Produktionskosten der Milch: Ein Buch mit sieben Siegeln!

Veröffentlicht auf von Karl-Dieter Specht

Produktionskosten der Milch: Ein Buch mit sieben Siegeln !

26.04.2010 10;45;34Allenthalben  sitzt der Schock  der Talfahrt der Milchgeldauszahlungspreise an die Milchbauern noch tief, schon stehen die Produktionskosten, was natürlich berechtigt ist, im Focus der Auseinandersetzung um die weitere Zukunft der Milchbauern. Die Milchindustrie sagt: Die Milchbauern müssen „billiger“ produzieren! Raiffeisen sagt: Die Kosten müssen runter! Selbst der Bauernverband stimmt in diesem Chor mit ein. Wenn es darum geht, welche Art der Produktionskosten  denn gemeint sind,  herrscht Chaos. Wie: Vollkosten mit MwSt. oder ohne, mit Nebenerlöse oder ohne, mit Nachzucht oder ohne, fettkorrigiert oder nicht, Produktionskosten gemäß GuV( Kostendeckung) u.u. Ein Sammelsurium von  Daten, die kaum zu überblicken sind. Dieses Sammelsurium an Zahlen hat allerdings auch einen fragwürdigen Vorteil: Je nach Bedarf kann man die Zahlen entsprechend „seiner“ Zielrichtung aufarbeiten. Und das Wunderbare ist dabei: Es merkt meistens keiner!

Hier drei Beispiele:

Die Erzeuger-Genossenschaft Neumark eG in Thüringen baut einen neuen Kuhstall für circa 1.800 Kühe. Investitionsvolumen 5,1Mio. €  ( 2.800 € je Kuhplatz ?) Diese Kuhherde (mit Jungvieh?) wird von 45 Mitarbeitern betreut (40 Kühe je AK?  ). Zurzeit betragen den Produktionskosten (Vollkosten?) 35 Cents/kg Milch (auf welcher Basis??). Nach dem Neubau/Umbau sollen die Produktionskosten unter 30 Cents/kg/Milch (Vollkosten) liegen (auf welcher Basis?). Gemäß den Angaben des Geschäftsführers liegen als  Vollkosten-Kalkulationsgrundlage 27-28 Cents je kg Milch  zugrunde(auf welcher Basis?).

 Die Tonkings Agrar-AG ist an die Börse gegangen. Neben dem Ackerbau betreibt die AG auch noch eine Milchviehanlage mit 800 Kühen und einer Milchquote von 7 Mio./kg/a. Produktionskosten je kg Milch liegen laut Börsenzeitung bei 23,00-23,50 Cents(Produktionskosten gemäß GuV oder Vollkosten? u.u.).

Milchbauer Fred Arkenberg bewirtschaftet in Niedersachsen einen 220 ha großen landw. Betrieb mit 95 Milchkühen. Anlässlich einer Gastvorlesung an der Uni Göttingen, die er als“ Praktiker“ hielt, machte er klar, dass nur jene Betriebe überleben, die Produktionskosten (welche?) von unter 28 Cents/kg/ Milch aufweisen.

 

                                             Man kann nicht Äpfel mit Birnen vergleichen

Alle drei Unternehmen habe ich gebeten mir einmal Unterlagen zur Verfügung zu stellen, damit ich die von Ihnen genannten Produktionszahlen entsprechend einem einheitlichen und vergleichbaren Raster einordnen kann. Denn es macht ja keinen Sinn, wenn man Äpfel mit Birnen vergleicht. Bis heute haben diese Unternehmen nicht geantwortet. Das legt den Schluss nahe, dass diese Betriebe an einem auf einer einheitlichen Basis ermittelten Produktionskosten-Vergleich nicht interessiert sind. Es sind zweckgebundene Ermittlungen, die irgendwelchen Interessen dienen.

                                                

                                                Fragen an die Landwirtschaftskammern/Ministerien

Um mehr Klarheit in „der Sache“ zu erhalten, habe ich bei den Landwirtschaftskammern in

Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Saarland, Land Thüringen und Bayern mit folgender Mail um Auskunft gebeten:

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Rahmen der Zukunftsdiskussion um die Milchstandorte in Deutschland treten u.a. die Produktionskosten (Vollkosten)  je kg/Milch (ECM) immer mehr in den Vordergrund.

Zunehmend werden, auch in der Fachpresse, Vollkosten unter 30 Cents/kg Milch genannt. Manche der „Angaben“ bewegen sich die der Größenordnung von 23-28 Cents/kg/Milch.

In den Auswertungen der Rinderspezialberatungen der Kammern kann ich diese genannten Ergebnisse nicht wiederfinden.

 Gibt es in ----------------- Milchviehbetriebe, die solche oder ähnliche Zahlen erreichen?

Wenn ja:

Ø  Wie viele Betriebe sind es?

Ø  Welche Faktorenausstattung haben diese Betriebe?

Ø  Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um solche Produktionskosten zu erreichen?

 

Für Ihre Bemühungen bedanke ich mich recht herzlich im Voraus!

Mit freundlichen Grüßen

Karl-Dieter Specht

 Zunächst ist als positiv festzustellen, dass „alle Kammern“ zwischenzeitlich geantwortet haben; jedoch mit unterschiedlichen Ergebnissen. Die Einen verwiesen mich auf Veröffentlichungen. Die Anderen nannten mir andere Institute, an die ich mich wenden soll. Eine Kammer bat um Rücksprache. Eine Kammer stellte fest, dass es aufgrund der unterschiedlichen Kostenabgrenzungen und Bewertungen fast unmöglich ist auf einen vergleichbaren Nenner zu kommen.

Doch meine Fragen unter „Wenn ja:“ wurden von keiner Kammer umfassend beantwortet. Also machte ich mich weiter auf die Suche. Und ich wurde fündig. Seit 2004 werden nach dem DLG- System BZA Rind bundesweit nach einem einheitlichen Raster „DLG-Spitzenbetriebe“ ausgewertet. In diesem Verfahren werden die Betriebsergebnisse  nach einem einheitlichen Standard  ausgewertet und verglichen. Insoweit lassen sich hier objektive Vergleiche anstellen. Im WJ 2008/09  nahmen an der Auswertung 250  Milchviehbetriebe von insgesamt 93.497 Betrieben teil. Eine prozentuale Bewertung des Ergebnisses in Bezug auf die Gesamtzahl der Milchviehbetriebe ist  aufgrund des zu geringen Datenmaterials nur bedingt  möglich.

Diese 250 DLG-Spitzenbetriebe verteilen sich wie folgt:

 

Bundesland (1)

Anzahl der DLG- Spitzenbetriebe

Milchviehbetriebe insgesamt

DLG-Betriebe (2)

Anzahl der Milchkühe/ Betrieb

Milchviehbetriebe

Anzahl der Milchkühe/Betrieb

Baden Württemberg

35

11.073

(92)

32

Bayern

61

42.810

(77)

29

Brandenburg

--

808

--

200

Hessen

25

4.163

 

35

Mecklenb.VP

8

980

 

169

Niedersachsen

11

13.754

 

55

Nordrhein-Westfalen

47

8.663

 

44

Rheinland-Pfalz

16

2.562

(86)

45

Saarland

 

258

 

56

Sachsen

8

1.569

 

116

Sachsen-Anhalt

3

742

 

163

Schleswig-Holstein

32

5.260

(156)

69

Thüringen

4

761

 

144

Deutschland

250

93.497

139

45

           

Quelle : DLG , Statistisches Bundesamt u. eig, Berechnungen- (1) außer den Stadtstaaten (2) weg. Urlaub konnten die Zahlen nicht vervollständigt werden

Ein Überblick über die landw. Strukturen  der Milchviehbetriebe in Deutschland macht deutlich, dass es den „deutschen Milchviehbetrieb“ nicht gibt. Zu unterschiedlich sind die Strukturen der einzelnen Bundesländer. Hat der Durchschnittsbetrieb in den „neuen“ Bundesländern 158 Kühe, so sind es in den „alten“ Bundesländern nur 46 Kühe (Ost-West-Gefälle). Schleswig-Holstein hat 69 Kühe je Betrieb, die Bayern „nur“ 29 Kühe (Nord –Süd-Gefälle). Allein diese Tatbestände machen deutlich, dass es bei „aller Liebe“ zur Vereinheitlichung ( Ökonomisierung) keine „geschlossene Interessenlage“ der einzelnen Bundesländer geben kann. Alles andere ist Augenwischerei. Die Frage ist nur: Wie weit soll die Anpassung gehen? Neben allen Fragen der Ökonomisierung haben die unterschiedlichen Strukturen der Bundesländer einen hohen kulturellen und landschaftsbezogenen Stellenwert. Mehr noch: Sie sind sinnes- und erlebnisprägend für die Regionen. Diese im Wesentlichen zu erhalten, muss Aufgabe einer zukunftsweisenden Landwirtschaft sein. Deshalb macht es keinen Sinn, sich gegenseitig die strukturellen Vor- oder Nachteile um die Ohren zu hauen. Es müssen Lösungen gefunden werden, die zwar „Fortschritt“ nicht verhindern, aber den typischen Charakter einer Region nicht wesentlich verändern. D.h.im Klartext: Die Bauern müssen mitgenommen werden!

 Wirtschaftsergebnisse der DLG-Spitzenbetriebe im WJ 2008/09 in Deutschland

250 DLG-    Spitzenbetriebe

Bezugseinheit

Unteres Viertel

Oberes Viertel

Durchschnitt

Betriebe

 63

   63

63

250

Kühe

  ----

119

168

139

Erzeugte Milch

Tsd.kg ECM

1.095

1.588

1.287

Milchleistung

Tsd.kg/ECM

8.988

9.467

9.179

Molkerei/Milchp.netto

4%Fett/3,4 Eiw.

Ct/kg ECM

29,64

31,58

30,38

Leistungen

Ct/kg ECM

37,11

38,65

37,62

Produktionskosten

Ct/kg ECM

44,83

35,59

39,87

davon Futterkosten

Ct/kg ECM

21,37

17,40

19,37

davon AK

Ct/kg ECM

12,98

9,01

11,00

Kalk. BZE

Ct/kg ECM

-7,72

3,06

-2,25

Gewinnbeitrag

Ct/kg ECM

2,89

9,60

 6,29

Produktivität

Kühe/AK

45,5

57,7

57,7

Milch AK/h

 

168

236

204

Quelle: DLG

Grundsätzlich ist festzustellen, dass die DLG-Spitzenbetriebe, was die Kuhzahl anbelangt, weit über dem Durchschnitt der Kuhbestände in der Bundesrepublik liegen (139  Kühe zu 45). Im Durchschnitt halten die DLG- Betriebe 139 Kühe. Weiter ist festzustellen, dass es sich hierbei um Spitzenbetriebe  handelt, also nicht den „allgemeinen Durchschnitt“ repräsentieren. Im Mittel weisen diese Betriebe Produktionskosten (Vollkosten) von 39,87 Ct.kg/ECM auf. Die Differenz zwischen dem unteren und oberen Viertel beträgt 9,24 Cents = eine Streubereite von 23 Prozent. Hier ist insbesondere auf die breite Streuung der Kosten der Arbeitserledigung und der Futterkosten zu achten. Auch bei den Leistungen gibt es bemerkenswerte Unterschiede. Die Erlöse je kg Milch schwanken zwischen 29,64 und 31,58 Cents, also um 1,94 Cents. Bei einer Liefermenge von 1.29 Mio.kg/a verzichtet das untere Viertel  auf Einnahmen von 25.000 €/a. Auch haben die „erfolgreicheren“ DLG-Spitzenbetriebe einen um 29 Kühe höheren Kuhbestand. Gegenüber dem unteren Viertel der DLG-Betriebe  liegt  die Differenz  sogar bei 49 Kühen. Um alle kassenwirksamen Kosten (PK gemäß GuV) abzudecken, benötigt der „durchschnittliche DLG-Spitzenbetrieb“ 31,3 Cents/kg Milch.  Die Leidensfähigkeit der Betriebe liegt in der Spannbreite  zwischen 39,87 Cents/kg Milch und 31,3 Cents/kg Milch.

                                          Dazu fasst eine Meldung, die aufhorchen lässt!

Uni Wagnerinnen:

Darin rechnen sie mit einer weiteren Marktliberalisierung. Sollte es in der Welthandelsorganisation (WTO) zu einem Abschluss der Doha-Runde kommen, veranschlagen sie den künftigen EU-Erzeugerpreis auf dem Milchmarkt infolge eines steigenden Importdrucks für die Anbieter auf dem Binnenmarkt lediglich auf 26-27 ct/kg. Angesichts eines derzeit durchschnittlich auf 34 ct/kg (?) bezifferten Vollkostenpreises erwarten die Forscher aus Holland daher einen weiteren Strukturwandel. (Quelle Braunvieh vom 24.06. 2010)

 

              Wirtschaftsergebnisse der DLG-Spitzenbetriebe nach Regionen

Ergebnisse (1)

Region West

Region Ost

 Region Nord

Region Süd

Durchschnitt

Leistungen

38,40

34,90

34,10

39,10

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P
<br /> hallo herr specht<br /> in sachsen-anhalt sind noch 480betriebe in der kontrolle.<br /> kontrolldichte 95%! aktuelle zahlen des verbandes für leistungsprüfung.wieviel sind es in den anderen bundesläner? mfg peter schuchmann<br /> <br /> <br />
Antworten
K
<br /> <br /> Guten Morgen Herr Schuchmann,<br /> <br /> <br /> für Schleswig-Holstein kann ich Ihnen folgende Zahlen nennen :<br /> <br /> <br /> Mitglieder im Landeskontrollverband = 3.944 Betriebe, Milchkuhbestand je Betrieb 76,6 Kühe<br /> <br /> <br /> Mitglieder in der Rinderspezialberatung = 1.1993 Betriebe, Milchkuhbestand je Betrieb 91,5 Kühe<br /> <br /> <br /> Milchviehhalter insgesamt in Schleswig-Holstein = 5.260 Betriebe, Milchkuhbestand je Betrieb 68,6 Kühe<br /> <br /> <br />  <br /> <br /> <br /> Kollegiale Grüße aus dem hohen Norden<br /> <br /> <br />  <br /> <br /> <br /> Karl-Dieter Specht<br /> <br /> <br /> <br />