UNI- Göttingen AG-Milchwirtschaft : Änderung durch Annäherung?

Veröffentlicht auf von Karl-Dieter Specht

Wider den Stachel lockte Dr. Thorsten Hemme vom   IFCM, indem er nicht in den Milchfabriken mit über dreihundert Michkühen die Zukunft sieht, sondern in den bäuerlichen Familienbetrieben mit zirka 80 Kühen.  Sie  sind nach Ansicht von Hemme flexibler und weisen somit eine höhere Pufferungskapazität gegenüber den Unbilden des Marktes auf( der bäuerliche Familienbetrieb besitzt eine größere Leidensfähigkeit als ein Betrieb mit Lohnarbeitsverfassung)  Eine Erkenntnis, die zwar nicht neu ist, jetzt aber von Hemme, als bisher eiserner Verfechter des unbegrenzten Wachstums ist (war?), vertreten wird. Damit hat sich, so ist zu vermuten, Hemme von seinem Doktorvater, Prof.Dr. Iselmeyer, wohl endgültig abgenabelt. In der Tat: Hier haben sachlich vorgetragene Argumente ihre Wirkung wohl nicht verfehlt. In seiner globalen Betrachtungsweise kommt Hemme zu dem Schluss, dass die Milchproduktion dahin wandert, wo das Gras grüner ist (wo die Milch billiger produziert werden kann). Recht hat er! Der Weltmarkführer  Europa in Sachen Milchproduktion wird seine Stellung am Weltmarkt verlieren, so sein Resümee.

Was sagt uns das? – Wir sind auf dem Weltmarkt nicht wettbewerbsfähig!

 Eingedenk des Abschmelzens des Außenhandelsschutzes  und der Exportsubventionen wird es für die EU- Milchindustrie immer schwerer als Global - Player aufzutreten. Beim Wegfall der Exportbeihilfen werden die Exporte In Drittländer  zum Erliegen kommen und somit wird die EU ihre Führungsrolle verlieren. Experten gehen davon aus, dass die Wachstumsmärkte im Nahen Osten und in Ostasien im Großen und Ganzen nicht von der europäischen Milchindustrie bedient werden können. Fonterra richtet sich schon im Nahen Osten ein. Beim Wegfall der Außenschutzzölle ist Europa dran. Zur Sicherung der bäuerlichen Familienbetriebe kann auf den Außenschutz nicht ganz verzichtet werden.

Die Milchindustrie will die Milchgeldauszahlungspreise drücken

Deshalb versucht die Milchindustrie unter Zuhilfenahme der Politik (Bauernverband??) Druck auf die Milchbauern auszuüben, um über die Absenkung des Milchgeldauszahlungspreises doch noch auf dem Weltmarkt mitspielen zu können. Ein Unterfangen, dass zum Scheitern verurteilt ist, denn zu Milchpreisen von 20-24 Cents je kg Milch kann langfristig kein EU-Milchbauer (Irland ??) überleben( mir hat bisher noch kein beglaubigter Buchführungsabschluss vorgelegen, der diese Zahlen bestätigt). Würde gerne mal einen sehen.

Wird der Irrsinn zur Methode?

Das ficht natürlich die Lobbyisten nicht an. Im Gegenteil: Sie hauen weiter auf die Pauke (obwohl kein Markt da ist): Nicht 200 Kühe, nicht  300 Kühe- nein – es müssen 400 und mehr Kühe her- man will ja schließlich als Global-Player auftreten. Auch eine solche Kraftanstrengung reicht nicht aus, um erfolgreich auf dem Weltmarkt mitspielen zu können. Auch entstehen dadurch u.a. erhebliche Umweltprobleme, die nicht zu unterschätzen sind. Unabhängig von dem Irrsinn einer solchen Politik lassen sich aufgrund struktureller Gegebenheiten diese Pläne nicht überall umsetzen. Dies führt wiederum zu Wettbewerbsverzerrungen, die nicht hingenommen werden können. Deshalb muss es zu  differenzierten Direktzahlungen kommen, die auf strukturelle Besonderheiten Rücksicht nehmen.

                                                                    

                                                                      Holland ( Bauern ) in Not ?

Die Holländer wollen in den nächsten fünf Jahren ihre Kuhbestände von 143 - auf 289 Kühe aufstocken. Investitionssumme in den nächsten zwei Jahren 4.516 €/ Kuh. Daraus errechnet sich eine Zunahme des Fremdkapitals  um 0.46€  auf dann  1,52 € je kg Milch. Insoweit ist das Kilo Milch mit  9 Cents an Zinsen vorbelastet. Bei einem kalkulierten Milchpreis von 34,7 Cents/kg (2009 27,02 Cents/kg/ Milch) geht der Schuss, so ist zu vermuten, nach hinten los. Ein  Vollkostenvergleich zwischen holländischen und deutschen Milchviehbetrieben kommt zum Ergebnis, dass die deutschen Milchviehbetriebe ebenso wettbewerbsfähig sind  wie die holländischen Betriebe. Im Gegenteil: Die Vollkosten je kg/Milch betrugen in Holland je kg Milch 39 Cents(2007) und hingegen in Deutschland (Schleswig-Holstein) nur 36,11 !! Cents (2007).  Aufgrund des angestrebten Wachstums unter den gegebenen finanziellen Umständen  ist mit mathematischer Genauigkeit davon auszugehen, dass es sich hierbei  um vertikale Integrationen handelt, an deren Ende der Bauer als Lohnempfänger ohne Urlaubsanspruch steht. Die holländische Milchindustrie will global expandieren – natürlich auf Kosten der Bauern.

                                                                 

Die Realitäten anerkennen

Nur wenn erkannt wird, dass auf dem Weltmarkt für die Milchindustrie nichts -außer Prämienprodukte -  zur Zeit zu holen ist, und die Vernunft unter den Wettbewerbern Einzug hält, kann mit einer Besserung der Situation für die Milchbauern gerechnet werden. Das setzt aber voraus, dass der Außenschutz für weiche Produkte nicht vollständig abgebaut wird. Insoweit haben die Bauern Anspruch auf Ausgleichszahlungen, die aber nicht dazu genutzt werden dürfen, um Überschussmengen zu produzieren, die dann wiederum – natürlich mit Steuergeldern-  als subventionierte Exporte das Land verlassen. Der Steuerzahler muss in diesem Fall zwei Mal zahlen. Deshalb muss eine wie immer geartete Mengenanpassung her. Der Europäische Rechnungshof hat das angemahnt.

                                      Taschenspielertricks helfen nicht mehr weiter

Diese Art der Doppel-Subventionierung, die vom Bauernverband gefordert wird,  ist auf Dauer nicht durchzuhalten. Denn immer mehr Kompetenzen werden von der Kommission in das Europäische Parlament verlagert, deren  Abgeordnete die Zahlungen an die Bauern genau unter die Lupe nehmen werden. Deshalb müssen die berechtigten Forderungen der Bauern nach Direktzahlungen, die ja klar zu belegen sind, offen vorgetragen werden. Taschenspielertricks der Lobbyisten helfen hier nicht weiter. Im Gegenteil: Sie können die Hilfen für die Bauern in ihrer Substanz gefährden.

 

Milchindustrie muss nachlegen

Gemäß  Angaben der EU-Kommission hält die  deutsche Milchindustrie, was die Milchgeldauszahlung an die Bauern anbelangt, die rote Laterne in der Hand. Mit einem durchschnittlichen Auszahlungspreis von 22,18 Cents/kg/Milch(2009) liegt sie weit abgeschlagen an letzter Stelle in Europa. Zwischen dem ersten und letzten Platz der Hitliste liegen 9,32 Cents/kg/Milch. Es gehen also den Milchbaueren in Deutschland durch eine schlecht aufgestellte Milchindustrie 9,32 Cents je kg/Milch verloren. Das ist ein Tatbestand, der so nicht mehr hingenommen werden kann. Nicht nur die Milchbauern müssen ihre Hausaufgaben machen, sondern die Milchindustrie ist hier in erster Linie gefordert. Das Jahr 2010 wird darauf Antworten geben müssen.

 

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