Milchkrise : PM zur MEG-Versammlung in Waging am See
PM zur Versammlung der Milcherzeugergemeinschaft (MEG) Traunstein-Laufen w.V.
am 14. April 2010 in Waging am See
Thema: Milchkrise – Wohin geht die Reise? Wie können die Milchbauern die Richtung der Reise mitbestimmen?
Referent : SV Karl-Dieter Specht aus Schleswig-Holstein
Ausführlich ging Specht auf die unterschiedlichen landwirtschaftlichen Strukturen in Deutschland ein.
Hier gibt es, so der Referent, erhebliche Unterschiede: Zum Einen zwischen den alten und neuen Bundesländer und zum Anderen innerhalb der alten Bundesländern. Die durchschnittliche Betriebsgröße der Milchviehbetriebe liegt in Schleswig-Holstein bei 62 Milchkühen und in Bayern bei 29 Kühen. Diese Größenunterschiede spiegeln sich auch in den Produktionskosten nieder. Lagen die Produktionskosten (Vollkosten) in Schleswig-Holstein im Durchschnitt der Betriebe mit Leistungskontrolle bei 38, 55 Cents/kg Milch, so betrugen die Produktionskosten in Bayern im Durchschnitt 48,80 Cents/kg Milch. Vergleicht man jedoch Spitzenbetriebe gleicher Größe und gleicher Faktorenausstattung beider Länder miteinander, so ist festzustellen, dass diese Betriebe fast identische Produktionskosten von 33,50 Cents/Milch aufweisen. Es handelt sich hierbei um Betriebe mit einer Flächenausstattung 105 ha/ 90 Kühe und einer Milchquote von 777.000 kg. Diese Betriebe werden oft als Richtbetriebe dargestellt. Die Molkerei Nordmilch e G geht noch einen Schritt weiter: Sie sieht zurzeit den 300 Kuhbetrieb als Beispielgröße an. Solche radikalen Wachstumsschritte gefährden die Vielfalt der bäuerlichen Kulturlandschaften und sind nicht mit einer nachhaltigen Landwirtschaft zu vereinbaren. Sie führen als Folge zu einer Verödung ländlicher Räume. Mit Ausnahme des Jahres 2007/2008 werden seit 2000 die Vollkosten der Milchproduktion der Durchschnittsbetriebe nicht mehr gedeckt. Die finanzielle Auszehrung der Milchviehbetriebe wird unter der Politik der“ Globalisierung“ – wenn nicht gegengesteuert wird – weitergehen.
Folgende Fragen müssen beantwortet werden!
Folgende Fragen lassen sich daraus ableiten: Macht es Sinn, wenn vom Bauernverband und der Milchindustrie ständiges Wachstum gefordert wird, obwohl nur 15 Prozent der Milchviehalter das wollen? Macht es Sinn, wenn mit dieser vom Bauernverband und der Milchindustrie betriebenen Politik 75 Prozent der Milchviehbetriebe in ihrer Existenz zu gefährden werden? Macht es Sinn Wachstum zu fordern, wenn erforderliche Faktoren wie landwirtschaftliche Nutzflächen für jeden wachstumswilligen Bauern nicht frei zur Verfügung stehen? Macht es Sinn den Wachstumsfetischismus auf die Spitze zu treiben, wenn dadurch die Identität von Kulturlandschaften unwiederbringlich verloren geht? Macht es Sinn den Wettbewerb der Länder um die meisten Milchmengen immer wieder durch neue Förderungsprogramme anzuheizen, obwohl für eine Mehrproduktion kein Markt da ist. Macht es Sinn immer wieder auf den Weltmarkt zu setzen, obwohl die Milchbauern zu Weltmarkpreisen von 21- 24 Cents/kg Milch nicht produzieren können?
Und es kommt noch schlimmer!
Der Präsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein, Werner Schwarz, setzt noch eins drauf. Auf einer Bauernveranstaltung in Baden Württemberg sagte Schwarz sinngemäß: „Wer nicht wächst, der ist nicht leistungsbereit!“ Im Klartext: Wer sich verantwortungs-und marktbewusst verhält ist eben ein Faulpelz! Basta ! Somit fallen gemäß der Lesart des Marktradikalen Schwarz 75 Prozent der Bauern unter die Rubrik Faulpelze. Unverfrorener kann man wohl seine marktradikalen Vorstellungen nicht unter die Bauern bringen! Bleibt nur zu hoffen, dass sich solches radikale Gedankengut nicht durchsetzt. Dieser Marktradikale, so Specht, muss aus dem Verkehr gezogen werden!
Ein klares Nein!
Diese gestellten Fragen sind eindeutig und entschlossen mit “Nein“ zu beantworten. – Es macht keinen Sinn! Eine solche Politik, wenn sie denn käme, würde Deutschland radikal verändern. Von den zurzeit 95.800 Milchviehbetrieben in Deutschland müssten zirka 75.000 Milchviehbetriebe die Segel streichen. Allein in Bayern würden 31.000 Milchviehbetriebe von zurzeit 43.700 Betriebe zur Disposition stehen!
Was ist zu tun?
Von der Politik ist zu fordern:
Ø Klares Bekenntnis zur bäuerlichen Landwirtschaft
Ø Klares Bekenntnis zu den unterschiedlichen Strukturen der Länder
Ø Keinen Kahlschlag bäuerlich geprägter Kulturlandschaften
Ø Förderung der nachhaltigen Landwirtschaft
Ø Es muss Schluss sein mit Wachsen um jeden Preis (ohne Markt)
Nach diesen Prämissen müssen die Direktzahlungen an die Bauern nach 2013 ausgerichtet werden.
Auch die Milchbauern müssen aktiv werden.
Es hat sich gezeigt, dass die Meiereigenossenschaften oft ihren genossenschaftlichen Auftrag zur wirtschaftlichen Stärkung ihrer Mitglieder nicht immer gerecht werden. Oft stehen für die genossenschaftlichen Unternehmen der Markt im Mittelpunkt und nicht der Milchgeldauszahlungspreis an die Bauern. Im Gegenteil: Sie versuchen den Milchpreis an die Bauern zu drücken, damit sie am Weltmarkt auf Kosten der Milchbauern mitspielen können. Dieses Spiel der“ Großen“ hat das Bundeskartellamt klar erkannt und fordert die Bauern auf, sich in Erzeugergemeinschaften zu bündeln, damit sie aus der „Bittstellerposition“ herauskommen und zu wirklichen Partnern avancieren. Mit den in Bayern tätigen Erzeugergemeinschaften ist schon der Grundstock einer Verhandlungsposition auf Augenhöhe mit den Meiereien gelegt- jedoch nur regional!
Hier sollte und muss nachgebessert werden!
Als Ergänzung zu den Erzeugergemeinschaften bietet sich das EGM- Milchboard an. Es handelt sich hierbei um ein überregional tätiges Milchboard, das sich der Aufgabe stellt hat, ein Gegengewicht der Milchbauern gegenüber der Konzentration des Einzelhandels zu erlangen, um mit dieser
„Milchbauernpower“ die Molkereien bei ihren Verhandlungen mit dem Einzelhandel zu unterstützen.
Mitglied im Milchboard kann jeder Milchbauer werden. Die Mitgliedschaft berührt weder die vertraglichen Bindungen, die der Milchbauer mit „seiner Molkerei“ eingegangen ist, noch greift sie in den Kompetenzbereich von Erzeugergemeinschaften ein. Das Milchboard ist als“ Milchbauernholdung“ zu verstehen, unter der sich alle Milchbauern versammeln können. Möglich macht diese Art der Bündelung § 11 des Marktstrukturgesetzes ( MarktStrG ) in Verbindung mit § 28 des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB).Im Rahmen einer Vollkostenrechnung , die das Bundeskartellamt überprüft, kann das Milchboard regionale Milchpreisempfehlungen an seine Mitglieder weitergeben, die wiederum als Faustpfand der Milchbauern bei ihren Verhandlungen gegenüber ihren Molkereien dienen. Die Milchbauern haben es also selbst in der Hand die Richtung der Reise mitzubestimmen! Erste Absprachen zwischen den Milcherzeugervereinigungen in Bayern und dem Milchboard geben Anlass zur Hoffnung. Dies alles muss natürlich in ein europäisches Konzept eingebunden sein. Auf die Frage eines“ Bedenkenträgers“ antwortete die Berichterstatterin des Bundeskartellamtes, Frau Eva-Maria Schulze, wie folgt: „ Verflixt nochmal, machen Sie es, und sagen nicht immer, Sie wissen nicht, wie das Kartellamt sich verhält!“ Dem ist nichts hinzuzufügen!