Milchkrise: Potemkinsche Dörfer ?
Milchkrise : Potemkinsche Dörfer ?
Als hätte es man geahnt: „Der Milchmarkt wird für die Erzeuger 2010 besser“, so ist es überall zu hören und zu lesen. Keine Fachzeitschrift verzichtet auf diese frohe Botschaft, denn es ist nicht schick kritisch zu hinterfragen woher die Besserung kommen soll. Selbst der Bauernverband „verpasst“ sich gern die rosarote Brille, um seine Fehler der Vergangenheit gegenüber den Milchbauern nicht sichtbar werden zu lassen. Zugegeben: Tiefer können die Milchgeldauszahlungspreise an die Milchbauern (fast) kaum noch fallen. Insoweit kann man eine Stabilisierung auf einem existenzbedrohenden Niveau ja schon mal als Erfolg bzw. Hoffnung verkaufen. Insbesondere dann, wenn man nichts anders den Milchbauern zu bieten hat.
Lassen wir doch mal die Fakten sprechen
Trotz stagnierender Nachfrage an Milchprodukten (teilweise ist eine Abnahme zu verzeichnen) ist die Milchproduktion in Deutschland um weitere 2,5% auf insgesamt 28,5 Mio. Tonnen/a. gestiegen. Diese Überproduktion fand keinen Absatz. Um einen Absturz der Milchgeldauszahlungspreise nicht ins Uferlose fallen zu lassen, musste die Intervention wieder aufgenommen werden. Bis Mitte August gingen allein 82.000 Tonnen Butter in die Intervention. Wegen fehlenden Absatzes von Prämienprodukten mussten weitere 280.000 Tonnen Pulver „auf Halde“ genommen werden.
Gesetze des Marktes werden ganz einfach ignoriert
An dieser Entwicklung wird auf dramatischer Art und Weise deutlich, was passiert, wenn Gesetze des Marktes nicht beachtet werden. Schon BWL-Studenten lernen im ersten Semester, dass Angebot und Nachfrage den Preis regeln. Nur der Bauernverband, Teile der Wissenschaft und der Milchindustrie versuchen wider besseres Wissen die Gesetzmäßigkeiten des Marktes außer Kraft zu setzen, indem sie trotz Überproduktion weiter auf Wachsen und Weichen um jeden Preis setzten. Die Gier nach Wachstum auf dem internationalen Milchmarkt vernebelt den Managern der Milchindustrie den Verstand ( siehe Finanzkrise). Die Folgen einer solchen Giermentalität trägt natürlich der Milchbauer.
Kannibalismus-Theorie soll umgesetzt werden
Um diese Kannibalismus-Theorie durchzusetzen ( jeder gegen jeden), ist den Wachstumsfetischisten jedes Mittel recht. Regionen werden gegeneinander ausgespielt. „Fast“ jede Region erklärt sich (oder wird) zum Gunststandort (erklärt)und bläst zur Attacke. Die Milchindustrie garantiert den Milchlieferanten (nach heutigen Stand) die unbegrenzte Abnahme der angelieferten Milchmenge. Von Preisen wird in diesem Zusammenhang wohlweislich nicht gesprochen, denn das Risiko trägt einzig und allein der Milchbauer als schwächstes Glied in der Verwertungskette. Die Überproduktion wird dann, vielleicht über eine B-Quote, so Dr. Otto vom Raiffeisenverband, auf den Spotmarkt gebracht und beeinflusst den Weltmarktpreis negativ. Der Weltmarktpreis fällt natürlich wiederum durch das Überangebot und schlägt sich direkt auf den Milchgeldauszahlungspreis nieder. Im Klartext: „Die Spirale nach unten“ wir somit in Gang gesetzt. Nach dem Motto: Mal sehen, wer überlebt !
Die Nordmilch eG macht es vor – 300 Kühe je Betrieb ist das Ziel !
Mehr noch: Sie (die Milchindustrie) fordert von den Milchlieferanten eine weitere Intensitätssteigerung. Als Idealbetrieb, so ist im Geschäftsbericht der Nordmilch eG zu lesen, wird z.Z. der 300 Kuh-Betrieb angesehen. Das macht ja auch von Seiten der Milchindustrie Sinn, denn dadurch lassen sich die Erfassungskosten weiter senken. Ob man 19.000 kg/Milch je Betrieb erfasst oder nur 5.000 kg/Milch; in jedem Fall vermindert sich der Kostenfaktor „Milcherfassung“. Die Nordmilch eG könnte somit „ihre Milchlieferanten“ um zirka 80 % auf zirka 1.000 Lieferanten reduzieren. Mit dieser Strategie lassen sich erhebliche Erfassungs-und Verwaltungskosten einsparen.
Der kostendeckende Milchpreis bleibt auf der Strecke
Die Marschrichtung ist klar: Die Milchpreise müssen runter! Man will global mitverdienen. Auch die Missachtung der Gesetzmäßigkeit von Angebot und Nachfrage lässt nur einen Schluss zu, dass die Wachstumsfetischisten weiterhin auf Intervention und Exporterstattung setzen, die sie ja angeblich nicht mehr wollen. Hier werden sie von der Realität des Weltmarktes wieder eingeholt. In diesem Klima des Wachstumsfetischismus werden wohl die Milchauszahlungspreise an die Bauern auch 2010 kein auskömmliches Niveau erreichen. Anmerkung: Infolge der Überproduktion sind die „Butterpreise“ schon wieder gefallen).
Wie sieht es denn auf dem Weltmarkt aus?
Zunächst einmal ist festzustellen, dass die EU-Kommission ab Mai 2010 die Interventionsware wieder auslagern will. Dies wird, so ist zu vermuten, den Weltmarkt zusätzlich belasten. Ohne Ausfuhrbeihilfe wird das wohl nicht vonstattengehen. Betrachtet man die EU-Exporte der letzten Jahre in Drittländer, so ist festzustellen, dass die Exporte von Milchprodukten der EU in Drittländer kontinuierlich zurückgegangen sind. Lagen diese 2000 noch bei zirka 2,7 Millionen Tonnen, so betrugen sie 2008 nur noch zirka 2,3 Millionen Tonnen. In diesem Trend bewegen sich auch die deutschen Exporte. Desweiteren ist zu vermelden, dass China zunehmend als Exporteur von Vollmilchpulver auf dem Weltmarkt aufritt. Die Frage ist nur: Wann zieht China mit Prämienprodukten nach (Fonterra hilft schon kräftig mit)? Auch Fonterra setzt sich zunehmend im nahen Osten fest. Kurzum: Die Entwicklung des Weltmilchmarktes findet im Wesentlichen ohne EU-Beteiligung. statt. Der Grund liegt auf der Hand: Wir sind als Global-Player nicht wettbewerbsfähig. Mit zunehmender Liberalisierung des Milchmarktes – diese wir ja allseits gefordert- nimmt die Wettbewerbskraft der Milchindustrie als Global-Player ab. D.h. der Konkurrenzkampf auf dem „Europäischen Markt“ wird in Zukunft noch härter. Auch im Premium-Bereich, der immerhin auch international noch eine erträgliche Rendite abwirft, ist die Milchindustrie kaum vertreten. Lediglich 16% des Exportes werden in diesem Bereich umgesetzt. Vor diesem Hintergrund kann man von einer nachhaltigen Erholung des Welt-Milchmarktes wohl nicht sprechen. Im Gegenteil: Die Milchbauern müssen sich auf weitere Eigenkapitalverluste einstellen. Die Ideologie der Wachstumsfetischisten gleicht „Potemkinschen Dörfern“.