Produktionskosten der Milch: Ein Buch mit sieben Siegeln!
Produktionskosten der Milch: Ein Buch mit sieben Siegeln !
Allenthalben sitzt der Schock der Talfahrt der Milchgeldauszahlungspreise an die Milchbauern noch tief, schon stehen die Produktionskosten, was natürlich berechtigt ist, im Focus der Auseinandersetzung um die weitere Zukunft der Milchbauern. Die Milchindustrie sagt: Die Milchbauern müssen „billiger“ produzieren! Raiffeisen sagt: Die Kosten müssen runter! Selbst der Bauernverband stimmt in diesem Chor mit ein. Wenn es darum geht, welche Art der Produktionskosten denn gemeint sind, herrscht Chaos. Wie: Vollkosten mit MwSt. oder ohne, mit Nebenerlöse oder ohne, mit Nachzucht oder ohne, fettkorrigiert oder nicht, Produktionskosten gemäß GuV( Kostendeckung) u.u. Ein Sammelsurium von Daten, die kaum zu überblicken sind. Dieses Sammelsurium an Zahlen hat allerdings auch einen fragwürdigen Vorteil: Je nach Bedarf kann man die Zahlen entsprechend „seiner“ Zielrichtung aufarbeiten. Und das Wunderbare ist dabei: Es merkt meistens keiner!
Hier drei Beispiele:
Die Erzeuger-Genossenschaft Neumark eG in Thüringen baut einen neuen Kuhstall für circa 1.800 Kühe. Investitionsvolumen 5,1Mio. € ( 2.800 € je Kuhplatz ?) Diese Kuhherde (mit Jungvieh?) wird von 45 Mitarbeitern betreut (40 Kühe je AK? ). Zurzeit betragen den Produktionskosten (Vollkosten?) 35 Cents/kg Milch (auf welcher Basis??). Nach dem Neubau/Umbau sollen die Produktionskosten unter 30 Cents/kg/Milch (Vollkosten) liegen (auf welcher Basis?). Gemäß den Angaben des Geschäftsführers liegen als Vollkosten-Kalkulationsgrundlage 27-28 Cents je kg Milch zugrunde(auf welcher Basis?).
Die Tonkings Agrar-AG ist an die Börse gegangen. Neben dem Ackerbau betreibt die AG auch noch eine Milchviehanlage mit 800 Kühen und einer Milchquote von 7 Mio./kg/a. Produktionskosten je kg Milch liegen laut Börsenzeitung bei 23,00-23,50 Cents(Produktionskosten gemäß GuV oder Vollkosten? u.u.).
Milchbauer Fred Arkenberg bewirtschaftet in Niedersachsen einen 220 ha großen landw. Betrieb mit 95 Milchkühen. Anlässlich einer Gastvorlesung an der Uni Göttingen, die er als“ Praktiker“ hielt, machte er klar, dass nur jene Betriebe überleben, die Produktionskosten (welche?) von unter 28 Cents/kg/ Milch aufweisen.
Man kann nicht Äpfel mit Birnen vergleichen
Alle drei Unternehmen habe ich gebeten mir einmal Unterlagen zur Verfügung zu stellen, damit ich die von Ihnen genannten Produktionszahlen entsprechend einem einheitlichen und vergleichbaren Raster einordnen kann. Denn es macht ja keinen Sinn, wenn man Äpfel mit Birnen vergleicht. Bis heute haben diese Unternehmen nicht geantwortet. Das legt den Schluss nahe, dass diese Betriebe an einem auf einer einheitlichen Basis ermittelten Produktionskosten-Vergleich nicht interessiert sind. Es sind zweckgebundene Ermittlungen, die irgendwelchen Interessen dienen.
Fragen an die Landwirtschaftskammern/Ministerien
Um mehr Klarheit in „der Sache“ zu erhalten, habe ich bei den Landwirtschaftskammern in
Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Saarland, Land Thüringen und Bayern mit folgender Mail um Auskunft gebeten:
Sehr geehrte Damen und Herren,
im Rahmen der Zukunftsdiskussion um die Milchstandorte in Deutschland treten u.a. die Produktionskosten (Vollkosten) je kg/Milch (ECM) immer mehr in den Vordergrund.
Zunehmend werden, auch in der Fachpresse, Vollkosten unter 30 Cents/kg Milch genannt. Manche der „Angaben“ bewegen sich die der Größenordnung von 23-28 Cents/kg/Milch.
In den Auswertungen der Rinderspezialberatungen der Kammern kann ich diese genannten Ergebnisse nicht wiederfinden.
Gibt es in ----------------- Milchviehbetriebe, die solche oder ähnliche Zahlen erreichen?
Wenn ja:
Ø Wie viele Betriebe sind es?
Ø Welche Faktorenausstattung haben diese Betriebe?
Ø Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um solche Produktionskosten zu erreichen?
Für Ihre Bemühungen bedanke ich mich recht herzlich im Voraus!
Mit freundlichen Grüßen
Karl-Dieter Specht
Zunächst ist als positiv festzustellen, dass „alle Kammern“ zwischenzeitlich geantwortet haben; jedoch mit unterschiedlichen Ergebnissen. Die Einen verwiesen mich auf Veröffentlichungen. Die Anderen nannten mir andere Institute, an die ich mich wenden soll. Eine Kammer bat um Rücksprache. Eine Kammer stellte fest, dass es aufgrund der unterschiedlichen Kostenabgrenzungen und Bewertungen fast unmöglich ist auf einen vergleichbaren Nenner zu kommen.
Doch meine Fragen unter „Wenn ja:“ wurden von keiner Kammer umfassend beantwortet. Also machte ich mich weiter auf die Suche. Und ich wurde fündig. Seit 2004 werden nach dem DLG- System BZA Rind bundesweit nach einem einheitlichen Raster „DLG-Spitzenbetriebe“ ausgewertet. In diesem Verfahren werden die Betriebsergebnisse nach einem einheitlichen Standard ausgewertet und verglichen. Insoweit lassen sich hier objektive Vergleiche anstellen. Im WJ 2008/09 nahmen an der Auswertung 250 Milchviehbetriebe von insgesamt 93.497 Betrieben teil. Eine prozentuale Bewertung des Ergebnisses in Bezug auf die Gesamtzahl der Milchviehbetriebe ist aufgrund des zu geringen Datenmaterials nur bedingt möglich.
Diese 250 DLG-Spitzenbetriebe verteilen sich wie folgt:
|
Bundesland (1) | Anzahl der DLG- Spitzenbetriebe | Milchviehbetriebe insgesamt | DLG-Betriebe (2) Anzahl der Milchkühe/ Betrieb | Milchviehbetriebe Anzahl der Milchkühe/Betrieb | |
| Baden Württemberg | 35 | 11.073 | (92) | 32 | |
| Bayern | 61 | 42.810 | (77) | 29 | |
| Brandenburg | -- | 808 | -- | 200 | |
| Hessen | 25 | 4.163 |
| 35 | |
| Mecklenb.VP | 8 | 980 |
| 169 | |
| Niedersachsen | 11 | 13.754 |
| 55 | |
| Nordrhein-Westfalen | 47 | 8.663 |
| 44 | |
| Rheinland-Pfalz | 16 | 2.562 | (86) | 45 | |
| Saarland |
| 258 |
| 56 | |
| Sachsen | 8 | 1.569 |
| 116 | |
| Sachsen-Anhalt | 3 | 742 |
| 163 | |
| Schleswig-Holstein | 32 | 5.260 | (156) | 69 | |
| Thüringen | 4 | 761 |
| 144 | |
| Deutschland | 250 | 93.497 | 139 | 45 | |
Quelle : DLG , Statistisches Bundesamt u. eig, Berechnungen- (1) außer den Stadtstaaten (2) weg. Urlaub konnten die Zahlen nicht vervollständigt werden
Ein Überblick über die landw. Strukturen der Milchviehbetriebe in Deutschland macht deutlich, dass es den „deutschen Milchviehbetrieb“ nicht gibt. Zu unterschiedlich sind die Strukturen der einzelnen Bundesländer. Hat der Durchschnittsbetrieb in den „neuen“ Bundesländern 158 Kühe, so sind es in den „alten“ Bundesländern nur 46 Kühe (Ost-West-Gefälle). Schleswig-Holstein hat 69 Kühe je Betrieb, die Bayern „nur“ 29 Kühe (Nord –Süd-Gefälle). Allein diese Tatbestände machen deutlich, dass es bei „aller Liebe“ zur Vereinheitlichung ( Ökonomisierung) keine „geschlossene Interessenlage“ der einzelnen Bundesländer geben kann. Alles andere ist Augenwischerei. Die Frage ist nur: Wie weit soll die Anpassung gehen? Neben allen Fragen der Ökonomisierung haben die unterschiedlichen Strukturen der Bundesländer einen hohen kulturellen und landschaftsbezogenen Stellenwert. Mehr noch: Sie sind sinnes- und erlebnisprägend für die Regionen. Diese im Wesentlichen zu erhalten, muss Aufgabe einer zukunftsweisenden Landwirtschaft sein. Deshalb macht es keinen Sinn, sich gegenseitig die strukturellen Vor- oder Nachteile um die Ohren zu hauen. Es müssen Lösungen gefunden werden, die zwar „Fortschritt“ nicht verhindern, aber den typischen Charakter einer Region nicht wesentlich verändern. D.h.im Klartext: Die Bauern müssen mitgenommen werden!
Wirtschaftsergebnisse der DLG-Spitzenbetriebe im WJ 2008/09 in Deutschland
| 250 DLG- Spitzenbetriebe | Bezugseinheit | Unteres Viertel | Oberes Viertel | Durchschnitt |
| Betriebe | 63 | 63 | 63 | 250 |
| Kühe | ---- | 119 | 168 | 139 |
| Erzeugte Milch | Tsd.kg ECM | 1.095 | 1.588 | 1.287 |
| Milchleistung | Tsd.kg/ECM | 8.988 | 9.467 | 9.179 |
| Molkerei/Milchp.netto 4%Fett/3,4 Eiw. | Ct/kg ECM | 29,64 | 31,58 | 30,38 |
| Leistungen | Ct/kg ECM | 37,11 | 38,65 | 37,62 |
| Produktionskosten | Ct/kg ECM | 44,83 | 35,59 | 39,87 |
| davon Futterkosten | Ct/kg ECM | 21,37 | 17,40 | 19,37 |
| davon AK | Ct/kg ECM | 12,98 | 9,01 | 11,00 |
| Kalk. BZE | Ct/kg ECM | -7,72 | 3,06 | -2,25 |
| Gewinnbeitrag | Ct/kg ECM | 2,89 | 9,60 | 6,29 |
| Produktivität | Kühe/AK | 45,5 | 57,7 | 57,7 |
| Milch AK/h |
| 168 | 236 | 204 |
Quelle: DLG
Grundsätzlich ist festzustellen, dass die DLG-Spitzenbetriebe, was die Kuhzahl anbelangt, weit über dem Durchschnitt der Kuhbestände in der Bundesrepublik liegen (139 Kühe zu 45). Im Durchschnitt halten die DLG- Betriebe 139 Kühe. Weiter ist festzustellen, dass es sich hierbei um Spitzenbetriebe handelt, also nicht den „allgemeinen Durchschnitt“ repräsentieren. Im Mittel weisen diese Betriebe Produktionskosten (Vollkosten) von 39,87 Ct.kg/ECM auf. Die Differenz zwischen dem unteren und oberen Viertel beträgt 9,24 Cents = eine Streubereite von 23 Prozent. Hier ist insbesondere auf die breite Streuung der Kosten der Arbeitserledigung und der Futterkosten zu achten. Auch bei den Leistungen gibt es bemerkenswerte Unterschiede. Die Erlöse je kg Milch schwanken zwischen 29,64 und 31,58 Cents, also um 1,94 Cents. Bei einer Liefermenge von 1.29 Mio.kg/a verzichtet das untere Viertel auf Einnahmen von 25.000 €/a. Auch haben die „erfolgreicheren“ DLG-Spitzenbetriebe einen um 29 Kühe höheren Kuhbestand. Gegenüber dem unteren Viertel der DLG-Betriebe liegt die Differenz sogar bei 49 Kühen. Um alle kassenwirksamen Kosten (PK gemäß GuV) abzudecken, benötigt der „durchschnittliche DLG-Spitzenbetrieb“ 31,3 Cents/kg Milch. Die Leidensfähigkeit der Betriebe liegt in der Spannbreite zwischen 39,87 Cents/kg Milch und 31,3 Cents/kg Milch.
Dazu fasst eine Meldung, die aufhorchen lässt!
Uni Wagnerinnen:
Darin rechnen sie mit einer weiteren Marktliberalisierung. Sollte es in der Welthandelsorganisation (WTO) zu einem Abschluss der Doha-Runde kommen, veranschlagen sie den künftigen EU-Erzeugerpreis auf dem Milchmarkt infolge eines steigenden Importdrucks für die Anbieter auf dem Binnenmarkt lediglich auf 26-27 ct/kg. Angesichts eines derzeit durchschnittlich auf 34 ct/kg (?) bezifferten Vollkostenpreises erwarten die Forscher aus Holland daher einen weiteren Strukturwandel. (Quelle Braunvieh vom 24.06. 2010)
Wirtschaftsergebnisse der DLG-Spitzenbetriebe nach Regionen
| Ergebnisse (1) | Region West | Region Ost | Region Nord | Region Süd | Durchschnitt |
| Leistungen | 38,40 | 34,90 | 34,10 | 39,10 |