Milchkrise: Ein immer wieder aktuelles Problem
Milchkrise: Ein immer wieder aktuelles Problem
Anmerkungen von Prof. Dr. Hannes Weindlmaier, TU München
Zusammenfassung und Fazit
Folge 1
Kommentiert vom SV Karl-Dieter Specht
Da ein privatwirtschaftliches Nachfolgemodell der Milchquotenregelung für den Gesamtmarkt höchst unwahrscheinlich ist, wird es erforderlich werden, die Vertragsbeziehungen zwischen Milchlieferanten/Erzeugergemeinschaften und den Molkereien auf eine neue Basis zu stellen. Im Hinblick auf die langfristige internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Milchwirtschaft ist es wichtig, hier zu partnerschaftlichen Lösungen zu kommen, durch welche die Interessen und Zwänge beider Seiten bestmöglich berücksichtigt werden.
Anmerkungen: Um dieses Ziel zu erreichen, muss die Verhandlungsmacht der Milcherzeuger gestärkt werden. Nur wenn ein Gleichgewicht zwischen Erzeuger, Verarbeiter und Vermarkter herrscht, können für alle Seiten akzeptable Beschlüsse gefasst werden. Der Michboykott der Milchbauern, auch gegen die eigene Meierei, hat gezeigt, dass das Vertrauensverhältnis Milchbauer/Meierei nachhaltig gestört ist. Beispiel: Nordmilch klagt gegen „eigene“ Genossen (Quelle: LAND & Forst -Nr. 13 - 26. März 2009).Auch die Ausgliederung von Geschäftsteilen in andere Rechtsformen dient nur dazu, der Genossenschaftsholding die Zähne zu ziehen. Im Klartext: Das Genossenschaftsmitglied wird mehr und mehr entmachtet und haftet trotzdem ohne Einflussnahme mit seiner Einlage. Auch die Äußerung der Nordmilch, die 50 Prozent und mehr der Milchbauern schon auf der Verliererstraße sieht und schon mal den 300er Kuhbetrieb als (zurzeit) Ideealbetrieb vorstellt, fördert nicht die von Prof. Dr. Weindlmaier ins Auge gefasste partnerschaftliche Lösung. Hinzu kommt, dass Dr. Engel von der Hochwald Nahrungsmittel-Werke GmbH (Muttergenossenschaft Erbeskopf Eifelperle eG) die Zusammenarbeit mit den Erzeugern, was eine Mengenanpassung anbelangt, strikt ablehnt. Originaltext Dr. Engel: „Entscheidungen über die Zukunft der Milchgarantiemengenregelung nach 2014/15 ist Sache der Milcherzeuger“. Eine Zusammenarbeit mit den Milchbauern lehnt hiermit Dr. Engel als Vorsitzender einer Genossenschaft klar und deutlich ab. Weiter geht es mit den (genossenschaftlichen) Gemeinheiten: Die Humana Milchunion eG verzinst die Anteile anderer Gesellschafter mit 18,62 %/a.Ouelle: Geschäftsbericht 2008 Humana-Unternehmensgruppe). Ob diese Verzinsung mit den Genossenschaftsmitgliedern abgesprochen worden ist, darf getrost bezweifelt werden. All das zusammen macht deutlich, dass es der Milchindustrie nicht ursächlich das Wohl der Milchbauern geht, sondern darum, dass die auf Wachstum getrimmten Investitionen sich auch in Zukunft über den Exportmarkt in Drittländer rechnen - koste es, was es wolle, denn der europäische Markt ist dicht! Diese Haltung der Milchindustrie ist keine Basis für vertrauensvolle Gespräche mit den Milchbauern, wie sie von Prof. Dr. Weindlmaier vorgeschlagen werden.
Dazu Lars Hoelgaard (Stellvertretender Generaldirektor Landwirtschaft bei der EU-Kommission):Es könne nicht sein, dass jeder Bauer so viel Milch produziert, wie er will. Als „perverse Reaktion“ bezeichnete er die Ausweitung der Produktion bei fallenden Milchpreisen. Der Milchmarkt müsse deshalb auch künftig eine „gewisse Regelung“ haben, Brüssel werde jedenfalls die Überproduktion zukünftig nicht mehr finanzieren. Das EU-Sicherheitsnetz werde bewusst niedrig bei 18 bis 19 Cent liegen (Quelle: MIV-Tagung in Bremen).
Aufgrund der für die nächste Zeit erwarteten Rahmenbedingungen sind Molkereigenossenschaften in Regionen mit starkem Produktionswachstum nach dem Ende der Quotenregelung in besonderem Maße gefordert, eine einzelbetriebliche Mengensteuerung zu implementieren. Ein Ansatz für eine Problemreduzierung wird darin gesehen, den Prozentsatz der längerfristig durch Genossenschaftsmitglieder gebundenen Milchmenge auf ± 80 % der für Produkte mit guter Verwertung benötigten Rohmilch zu reduzieren. Meldungen der Erzeuger über geplante Milchliefermengen verbessern zwar die Produktionsplanung der Molkerei – eine Lösung, Übermengen günstig zu verwerten, bieten diese aber nur sehr begrenzt.
Anmerkungen: Dieser Denkansatz und der damit verbundene Lösungsansatz geht in die falsche Richtung. Eine differenzierte Mengenregulierung -wie auch immer angedacht- ob meierei-oder länderbezogen, löst das Problem der Überproduktion nicht. Im Gegenteil: Dieser Ansatz kreiert Sieger und Verlierer! Schon aus diesem Grund kann man diesen Ansatz getrost vergessen.
Die umfassendste Problemlösung würde natürlich für jede Molkerei darin bestehen – und das gilt für genossenschaftliche wie für Privatmolkerein – die Absatzmöglichkeiten für Produkte mit überdurchschnittlicher Verwertung derart zu erweitern, dass die Notwendigkeit für eine Ablieferungsbegrenzung erst gar nicht besteht. Eine Molkerei die dies schafft, wird auch in einem nicht mehr staatlich geregelten Markt überleben und wettbewerbsfähig sein.
Anmerkungen: Gemäß der Wertschöpfung sind folgendende Klassen einzuteilen:
Ø Weiße Linie = geringe Wertschöpfung durch Lohnabfüllung ( Standartsegment)
Ø Gelbe Linie = Mittlere Wertschöpfung mit Wachstumspotential ( Käse)
Ø Zukunftsmärkte: = Joghurterzeugnisse, Frischdesserts, Buttermilch usw.
Ø Dabei ist zu berücksichtigen, dass lediglich 45 % der in Deutschland produzierten Milch im Lebensmitteleinzelhandel verkauft wird. Die verbleibenden 55 % gehen in die Industrie und in den Export, und diese beiden Marktplätze sind im Wesentlichen vom Weltmarkt abhängig.
Natürlich ist ein Wechsel in eine höhere Verwertungsstufe immer angebracht und sollte auch das Ziel des unternehmerischen Handelns sein. Jedoch ändert das an der Produktionsmenge nichts. Es findet hier lediglich eine Umverteilung in eine höhere Verwertungsschiene statt. Das Überschussproblem verschärft sich dadurch, dass ein Verdrängungswettbewerb im oberen Preissegment stattfindet, der wiederum zu einer insgesamt schwächeren Wertschöpfung führt, die sich direkt auf den Milchgeldauszahlungspreis auswirkt. Kurzum: Eine Wertschöpfung auf niedrigem Niveau ist das Ergebnis eines Verdrängungswettbewerb bei einer Überproduktion.
Zur aktuellen Diskussion
Das Thema Mengensteuerung am Milchmarkt ist im Herbst 2010 wieder verstärkt in den Fokus der Diskussionen gerückt: In der Schweiz stimmte der Nationalrat am 01. Oktober 2010 einem Antrag des Abgeordneten AEBI zu, worin die Regierung beauftragt wird, den Milchbauern auf Gesuch hin die Allgemeinverbindlichkeit für eine Mengensteuerungsmodell zu erteilen.1 In Frankreich hat der Molkereikonzern Danner beschlossen, schrittweise bis März 2011 das so genannte A/B Preissystem einzuführen, um „uns und unseren Milcherzeugern mittelfristig eine bessere Planbarkeit der Produktion“ zu ermöglichen.2 Die europäischen Grünen beharren gemeinsam mit dem European Milk Board (EMB) weiterhin auf einer Mengenregulierung des EU-Milchmarkts. Schließlich kam es bei der Vortragsveranstaltung anlässlich der Jahrestagung des Milchindustrie-Verbandes am 22.10.2010 in Bremen zu einer intensiven und kontroversen Diskussion, da der Referent Lars Helgard, Stellvertretender Generaldirektor Landwirtschaft bei der EU-Kommission, in seinem Vortrag für die Einführung einzelbetrieblicher A/B Modelle plädierte.
Anmerkungen: Jede Regelung, die das Ziel einer dem Markt angepassten Produktion nicht verfolgt, wird scheitern und zu erheblichen sozialen Verwerfungen in allen Regionen der EU führen: Beispiel USA: Die USA können ein Lied davon singen. Aufgrund steigender Milchmengen durch Aufstockung der Milchkuhbestände sind die Milchgeldauszahlungspreise an die Dairy-Farmer seit 1992- mit Ausnahme des Jahres 2007- nicht gestiegen. Viele Betriebe sind kapitalmäßig ausgezehrt .Auch private Entlastungsmaßnahmen haben daran nichts geändert. Jetzt sucht man händeringend nach mengenbegrenzenden Lösungen.
Erstens wird der Wiedereinführung einer staatlichen Mengensteuerung, nachdem man in einem langt und politisch schwierigen Prozess das Auslaufen der Quotenregelung zum 31. März 2015 beschlossen hat, keine Chance gegeben.
Zweitens ist die Etablierung eines privatwirtschaftlichen Nachfolgemodells der Milchquotenregelung für den Gesamtmarkt äußerst unwahrscheinlich. Vom Bundesverband deutscher Milchviehhalter (BDM) sowie vom European Milk Board (EMB) wird in diesem Zusammenhang seit längerer Zeit die so genannte „flexible Mengensteuerung“ in Hand der Milcherzeuger gefordert. Im Kern geht es bei einer solchen privatwirtschaftlichen Mengensteuerung um eine freiwillige Anpassung der Liefermenge der Erzeuger an die Nachfrage in einem definierten Marktgebiet. Konkret bedeutet dies in der gegenwärtigen Situation struktureller Überschüsse in der EU eine flächendeckende und verbindliche Reduzierung der Liefermengen der Milcherzeuger. Aufgrund mehrerer ungelöster Fragen wird vom Autor eine funktionsfähige, operationale Umsetzung dieser Art der Mengensteuerung für nicht machbar gehalten.
Anmerkungen: Die vom BDM und anderen Organisationen vorgeschlagenen Modelle zielen auf eine dem Markt angepasst Produktion ab. Die Verhinderung der EU-Überproduktion-wie auch immer- ist das Mittel der Wahl, denn sie kann, bis auf wenige Ausnahmen, nicht zu kostendeckendenden Erzeugerpreisen auf dem Weltmarkt abgesetzt werden. Die Umsetzung aller andern Modelle führt zu sozialen und strukturellen Verwerfungen und ist nicht geeignet, die bäuerliche Landwirtschaft in ihrer Vielfalt zu erhalten.