Milchindustrie: Ist Milch aus Anbindeställen zweite Wahl ?

Veröffentlicht auf von Karl-Dieter Specht

Milchindustrie:                      Ist  Milch aus Anbindeställen zweite Wahl?

Erstaunt werden sich viele Milchbauern mit Anbindeställen  ungläubig die Augen reiben, wenn sie die neusten Meldungen aus der Milchindustrie lesen. Erstaunt  nicht wegen höherer Preise, dies  wäre ja etwas Erfreuliches – nein, es kommt noch viel schlimmer: Milch aus Anbindeställen wird zur Milch zweiter Wahl  erklärt. Sie glauben, das gibt es nicht? Sorry, dann studieren sie mal die angestrebte Zusammenarbeit zwischen den Naabtaler Milchwerken GmbH & Co KG und dem Discounter Lidl .

Naabtaler Milchwerke GmbH & Co KG  für eine zwei Klassen-Gesellschaft ?

Neben der Bayrischen Bauernmilch wollen nun die Naabtaler Milchwerke GmbH & Co KG zusammen mit den Milcherzeugern und dem Discounter Lidl  neue und hochwertige Marken - Milchprodukte  im oberen Preissegment kreieren. Milchlieferanten, die an diesem Projekt teilnehmen, sollen einen Zuschlag zum Milchgeld erhalten. Eine gute Idee, die den Milchbauern mehr Milchgeld in die Taschen spülen soll, wenn da nicht ein gewaltiger Pferdefuß wäre: Milch aus Anbindeställen erfüllt (angeblich) nicht die hohen Rohstoffanforderungen und wird vom Projekt ausgeschlossen! – Schluss!-Punkt! -Aus!

 

Milch aus der Anbindestallhaltung außen vor ?

D.h. im Klartext: Dem Milchbauer mit Anbindestall wird die Tür vor der Nase zugemacht. Qualitätsmäßig ist das nicht zu begründen, denn die Qualität der Milch hängt nicht nur von  der Stallhaltung ab sondern auch von der Technik, die eingesetzt wird  und dem Management als wichtigsten Faktor der Produktionskette. Sowohl Laufställe als auch Anbindeställe können gute und schlechte Qualitäten liefern. Obwohl ein Verbot der Anbindestallhaltung zurzeit nicht ansteht, wird mit dieser Selektionsweise der Berufskollegen, denn es sind ja die Milcherzeugergemeinschaften der Naabtaler Milchwerke GmbH & Co KG, die diesem Projekt zugestimmt haben, die Diskussion um das Verbot der Anbindehaltung weiter angeheizt.

 

Differenzierte Betrachtungsweise ist gefragt

Ein wissenschaftliches Gutachten  der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA)über das Wohlbefinden von Milchkühen kommt zu einem gespaltenen Ergebnis. Zwar sind das Auftreten von Verhaltensstörungen, Frucht und Schmerzen im Anbindestall am größten, jedoch haben die Ausgestaltungen der unterschiedlichen Haltungssysteme einen erheblichen Einfluss auf das Wohlbefinden der Kühe. Insoweit muss hier eine differenzierte Betrachtungsweise Platz greifen.

 

Ökonomisierung bäuerlicher Schicksale ?

Die Ursache einer solchen selektiven Entscheidung zugunsten der Laufstallbetriebe hat weniger mit der Qualität der Rohware zu tun, als vielmehr mit reinen betriebswirtschaftlichen Erwägungen der Milchindustrie. In Bayern stehen im Durchschnitt in den Anbindeställen 25,7 Kühe; in den Laufställen hingegen 51,1 Kühe (Landeskuratorium der Erzeugerringe für tierische Veredelung in Bayern e.V. (LKV)). Diese Zahlen machen deutlich, dass die Milcherfassungskosten der Laufstallbetriebe wesentlich günstiger sind als die der Anbindeställe( im Verhältnis auf ganz Deutschland übertragbar). Bei der Ausgrenzung  dieser Betriebe kommt es zu einer negativen Verwerfung des Milchpreises zu Lasten der Anbindestallhaltung, die qualitätsmäßig nicht zu begründen ist. Sollte sich eine solche ökonomische Betrachtungsweise durchsetzen, dann wären in Deutschland zirka 60 Prozent der Milchviehhalter  Milchproduzenten zweiter Klasse. Nach Angaben des Europäischen Institutes für profitable Milchproduktion (ineda) beträfe dies 60.000 Milchviehbetriebe in Deutschland ( zirka 30% der Milchmenge). Die Ökonomisierung bäuerlicher Schicksale würde dann zum strategischen Bestandteil der Milchindustrie.

 

 

 

                                                        Was plant Brüssel und Berlin ?

Auf der Grundlage der EFSA-Studie sind in Brüssel neue Tierschutzstandards für Rinder in Vorbereitung. Auch Berlin plant für 2010 eine Rinderhaltungsverordnung zu installieren. Im Ergebnis wird es auf beiden Gesetzesebenen, so ist zu vermuten,   zu  garvierenden Einschränkungen in der Anbindestallhaltung kommen . Manche Experten gehen davon aus, dass die Milchviehhaltung in Anbindeställen ein auslaufendes Modell ist und bis spätestens 2020  gesetzlich zur Disposition gestellt wird. Vor diesem Hintergrund ist die schon jetzt von der Milchindustrie geplante und in Zukunft praktiziere ökonomische Knebelung der Milchviehbetriebe mit Anbindestallhaltung kaum zu verstehen.  Ist es das Ziel der Milchindustrie, diese relativ kleinen Milchviehbetriebe bewusst aus dem Markt zu drängen ? Wenn ja , dann käme das fast einem Berufsverbot gleich. Auch diese Betriebe müssen eine faire Chance zur Weiterentwicklung haben. Sie darf durch die Milchindustrie nicht kaputt gemacht werden. Wehret den Anfängen !

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