeführt werden, wobei die eG-Holding beider Genossenschaften erhalten bleibt. Eine weitere Schwächung der Eigentümerseite. Die AG gewährt im Vergleich zur GmbH den Gesellschaftern weniger Einfluss auf die Führung des operativen Geschäftes. So sind Weisungen der Gesellschafter an den Vorstand nicht möglich. Darüber hinaus führen das Mitbestimmungsgesetz bei großen Kapitalgesellschaften und das Betriebsverfassungsgesetz einer weiteren Schwächung der Eigentümerseite. Demnach muss der Aufsichtsrat der Nordmilch-AG,  die den Regelungen des Mitbestimmungsgesetzes unterliegt, paritätisch besetzt sein. Arbeitgeber und Arbeitnehmer sind gleich stark und können sich bei wichtigen Entscheidungen gegenseitig blockieren.  Der Aufsichtsrat der Humana-GmbH ist gemäß dem Betriebsverfassungsgesetz zu einem Drittel mit Arbeitnehmern besetzt.

Man kontrolliert sich selbst!

Zudem sind der Vorsitzende der GmbH (Humana  Albert Große Frie) und der Vorstandsvorsitzende der AG (Nordmilch  Dr. Josef Schweiger) zugleich Mitglieder der  eG-Holding (Eigentümer), die ja eigentlich die operativen Geschäftsfelder überwachen sollen. Man überwacht und kontrolliert sich also selbst. Dieser Tatsache ist auch die Aussage von Dr. Schweiger geschuldet, der klar und deutlich erklärt hat, dass diese angestrebte Megafusion weder Arbeitsplätze noch Betriebsstätten kostet. Eine Aussage, die zum Schmunzeln Anlass gibt, denn ohne Synergieeffekte ist eine Fusion sinnlos. Halt – es gibt sie doch! Im Erfassungsbereich soll es eine Flurbereinigung geben. Milchsammelgebiete werden zusammengelegt und zu einer Einheit verschmolzen. Im schlimmsten Fall können Einzugsgebiete entstehen, in denen der Milchbauer aufgrund der Größe und fehlender Alternativen einen Molkereiwechsel nicht mehr vornehmen kann. Hier muss das Bundeskartellamt genau prüfen, ob der Tatbestand der Wettbewerbsbehinderung gegeben ist. Neben der so genannten Flurbereinigung in der Fläche  soll es auch eine Flurbereinigung in den Milchviehbeständen der Eigentümer (Bauern) geben.

Wie das aussehen soll, belegt der Geschäftsbericht der Nordmilch aus dem Jahr 2008( Konzernabschluss 2009 ist im Bundesanzeiger noch nicht verfügbar). Als Ideal-Betrieb wird im Geschäftsbericht ein 300er Milchkuhbetrieb als GbR dargestellt.

Milchviehbetriebe mit 300 Kühen werden angestrebt

Legt man diese Größenordnung zugrunde, dann benötigen wir in Schleswig-Holstein anstatt der zirka 5.000 Milchviehbetriebe nur  noch knapp  1.200 Betriebe. 76 Prozent der Betriebe müssen demnach aufgeben und deren Besitzer sich einen anderen Job suchen. Ohne Frage, für die Milchindustrie wäre diese Entwicklung ein Schritt in die richtige Richtung. Denn: die Konzentration in der Milchindustrie muss auch  auf der Produktionsseite (Milchbauern) ihren Widerhall finden( so die Einschätzung der Milchindustrie). Man will ja schließlich für den Weltmarkt produzieren. Nach dem Motto: Der Markt ist das Ziel und nicht der Milchgeldauszahlungspreis an die Milchbauern!

Soll ein Rating-System den Strukturwandel beschleunigen?

Um dieses Ziel der Konzentration im Produktionsbereich (Milchbauern) zu erreichen, denkt man schon über ein Rating-System nach. Parameter wie Milchqualität, Aufstallungsart, Milchmenge, Lage des Betriebs usw. werden gewichtet. Als Ergebnis wird dann ein individueller Milchpreis ermittelt. Diese Art der Bewertung ist in England  „fast“ schon gang und gäbe. Mit solch einem Rating-System kann die Entwicklung der Milchviehbestände durch die Milchindustrie gesteuert werden.

Fremde Kapitalgeber erhalten über 16 Prozent Zinsen

 Der Bilanzen von Humana und  Friesland Campina weisen externe Geldgeber aus, die für ihre Einlagen zwischen 16-18 Prozent Zinsen kassieren. Z.B. Humana: Kapitalanteile anderer Gesellschafter 38,66 Mio. €. Dafür erhielten die Gesellschafter Gewinnanteile in Höhe von 7,2Mio. €. Das entspricht einer Verzinsung von 18,62 %/a! Ein Affront gegen die genossenschaftlichen Milchbauern. Hier haben die Aufsichtsräte kläglich versagt. Das belegt eindeutig, dass die Aufsichtsräte ihrer Pflicht der Überwachung nicht nachkommen bzw. nicht nachkommen können, weil er nicht über die entsprechenden Hilfsmittel und das Fachwissen zur Kontrolle  des Vorstandes  verfügen. Hier muss der § 38 des GG dahingehend geändert werden, dass sich der Aufsichtsrat bei Bedarf eines externen Sachverstandes bedienen kann.

§ 38 Aufgaben des Aufsichtsrats

(1)   Der Aufsichtsrat hat den Vorstand bei dessen Geschäftsführung zu überwachen. Er kann zu diesem Zweck von dem Vorstand jederzeit Auskünfte über alle Angelegenheiten der Genossenschaft verlangen und die Bücher und Schriften der Genossenschaft sowie den Bestand der Genossenschaftskasse und die Bestände an Wertpapieren und Waren einsehen und prüfen. Er kann einzelne seiner Mitglieder beauftragen, die Einsichtnahme und Prüfung durchzuführen. Auch ein einzelnes Mitglied des Aufsichtsrats kann Auskünfte, jedoch nur an den Aufsichtsrat, verlangen. Der Aufsichtsrat hat den Jahresabschluss, den Lagebericht und den Vorschlag für die Verwendung des Jahresüberschusses oder die Deckung des Jahresfehlbetrags zu prüfen; über das Ergebnis der Prüfung hat er der Generalversammlung vor der Feststellung des Jahresabschlusses zu berichten. Ergänzung: Bei Bedarf obliegt es dem  Aufsichtsrat, sich in eigener Verantwortung durch externen Sachverstand beraten zu lassen.

                 

                             Der Humana-Nordmilch-Multi hat schlechte Karten

   Die Konzernbilanzen beider Unternehmen lassen nur einen Milchgeldauszahlungspreis im unteren Drittel des Auszahlungsvergleiches zu.    Auch die geringe Eigenkapitaldecke in Verbindung mit einem" schmalbrüsten" Firmenportfolio, das keine hohe Wertschöpfung zulässt, wird dem neuen Multi kräftig zusetzen. Hinzu kommen noch hohe Pensionsverpflichtungen, die ebenfalls auf das Ergebnis drücken. In 2008 weist die Nordmilch eG zwar einen geringen Konzernjahresüberschuss aus, aber selbst dieser ist nicht auf das operative Geschäft zurück zu führen. Er beruht vielmehr vollständig auf sonstigen Erträgen: rein bilanziellen Zuschreibungen zum Anlagevermögen, Anlageverkäufen und  der Auflösung von Rückstellungen.  Man verdient mit dem eigentlichen Geschäft kein Geld. Ganz ähnlich verhält es sich bei der Humana Milchunion. Auch hier resultiert der geringe Jahresüberschuss des Konzerns nicht auf dem operativen Geschäft, sondern auf Einmaleffekten. Hier sind Nachzahlungen für die Aufgabe des Geschäftsfeldes Kondensmilch und - wie schon bei der Nordmilch -  Verkäufe von Anlagevermögen und  die Auflösung von Rückstellungen. Das von beiden Unternehmen praktizierte Finanzmanagement ist sehr risikobehaftet und kann zu Ausfällen fuhren. Darüber hinaus verhagelt oft der hohe Exportanteil das Geschäft. Das kann unter Umständen zu einer großen Gefahr für den Multi werden, wenn es keine Exporterstattungen mehr gibt und sich keine Entspannung auf dem Weltmarkt einstellt. Auch die weitere Konzentration der Milchindustrie gegenüber dem LEH stärkt nicht, wie von beiden Konzernspitzen behaupte, die Milchindustrie in ihrer Verhandlungsposition gegenüber dem LEH , sondern das Problem wird nur auf eine höhere Ebene verlagert, wo der Konkurrenzkampf  mit noch härteren Mitteln ausgetragen wird. Insbesondere dann, wenn am Markt vorbei produziert wird. Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass das auch in Zukunft  so sein wird! Insoweit wird sich der Multi auch weiterhin im unteren Bereich des Leistungsvergleiches in Bezug auf den Milchgeldauszahlungspreis aller Molkereien tummeln müssen.

Als neuer Multi will man natürlich auch in dieser Liga spielen.

D.h. man muss die Herausforderungen des Weltmarktes annehmen. Denn Wachstum wird  sich vornehmlich nur  im Drittlandexport generieren lassen. Und dieses Wachstum lässt sich nicht mit heutigen Produktionskosten der Milchbauern realisieren. Deshalb haben Global-Player wie Danone, Fonterra usw. eigene Unternehmen oder Beteiligungen in den weltweiten Gunststandorten gegründet oder befinden sich in der Gründungsphase. Diese Unternehmen/Beteiligungen beschränken sich nicht nur auf die Verarbeitung von Milch sondern umfassen auch riesige Kuhbestände. Danone beteiligt sich in Algerien und in Saudi-Arabien an Kuhkombinaten mit jeweils über 30.000 Kühen. Fonterra ist in China und in Zukunft auch in Argentinien tätig. Das Ziel ist klar: Man will an den weltweit besten Gunststandorten produzieren.  Nur so lässt sich in Zukunft Wachstum generieren.  In diesem „globalen Konzert“ spielen die europäischen Milchbauern nur noch eine untergeordnete Rolle. Sie werden, so ist zu vermuten, in Zunft „nur noch“ für die Bereitstellung der Frischmilch, Frischprodukte, regionale Besonderheiten usw. gebrauchen. Alle anderen Milchprodukte werden dann importiert und über die Vertriebsschienen der Multis (auch in Deutschland) vertrieben.

 

Bleiben bäuerliche Interessen auf der Strecke ?

An diesem Wachstum will in Zukunft auch der Humana/Nordmilch/Multi teilnehmen. Dazu ist es erforderlich, dass die Beschaffungskosten für den Rohstoff Milch möglichst niedrig sind, denn der zukünftige Multi hat einen hohen Drittlandexportanteil. Darüber hinaus wird er nicht umhin kommen, Tochtergesellschaften  in weltweiten Gunstregionen zu etablieren, wenn er denn wirklich als Global-Player auftreten und wachsen will. Um dieses Ziel zu verwirklichen, muss der Einfluss der Eigentümer (Bauern) zurückgedrängt werden (ist zum Teil schon geschehen). Denn nur so kann er (der Multi)  ungehindert schalten und walten.  Dass dabei die bäuerlichen Interessen auf der Strecke bleiben, liegt auf der Hand. Deshalb ist es erforderlich, dass der Einfluss der Bauern auf ihre eigene Genossenschaft (Humana/Nordmilch-Multi)  wieder gestärkt wird. Eine durchgängige Überwachung aller unternehmensrelevanten Entscheidungen durch die Eigentümer ist sicherzustellen, denn sie haften ja auch in letzter Konsequenz.

                                 

                                        Änderungsvorschlag  der Unternehmensstruktur

 Humana/Nordmilch Holding e G

Vorstand : Gewählte Vertreter aus der Mitte der Genossenschaft

Aufgaben: Führung und Kontrolle des Konzerns, Formulierungen von Unternehmenszielen gemäß den Vorgaben der Genossenschaftsversammlung und deren Umsetzung überwachen. Bei Bedarf : Unterstützung durch externe Berater

                                                                                                                                                                   

 

Konzerncontrolling

Direkt dem Vorstand unterstellt. Aufgaben: Überwachung der Beschlussausführungen des Vorstandes. Monatliche Berichterstattung  an den Vorstand. Bei Bedarf : Beratung  des Vorstandes und Teilnahme an Vorstandsitzungen.

              Multi  GmbH

Direkt dem Vorstand unterstellt.

Führung des operativen Geschäfts des Konzerns. Direkt dem Vorstand unterstellt. Aufgaben: Setzt die Beschlüsse des Vorstandes um. Monatliche Berichterstattung an den Vorstand. Bei Bedarf : Beratung des Vorstandes und Teilnahme an Vorstandsitzungen.

Die Straffung der Unternehmensstruktur zugunsten der Eigentümer (Bauern) stellt sicher, dass keine unternehmerischen Entscheidungen zu Lasten der Milchbauern getroffen werden. Damit kann durch die Eigentümer sichergestellt werden, dass nicht nur der Markt das Ziel ist sondern der auskömmliche Milchgeldauszahlungspreis an die Eigentümer. Ein Wachsen des Humana-Nordmilch-Multis zu Lasten der Milchbauern ist dann (wenn die Bauern sich einbringen) unmöglich. Es liegt also an den Milchbauern selbst, wie sie ihre Genossenschaft aufstellen.

 

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