Milchkrise: Ein immer wieder aktuelles Problem - Folge2

Veröffentlicht auf von Karl-Dieter Specht

EMB-Fougeres-13-09-10-015-T 

Milchkrise:  Ein immer wieder aktuelles Problem

Anmerkungen von Prof. Dr. Hannes Weindlmaier, TU München

Zusammenfassung und Fazit

Folge 2

 

Kommentiert vom SV Karl-Dieter Specht

 

Argumente für eine einzelbetriebliche, molkereibezogene Mengensteuerung

Es gibt triftige Gründe, warum das Thema einer einzelbetrieblichen, molkereibezogenen Mengensteuerung in der milchwirtschaftlichen Diskussion nicht verdrängt werden soll:

(1) Wegfall der Milchquotenregelung

 

Durch die Quotenregelung und den Sanktionsmechanismus der Superabgaben bei Quotenüberlieferung war bisher der Spielraum für Änderungen in der Anlieferungsmenge der Milchlieferanten begrenzt. Die Molkereien konnten davon ausgehen, dass die Liefermengen ihrer Lieferanten zwar die üblichen saisonalen Schwankungen aufweisen. Darüber hinaus war jedoch das Milchaufkommen gut planbar.

Mit dem Ende der Quotenregelung Ende März 2015 tritt hinsichtlich der Milchliefermengen eine völlig neue Situation ein. Es ist davon auszugehen, dass es zumindest regional zu einer stärkeren Ausdehnung der Milchproduktion kommt. Erste Prognosen für einzelne Länder und Regionen gehen von einer Produktionsausweitung um bis zu einem Viertel aus. Kommt es kurzfristig zu einer solch erheblichen Ausdehnung der Anlieferungsmengen, kann dies für die betroffenen Molkereien und indirekt auch für deren Milchlieferanten zu einem erheblichen Problem werden, da überschüssige Milch zu ei-nem Druck auf den Auszahlungspreis führen würde.

Anmerkungen: Die Hoffnungen einzelner Bundesländer zu den Gewinnern der      Liberalisierung zu gehören ist ungebrochen.  Friedrich-Otto Ripke, Staatssekretär im Niedersächsischen Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz und Landesentwicklung,  hat diesen Anspruch auf dem Milchforum Weser-Ems klar und  deutlich formuliert. Schleswig-Holstein steht dem nichts nach. Hier will man die Produktion ebenfalls hochfahren und zwar von 2,3 Mio. t/a auf über 3 Mio. t/a Dass die übrigen Länder diesen Ambitionen nicht tatenlos hinnehmen, liegt auf der Hand. Auch tragen staatlich geförderte Investitionsprogramme zur Überschussproblematik mit bei. 

 

(2) Teil der Molkereien hat bereits gegenwärtig einen hohen Anteil von Grenz-verwertungsprodukten mit niedriger Nettoverwertung

 

Eine zentrale Ursache für die Notwendigkeit der Einführung einer einzelbetrieblichen Mengensteuerung durch Molkereien wird darin gesehen, dass zumindest ein Teil der Molkereien bereits gegenwärtig einen erheblichen Anteil von so genannten Grenzverwertungsprodukten wie Versandmilch, Butter und Magermilchpulver in ihrem Produktionsprogramm hat. Würde jedoch nun die Milchanlieferung an diese Molkereien weiter ausgeweitet werden, würde der Anteil von Produkten mit niedriger Nettoverwertung weiter ansteigen. Entsprechend negative Konsequenzen für die gesamte Nettoverwertung der Molkerei und damit für ihre Möglichkeit, einen wettbewerbsfähigen Milchpreis zu bezahlen, wären die Folge

 

Zwei Klarstellungen erscheinen allerdings in diesem Zusammenhang notwendig:

Eine Mengensteuerung durch einzelne Molkereien hat nichts zu tun mit einer Mengensteuerung für den Gesamtmarkt. Es ist dies vielmehr eine Maßnahme, die ei-gentlich für jeden Manager eines Unternehmens eine Selbstverständlichkeit ist, dass nämlich nur eine solche Menge an Rohstoffen beschafft wird, die auch tatsächlich Ertrag bringend verarbeitet werden kann.

Die Notwendigkeit einer zukünftigen, einzelbetrieblichen Mengensteuerung ergibt sich keinesfalls für alle Molkereien. Für Molkereien in Regionen, in denen die Milch ohnehin knapp ist bzw. in denen aufgrund der erwarteten Rahmenbedingungen tendenziell von einem Rückgang der Milchproduktion ausgegangen werden muss, ist einzelbetriebliche Mengensteuerung auch zukünftig kein Thema. Dasselbe gilt für Molkereien, die in der Lage sind, das erwartete Wachstum der Anlieferungsmengen in guten Verwertungen unterzubringen.

 

Anforderungen an eine zukünftige Steuerung der Milchmengen divergieren

Die Frage, welche Form einer Marktsteuerung die aktuell noch gültige Milchquotenregelung ablösen sollte und die Anforderungen, welche die Vertragspartner an eine zukünftige Marktsteuerung stellen, werden von den Milcherzeugern und den Molkereien sehr unterschiedlich beantwortet (vgl. Abb. 1). Es wird daher notwendig sein, hier zu Kompromissen zu kommen, durch welche die Interessen und wirtschaftlichen Zwänge beider Vertragsparteien bestmöglich unter einen Hut gebracht werden.

Anmerkungen: Für jeden Unternehmer, der sich am Markt behaupten will, muss auch die Signale des Marktes verstehen, wenn er nicht scheitern will. Die hier diskutierten Lösungsansätze  auf Molkereiebene - eine Au.B- Quote einzuführen- bekommt die Überproduktion nicht in den Griff. Denn die Überproduktion ist das ursächliche Problem und nicht der kostendeckende Milchpreise. Ohne Lösung dieses Problems ist alles weitere Makulatur .Es ist doch naiv anzunehmen, dass die genossenschaftlichen Meiereien in Norddeutschland, die hauptsächlich austauschbare Produkte ( Massenware mit einer niedrigen Wertschöpfungstiefe) herstellen  und die regionale Überversorgung durch Exporte abbauen müssen , auf diesen Deal eingehen. Denn sie wären die Verlierer in diesem „Spiel“.  Im Gegenteil: Sie werden versuchen ihre Wettbewerbskraft mit  weiteren Optimierungen der Produktions- und Erfassungssysteme zu stärken, um die „Markthoheit“ zu erlangen. Dieser Zielrichtung müssen sich auch die Milchbauern stellen. Milchviehbetriebe mit  300 Kühen sind zurzeit die Voraussetzung, um dieses Ziel zu erreichen( Strukturbereinigung). Man ist überzeugt mit dieser „Strukturbereinigung“ für den internationalen Wettbewerb gerüstet zu sein. A u.B-Quoten oder Mengenbegrenzungen passen da nicht ins Konzept. Es wird sich schon durchsetzen, wer am stärksten ist. Dabei wird mit Absicht (oder nicht) vergessen, dass die Milchbauern zu Weltmarktbedingungen nicht produzieren können. Zur Erinnerung: Im Durchschnitt der letzten Jahre (2000-2009) betrug der Weltmarktpreis für Milch 20,90 Cents/kg/Milch (Milchäquivalent).-Quelle:EU

Exkurs:

Der zurzeit hohe Weltmarktpreis, der für die hiesigen Milchbauern noch nicht einmal die Vollkosten deckt, ist für die weltweiten „Gunstländer“ Anlass genug, ihre Milchproduktion hochzufahren (man verdient wieder). Neuseeland weitet in diesem Jahr seine Milchproduktion um 22 Prozent aus. Unsere Milch-Global-Player sind ebenfalls nicht tatenlos. Sie investieren kräftig in Produktionsanlagen in den Gunstländern, um den Markt von hinten aufzurollen. Zwar sieht die FAO bis 2018 weltweit ein Mehrbedarf an Milch von 170 Mio. t, der jedoch, wie dargelegt, durch die nachfragenden Länder selbst gedeckt wird. Für die EU- wird in diesem Zeitraum eine Exportrückgang von 6-7% prognostiziert (siehe auch den Bericht des Europäischen Rechnungshofes).

 Wer dennoch auf den Weltmarkt setzt nimmt billigend das Ausscheiden der meisten Milchbauern in Kauf. Beide Optionen- auf der einen Seite die A u. B. Quote auf Meiereiebene und - auf der anderen Seite  das Wachsen und Weichen um jeden Preis-  lösen das Problem der Überproduktion nicht. Auch vor dem Hintergrund staatlicher Förderung durch Direktzahlungen an die Landwirte ist jeder Lösungsansatz, der die Überproduktion nicht in den Griff bekommt, kontraproduktiv und Steuerverschwendung.

Was ist zu tun?

Am Anfang von Lösungsansätzen müssen eine Markt-, Bedarfs- und  eine Strukturanalyse  erfolgen. Strukturanalyse dergestalt, dass Zieldefinitionen für die ländlichen Räume in ihrer „ganzen Bandbreite“ erarbeitet werden. Aufgrund  der Analysen sind Strategien zu entwickeln, die auf der einen Seite den Spielraum unternehmerischen Handelns nicht zu sehr einengen und auf der anderen Seite aber eine dem Markt, der Gesellschaft und der Umwelt  angepasste Mengensteuerung möglich macht. Hier sind Ideen und Lösungsanzätze gefragt.  In einer übergeordneten Clearingstelle, in der alle Marktpartner und Betroffene gleichberechtigt vertreten sind, werden die von den einzelnen Marktteilnehmern vorgeschlagenen Lösungsansätze auf ihre Praktikabilität hin abgeklopft und dann entschieden. An diesen von der Clearingstelle  getroffenen Entscheidungen haben sich die Marktteilnehmer zu halten. Bei Verstößen gegen die Vereinbarungen müssen staatliche Transferleistungen ausgesetzt bzw. gekürzt werden.

Es macht keinen Sinn jene Lösungsansätze zu diskutieren und weiter zu verfolgen, die das Problem  der Überproduktion nicht in den Griff bekommen.

 

 

 

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