Milchkrise : Von Kopf bis Fuß auf Illusionen eingestellt
Milchkrise : Von Kopf bis Fuß auf Illusionen eingestellt
Kaum sind die Luxemburger Gespräche beendet, reklamiert jede Seite den Erfolg für sich. Der Bauernverband sieht sich in seiner Auffassung bestätigt – verlangt aber noch mehr Geld. Der BDM verlangt kein Geld – dafür will er eine Marktanpassung der Milchmenge. Agrarkommissarin Mariann Fischer-Boel, die nach ihren Aussagen ihr letzes Hemd ausgezogen hat, wirft nochmals 280 Millionen Euro für die Milchbauern in den Ring.
Was juckt mich mein Geschwätz von gestern
Das sind, so die Kommissarin, etwa Tausend Euro je Betrieb. Experten haben schnell ausgerechnet, dass die deutschen Milchbauern mit 56 Millionen rechnen können. Runter gebrochen auf den einzelnen Betrieb, ohne die Milchmenge zu berücksichtigen, erhält – oder vielmehr soll erhalten – jeder Betrieb zirka 570 Euro. Ein deutlicher Unterschied zu den Ankündigungen der Agrarkommissarin. Macht ja nix, denkt sich die Kommissarin, die ja eh ihren Job aufgibt. Es ist einfach bezeichnend wie salopp mit Zahlen und Argumenten umgegangen wird, wenn es darum geht, die eigene Position zu stärken. Schauen wir uns mal die Faktenlage an.
Die harten Fakten
Im Rahmen einer weiteren Liberalisierung des Milchmarktes werden von den verschiedenen Institutionen folgende Milchpreise für die Zukunft prognostiziert:
| Institut/Quelle | Prognose/ kg Milch in Cents/Deutschland/EU |
| Agrarkommissarin Fischer-Boel
| 24,00 |
| European Dairy Farms ( 2007) | 27,20 |
| Analyse politischer Handlungsoptionen für den Milchmarkt ( FAL) Baseline 5 Tabelle 2.1 | 24,71 |
| Aktueller Stand ( August 2009 ) | 22,10 |
| Durchschnittlicher Weltmarktpreis 2000-2009 (EU-Kommission - Lage auf dem Milchmarkt 2009 ) | 20,30 |
Unter Einbindung der aktuellen Situation errechnet sich daraus im arithmetischen Mittel ein Milchgeldauszahlungspreis von 23,66 Cents/kg. Milch für einen Zeitraum bis 2015. Bei aller Vorsicht zeigen die Prognosen einen eindeutigen Trend an und zwar: nicht wettbewerbsfähig! Dem stehen kostendeckende Produktionskosten( Vollkosten) je kg Milch der Spitzenbetriebe in Schleswig - Holstein von 27,8 Cents je kg. gegenüber ( Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein). Auch im Süden sieht es ähnlich aus. In ´Baden-Württemberg betragen die Produktionskosten für die DLG Spitzenbetriebe 31,00 Cents je kg/MilchMilch (LEV Schwäbisch Gmünd). Als Gegenüberstellung: Die Produktionskosten der EDF –Betriebe( Europaen Dairy Farms) betragen 34, 7 Cents je kg Milch. Es handelt sich hierbei um die Auswertung von 256 Milchviehbetrieben in Europa(also Durchschnitt). D.h. im Klartext:
Unsere Betriebe sind international nicht wettbewerbsfähig
Unsere Betriebe sind bei einer weiteren Liberalisierung nicht wettbewerbsfähig. Das hat auch der Europäische Rechnungshof erkannt und warnt vor einer weiteren Liberalisierung, die zur Überproduktion führt und damit zum Preisverfall. Auch eine steuerfinanzierte Exportoffensive wird kritisch gesehen. Hier sollten sich die EU-Länder lieber auf den eigenen Markt konzentrieren, denn auf dem Weltmarkt ist nicht viel zu holen. Und gerade diese Forderungen des Europäischen Rechnungshofes werden abgelehnt. Stattdessen wird weiter auf „Wachsen und Weichen um jeden Preis“ gesetzt. Wenn eben zu viel produziert wird, dann müssen eben Exportsubventionen oder Interventionsmechanismen her – egal wie! Der hemmungslose Egoismus in Reinkultur ist überall ausgebrochen. Von sozialer Verantwortung gegenüber den bäuerlichen Familien, der Rücksichtnahme auf gewachsene Strukturen, die unser Land prägen, um die uns viele Europäer beneiden, spielen in diesem Verteilungskampf keine Rolle mehr.
Schreiber der Zunft heizen kräftig ein
Vor diesen Karren lassen sich auch viele Schreiber der Zunft spannen. Ein besonders Umtriebiger in Sachen“ Wachsen oder Weichen“ ist der Chefredakteur Bertold Achler von top-agrar, der durch die Lande zieht und den Wettbewerb unter den Regionen anheizt. So geschehen im oberpfälzischen Floß. „ Die Milchquote behindere die Pläne der EU“, so der Schreiber, „das Herunterfahren der Preise ist kein Zufall, das habe die Kommission schon immer angekündigt. Nur in Bayern ist das noch nicht angekommen“. Und er weiß auch gleich Rat: „Die Turbo-Melker in Norddeutschland“!
400-800 Kühe müssen her!
„ In Schleswig-Holstein gebe es“, so Achler, “ bereits Ställe mit 400-800 Kühen. Das sind Unternehmer, wie wir sie nur aus Amerika gekannt haben. 20 – 30 Prozent gäben das Tempo vor, und an ihnen orientiert sich die Agrarpolitik“. Jedoch machte Achler auch den Bauern Mut: „Es wird auch in zehn Jahren noch Milch getrunken“( wie hat er das gemeint ?)“ Die Betriebe müssen sich besser aufstellen. Die Milchleistung müsse von zurzeit 7.000 kg/a/Kuh auf 10.000 kg/a/Kuh gesteigert werden. Gerade in der Krise könne eine Investition das Richtige sein“ - Basta!
Wachstumsfetischist in Reinkultur
Das ist der plumpe Versuch eines Wachstumsfetischisten hemmungsloses Wachstum salonfädig zu machen. Nun zu den einzelnen Aussagen: Es ist richtig, dass die EU mehr Wettbewerb anstrebt. Wie das aber in der Endkonsequenz aussehen soll, ist noch offen. Prof. Dr. Klaus-Dieter Borchardt (Leiter des Kabinetts von Agrarkommissarin Fischer-Boel) fordert ein neues Fördersystem: „Die Landwirtschaft müsse Ausgleichszahlungen für ihre Allgemeinwohlleistungen für die Gesellschaft erhalten. Er frage sich auch, warum Biogasanlagenbetreiber mit einem garantierten Einspeisungspreis für Strom aus ihren Anlagen bedacht würden und dazu Prämien für die Maisfelder bekämen“.
Die Wirklichkeit sieht anders aus
Nun zu den Turbomelkern: In Schleswig-Holstein gibt es 10 Betriebe mit über 300 Kühe. Das sind 0,2 Prozent der Milchviehbetriebe. 18% der Betriebe wollen wachsen (Umfrage 2007!!) und nicht auf über 300 Kühe sondern im Durchschnitt um 5 Kühe und Jahr. 88 Prozent der Betriebe haben einen Kuhbestand von 1- 99 Kühen. Nun zu Amerika: Hier ist die Situation zweigeteilt. Im Süden befinden sich die großen Betriebe mit bis zu 20.000 Kühen, meistens auf Futter-Zukaufbasis und oft als Kapitalgesellschaften ausgelegt( San Joaquin Valley in Kalifornien lässt grüßen). Ganz zu schweigen von den Umweltproblemen, die Bestandsvergrößerungen mit sich bringen. Im Norden sind vorherrschend bäuerliche Milchwirtschaften vorzufinden mit durchschnittlich 88,25 Kühen je Betrieb (2008). Diese bäuerlichen Familienbetriebe verlieren ständig Marktanteile an die industrielle Milcherzeugung des Südens. Den bäuerlichen Familienbetrieben fehlen Nachfolger, da die eigenen Kinder oft nicht bereit sind, die harte Arbeit der Eltern für wenig Geld zu übernehmen. Sie können außerhalb der Landwirtschaft mehr Geld verdienen.
Schreiber Achler als Milchbauer in die USA !
In einigen Gegenden der USA werden europäische Landwirte gesucht, die bereit sind, den Job zu übernehmen. Vielleicht kann „Schreiber Achler“ einen solchen Job mal kurzzeitig antreten, um dann in Gummistiefeln den deutschen Milchbauern seine praktischen Erfahrungen näherzubringen. Was den Wettbewerb anbelangt, so verschweigt Achler, dass selbst die Spitzenbetriebe bei den zu erwartenden Milchpreisen ohne staatliche Hilfe nicht überleben können. Das ist das Propagieren hemmungslosen Wachstums auf Staatskosten.
Schreiber Achler im Norden
Im Norden hat uns Achler auch besucht: Sein Programm lief nach dem gleichen Muster ab. Jedoch kam Achler zuerst mit einer guten Nachricht:“ Es geht wieder aufwärts. Ein großes westdeutsches Meiereiunternehmen kalkuliert für November mit einem Auszahlungspreis von 26-28 Cents je kg Milch“. Besonders ging er auf die Meiereistruktur in Schleswig-Holstein ein. Sein Credo: „Schleswig-Holstein ist der billige Jakob, was die Milchpreise anbelangt“.
Das gebrannte Kind scheut das Feuer
Wo Achler recht hat, hat er recht! Nur - warum es in Schleswig-Holstein so schwierig ist Meiereien zu bündeln, darüber schweigt sich Achler natürlich aus. Er hätte wissen müssen, dass durch gescheiterte Fusionen viele Bauern in Schleswig-Holstein ihr sauer verdientes Geld verloren haben. Ein gebranntes Kind scheut eben das Feuer! Wenn es im Kleinen nicht klappt, dann muss die große Lösung her und die heißt: Nordmilch, Humania oder Arla. Abgesehen davon, dass sich die Auszahlungspreise der Nordmilch im unteren Bereich der Auszahlungspreise bewegen, schlage ich dem Schreiber Achler vor, sich einmal mit der Studie von MSG zur Molkereistruktur zu befassen.
Ist Schreiber Achler noch lernfähig?
Dass alleinige Größe ohne Wahlmöglichkeit auch Gefahren für die Milchbauern mit sich bringen kann, zeigt eine Meldung aus den USA :Zurzeit nimmt die US –Kartellbehörde Molkereikonzerne unter die Lupe: Verdacht: Die Großkonzerne wie Dairy Farmers of America und Dean Foods, die den Erfassungsmarkt beherrschen, würden ihre Monopolstellung zu Lasten der Milchauszahlungspreise an Milchbauern ausnutzen. Darüber hinaus empfehle ich dem Schreiber Achler, sich einmal die Studie der Deutschen Bank „ Lebensmittel-Eine Welt voller Spannung“ zu Gemüte zu führen. Vielleicht ist Achler ja noch lernfähig! Es wäre ihm ja zu wünschen! Oder geht es ihm nur um die Auflagenstärke und Werbeeinahmen seiner Fachzeitschrift (Fachzeitschriften)?
Wenn es nicht reicht, müsst ihr mehr Tiere halten!
Kommen wir zu einem andern Schreiber der Zunft: Dr. Franz-Josef Budde, seines Zeichens Chefredakteur des Wochenblattes Westfahlen-Lippe, der gleich mehrere Optionen parat hat: „Wenn es eben nicht mehr reicht, müsst ihr eben mehr Tiere halten. Ihr müsst im globalisierten Markt konkurrenzfähige Größen aufbauen. Ihr müsst morgens und abends nachdenken, wie Arbeitsabläufe gestrafft werden können u.u“.
Welche betriebswirtschaftlichen Zahlen der Schreiber im globalisierten Markt zugrunde legt, bleibt sein Geheimnis. Tatsache ist, dass alle Experten davon ausgehen, dass auch unsere leistungsfähigsten Milchviehbetriebe im globalen Wettbewerb zweiter Sieger sind. Insoweit ist eine wirtschaftliche Ausrichtung der Milchviehbetriebe auf Weltmarktniveu z. Z. reine Traumtänzerei.
Zwei Mal am Tag nachdenken
Was die Arbeitsbelastung anbelangt, hat der Schreiber recht. Nur- diese ist nicht nur allein durch denken oder nachdenken zu lösen sondern es müssen im Mittel auskömmliche Preise her, dann lösen sich viele Probleme von selbst.
Dieser Schreiberlehrling ist spitze!
Nun kommen wir zu einem Schreiberlehrling, der die Fesseln einer logischen, betriebswirtschaftlichen und zielorientierten Betrachtungsweise bei weitem sprengt. Sein Name ist Sönke Hauschild, Schreiberlehrling beim Bauernblatt Schleswig-Holstein oder Bauernverband – ganz wie sie wollen! Er stiliert, was bisher keiner geschafft hat, den Bauern zum Übermenschen. Nicht nur einen Hut hat der Bauer auf“, so der Schreiberlehrling -nein gleich ein, zwei, drei u.u., denn er muss sich ja um alles kümmern“. Dabei hat der Schreiberlehrling wohl vergessen – bewusst oder unbewusst- dass diese Hüte nicht nur der Bauer alleine trägt sondern die ganze Familie ebenfalls mit von der Partie ist.
Ein Affront gegenüber Bäuerinnen und Familienmitgliedern
Diese Hüte alle auf eine Person zu konzentrieren ist ein Affront gegenüber allen Bäuerinnen und mithelfenden Familienangehörigen, die oft ohne Entlohnung „ihren Mann“ im Betrieb stehen. Die bäuerlichen Familien sind Schicksalsgemeinschaften, die durch die desolate Agrarpolitik an den Rand ihrer physischen und finanziellen Möglichkeiten gebracht werden. Insoweit wird hier von Teilen der Politik und vom Bauernverband eine gnadenlose Politik der eiskalten Enteignung durch Wachsen oder Weichen um jeden Preis betrieben. Aber es gib Hoffnung vom Schreiberlehrling: Wenn eben 100 Kühe nicht reichen, dann bitte 200,300,400, 500 u.u. So einfach ist die Unternehmensberatung des Schreiberlehrlings.
Hurra ! Wir produzieren ohne Markt !
Ob ein Markt für die produzierte Milch überhaupt vorhanden ist, scheint Hauschild nicht zu interessieren, denn dafür sind ja die Exportsubventionen vorgesehen. Eine solche Politik ist rückwärtsgewandt und dient nicht den Bauern. Denn eins ist klar: Ohne eine Unterstützung der bäuerlichen Familienbetriebe durch den Steuerzahler sind die Familienbetriebe international nicht überlebensfähig.
Wann kehrt die Vernunft wieder ein?
Um diese Bereitschaft der Bürger zur Unterstützung der bäuerliche Familienbetriebe nicht zu gefährden, ist Augenmaß, Vernunft, Umweltbewusstsein und soziale Verantwortung für den ländlichen Raum gefragt. Diese Attribute sind den Schreibern abhanden gekommen.“ Waschen und Weichen um jeden Preis“ auf Kosten der Steuerzahler ist Schnee von gestern. Das hat auch der Europäische Rechnungshof erkannt und ermahnt die Kommission zur Änderung ihrer Agrarpolitik. In die gleiche Kerbe schlägt – welch eine Überraschung !- die Deutsche Bank mit ihrer Studie. Auch die Schweiz denkt über sinnvolle Lösungen nach; nur die Schreiber nicht!