Schleswig-Holstein : Ist der durchschnittliche Milchbauer eine aussterbende Gattung?
Schleswig-Holstein: Ist der durchschnittliche Milchbauer eine aussterbende Gattung?
Der durchschnittliche Milchviehbetrieb in Schleswig - Holstein hat gemäß den Auswertungen des Buchführungsverbandes eine Größe von 87, 80 ha, eine Milchquote von 519.097 und eine Milchleistung von 7.807 kg/Milch/Kuh/a. An staatlichen Zuwendungen erhielt der Durchschnittsbetrieb im WJ 2007/2008 39.172 Euro. Diese setzen sich u.a. aus der Flächenprämien (Acker-/Grünland und Top-Ups zusammen. Dieses Kombinationsmodell wird ab 2013 in eine Einheitsprämie von 360/ ha (1) münden ( Zusammenführung von Zahlungsansprüchen). Durch die sukzessive Liberalisierung des Milchmarktes in Verbindung mit der Absenkung der Intervention und des Zurückfahrens der Importzölle gehen die Experten davon aus, dass der Milchgeldauszahlungspreis an die Milchbauern sich im Mittel um 7 Cents je kg Milch absenkt. In Verbindung mit der GAP-Reform errechnet sich für den durchschnittlichen Milchviehbetrieb in der „Gleitflugphase“ ein Umsatzverlust von zirka 248.914€/ 41.486/a. Es handelt sich hierbei um eine Schätzung, da noch nicht alle Zahlen auf dem Tisch liegen. Eines ist jedoch klar: Die Einkommensverluste der Milchviehbetriebe in den nächsten Jahren sind existenzbedrohend. Da die jetzt angebotenen Hilfen in der Regel nur über eine Zeitspanne von 2 Jahren gewährt werden, ist ab 2012 wieder mit höheren Einkommensverlusten zu rechnen. Durch die Einheitsprämie in Verbindung mit weiteren Kürzungen sind für die Milchviehbetriebe weitere Einkommensverluste vorprogrammiert. Insbesondere die Einheitsprämie benachteiligt mittlere bis kleine Michviehbetriebe, die meist aufgrund ihrer geringen Größe über einen höheren Viehbesatz verfügen und somit die Verlierer der Reform sind.
(1) Schätzung ohne Kürzungen: Nationale Reserve, Modulation u. Finanzielle Disziplin
( 1) Staatliche Hilfen 2007/08 – minus GAP-bedingte Kürzungen und Umsatzverluste In €
| (1)Zuschüsse Gewinn/ Verluste | 2007/08
€ | jährlich (2008-2013)
€ | Gesamt bis 2013 € | 2012/13 340€/ha
€ | Kumuliert
€ |
| Staatliche Hilfen | 39.172 | linear minus 1.261 €/ 6 Jahre ( 37.911 € ) | 7.564€ | 31.608€ (2) | 7.564€ |
| Absenkung des Milchpreises um 7 Cents/kg Milch gemäß Absenkung der Intervention auf 21,5 Cents/kg Milch (519.097 kg x 7 C/kg.) = (3) |
- |
40.225€ |
241.350€ |
40.225€ |
241.350€ |
| Ergebnis | 39.172 € | 2.314 € | 248.914 € | 8.617 € | 248.914€ |
Tabelle 1 (2 ) 87,80 ha x 360€/ha) = 31.608 € ( 3 ) Incl. MwSt.
Dem stehen kurzfristige Hilfen der EU und der Bundesregierung gegenüber:
| Förderungsart | Förderzeit | Hilfen Durchschnittsbetr./€ je Betrieb |
| EU 280Mill./€ / 56 Mill. D. (56 Mill. € : 100.000 Milchviehb.)= | Zirka 2010 |
560 € |
| Nationale Hilfen |
|
|
| Dauergrünlandp. (37 € X42,08ha x 2J.) = | 2010-2011 |
3.114 € |
| Kuhprämie ( 70 Kühe x 20 € x2 J.)= | 2010-2011 | 2.800€ |
| 50 Mill. Kredithilfe (50 Mill.€: 100.00 Betriebe) = | 2010 | 500 €® |
| Landw. Unfallv. 314 Mill.€ ( 314 Mill.€: 360.000 Pflichtige) = | 2010-2011 |
872 € |
| Kurzfristige Hilfen je Betrieb |
| 7.846€ (1) |
Tabelle 2 ( 1) Kalkulierte Werte
Umsatzverluste von 249.000 € in sechs Jahren
Allein diese grobe Gegenüberstellung macht schon im Ansatz deutlich, dass den zu erwartenden Umsatzverlust innerhalb von fünf Jahren in Höhe von zirka 249.000€ nur zum Teil einmalige Zahlungen von zirka 8.000 €/a. gegenüberstehen. Ein bescheidener Ausgleich. Trotz dieser dramatischen Situation hält die Kommission an ihrer Liberalisierungspolitik fest. Im Gegenteil: Nach 2013 sollen die Direktzahlungen weiter gekürzt bzw. den Ost-Ländern angeglichen werden. Kürzungsvorschläge von 20-45 Prozent liegen schon auf dem Tisch. Die Milchviehbetriebe in Schleswig-Holstein müssen sich auf weitere Kürzungen von 3.000 € - 12.000 €/a je Betrieb einstellen. Eingebettet in eine weitere Liberalisierung ist unser schleswig-holsteinischer „Durchschnittsmilchbauer“ eine aussterbende Gattung( und darüber hinaus).
Modifizierte Gewinnerwartung WJ 2009/10 :
Durchschnitts. - u. Bestbetriebe
Gewinne 2007/08 minus kalkulierte Verluste durch die GAP-Reform ( 2009/2010)
| Erträge/Differenz zu 2007/2008 | Gewinn 2007/08
€ | Kalkulatorische Differenz
€® | Kalkl. Ergebnis WJ 2009/2010 Durchschnittsbetr.
€ | Kalk. Ergebnis WJ2008/2010 Bestbetriebe €® |
| Gewinn 2007/08 (2) | 111.916 € |
| 111.916 € | 171.521€ |
|
Minus Milchpreis (519.000 kg x 15,93C/kg )= (1) |
------ |
82.677€ |
82.677€ |
82.677€ |
| Minus staatl. Zuwendungen Linear (3)
| ------ | 1.261€
| 1.261€ | 1.261€ |
| Lohn Betriebsl. u. Familienangehörige 1,5 AK | 51.117€ (2) | ------- | 51.117€ (2) | 67.551€ (2) |
| Eigenkap. Veränderung | 60.799€ | 83.938€€ | 23.139€ | 20.032€ |
| Tilgungen | 24.856€ (2) | ---- | 24.856€ (2) | 23.741€ (2) |
| Freie Finanzmittel | 35.943€ | 83.936€ | 47.995€ | 3.709€ |
Tabelle 3 (1) Milchpreis WJ 2007/08 = 40,84 Cents/kg – Kalkulationspreis 24,91 Cents/kg WJ 2009/10 ( pauschaliert)
(2)Buchführungsergebnisse WJ 2007/08 (3) siehe Tabelle 1
Die Existenznot der Milchbauern ist nicht mehr zu übersehen
Die Überschlagsrechnung macht deutlich, dass den Milchbauern in den nächsten Jahren eine erhebliche Leidensfähigkeit abverlangt wird. Dabei wird unterstellt, dass sich die Preise auf der Einnahme- sowie auf der Ausgabenseite nicht verändern. Geht man davon aus, dass die freien Finanzmittel auch noch zur Verzinsung des eingesetzten Kapitals einzusetzen sind, dann wird die dramatische Lage - auch der besten Betriebe - deutlich. Da helfen auch die kurzfristig angesetzten Unterstützungen der EU und der Nationalstaaten nicht weiter.
Es reicht nicht mehr für die Lebenshaltungskosten
Die Milchbauern der Durchschnittsbetriebe erwirtschaften noch nicht einmal ihre Lebenshaltungskosten und können ihre Tilgungen nicht bedienen. Für Nettoinvestitionen fehlt das Geld. Die Betriebe leben von der Substanz. Darüber hinaus hat Schleswig-Holstein die rote Laterne, was das Milchgeld anbelangt. Hier müssen die Weichen neu gestellt werden. Auch die Politik muss sich ändern. Den strukturellen Gegebenheiten der EU- Staaten muss Rechnung getragen werden. Den Kampf um den globalen Markt können wir nicht gewinnen. Es sei denn, man setzt mutwillig die bäuerlichen Familienbetriebe aufs Spiel.