Zukunft Milch 2010 : Ist die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein auf einem Auge blind?
Zukunft Milch 2010 : Ist die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein auf einem Auge blind?
Oder: Thomsen ist in Hessen zu kurz gesprungen!
Kommentiert vom SV Karl-Dieter Specht
Vortragsveranstaltung „Zukunft Milch 2010“ in der Alsfelder Hessenhalle
(hek). Wachstum um jeden Preis ist nicht das Allheilmittel für Milchviehhalter. „Sie müssen erst besser werden, und dann wachsen“, betonte Johannes Thomsen von der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein bei der Vortragstagung „Zukunft Milch 2010“ gestern in der Alsfelder Hessenhalle.
Anmerkungen: im Gegensatz zum Wachstum um jeden Preis sieht die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein im qualifizierten Wachstum das Maß aller Dinge. Für Schleswig-Holstein heißt das: Die Milchviehbetriebe, die die Rinderspezialberatung in Anspruch nehmen, produzieren im Durchschnitt die Milch mit 39,54 Cents/kg/ECM Vollkosten (2008/2009). Von den 5.260 Milchviehbetrieben lassen sich nur 1.193 Betriebe beraten, das sind lediglich 23 Prozent aller Milchviehbetriebe in Schleswig-Holstein. Im Gegensatz zum Landesdurchschnitt der Beratungsbetriebe mit 91,5 Kühen, beträgt der übrige Landesdurchschnitt 62 Kühe. Insoweit sind die Ergebnisse der Rinderspezialberatung ein Minderheitenergebnis, das als solches betrachtet werden muss. Hinzu kommt, dass Spitzenbetriebe, es sind nur 6 Prozent der Milchviehbetriebe in Schleswig-Holstein, die Milch mit 33,89 Cents/kg/Milch/ECM produzieren.
Mit seinem Vortrag über die Situation der Milchviehbetriebe und die strategische Weiterentwicklung eröffnete Thomsen die Vortragstagung des Hessischen Verbandes für Leistungs- und Qualitätsprüfung in der Tierzucht und der Zucht- und Besamungsunion Hessen (ZBH).
ZBH-Geschäftsführer Jens Baltissen begrüßte zuvor die Besucher, die in diesem Jahr weniger zahlreich erschienen waren. Die winterlichen Straßenverhältnisse aber auch Frostprobleme in den Ställen dürften einige Landwirte von der Fahrt nach Alsfeld abgehalten haben.
Die Rahmenbedingungen für die Milchviehhalter seien geprägt von stark schwankenden Milchpreisen, Preisschwankungen im Bereich der Produktion, dem Auslaufen der Milchquote und dem Abschmelzen der Prämienzahlungen. Wobei der Milchpreis derzeit „langsam aber kontinuierlich steigt, auf knapp unter 35 Cent pro Liter“, so Thomsen. Diese augenblickliche Stabilität sei der Entwicklung auf dem Weltmarkt zu verdanken, da andere Länder nicht liefern könnten. Risiken berge diese Entwicklung aber auch, da die Milchanlieferungen in Deutschland ansteigen und eine Übererfüllung der Quote zu Zahlungen einer Superabgabe führen würde.
Anmerkungen: Trotz großer Anstrengungen und weiterer Optimierungen sind die Milchviehbetriebe zurzeit nicht in der Lage zu Weltmarktbedingungen zu produzieren. Im arithmetischen Mittel der Jahre 2000-2009 lag der Welt-Milchpreis bei 20,9 Cents je kg Milch. In allen Gunstregionen der Welt werden zurzeit die Produktionskapazitäten erhöht. D.d. Im Klartext: Die nächste Milchkrise steht schon bald wieder vor der Tür, wenn sich nichts Grundlegendes ändert. Der von Thomsen angesprochene Milchpreis von 35 Cents/kg7Milch ist eine Momentaufnahme und als Vergleich überhaupt nicht geeignet. Der Durchschnittsmilchpreis 2010 wird sich bei zirka 30 Cents/kg/Milch einpendeln und deckt noch nicht einmal die Vollkosten. Die Nachfrage am Weltmarkt ist auf u.a. auf die Euroschwäche zurückzuführen. Diese Fakten hätte Thomsen den Anwesenden mit auf den Weg geben müssen, denn ein Wachsen in Größenordnungen von 200 Kühen ist zurzeit ein Abenteuer, das (fast) nicht zu kalkulieren ist. Es müssen alle innerbrieblichen Reserven genutzt werden. 1193 Milchviehbetriebe in der Rinderspezialberatung ist für Schleswig-Holstein zu wenig. Da muss sich die Kammer fragen lassen, warum ist das so! Wachsen in einem gesättigten Markt und wachsen in einem nicht konkurrenzfähigen Weltmarkt schafft Existenzprobleme und löst keine. Dieses anzuerkennen und danach zu handeln wäre eine Aufgabe der Kammer. Die Kammer sollte sich mal das Beispiel USA „zur Brust“ nehmen.
Dennoch gebe es auch für die noch etwa 4100 Milchviehhalter in Hessen „den Zwang etwas zu tun“. „Im Schnitt gibt es bei jedem Betrieb Luft für eine Steigerung der Milchleistung.“ Dies sei auch bei normalen Betrieben durch eine gute Silage, gutes Futter und gute genetische Auswahl möglich. Erst wenn die Betriebe sich in diesem Bereich gesteigert hätten, riet ihnen der Berater zu einer Vergrößerung. „Mit Schwächen in der Produktion macht es keinen Sinn sich zu vergrößern“, warnte Thomsen eindringlich.
Nachschlag: Zum Vortrag von Johannes Thomsen erhielt ich folgende Mail von Herrn Dr. Peter Hamel: Landwirt, Agrarwissenschaftler, Gentechnik, Storndorf,
Hallo Dieter,
Thomsen hatte seinen berühmten Vortrag (Ergebnisse der Rinderspezialberatung) gestern in der Hessenhalle gehalten. Du hast ja bereits ergiebig und treffend kommentiert. Als ich ihn fragte, was kommt nach 2015? Wenn es keine Nachfolgeregelung gäbe, wie könne er dann jetzt empfehlen mindestens 200er Ställe auf Pump zu bauen? Das Risiko gleiche doch russischem Roulette. Daraufhin sagte er sinngemäß, er habe keine Angst mehr vor 2015. Eine Nachfolgeregelung brauche es nicht! Allein der Boom der Biogasanlagen mache jede Überproduktion unmöglich und damit werde der Milchpreis steigen.
Diese, von Thomsen geäußerte Meinung liegt völlig neben der Sache. Nicht der regionale Boom der Biogasanlagen( die jetzige Förderung wird nicht beibehalten) beeinflusst den Milchpreis sondern die Gesamtentwicklung auf dem Weltmarkt. Und da sieht es nicht gerade, was die Milchpreise der Milchbauern anbelangt, für die Zukunft rosig aus. Alle geben wieder Gas! Deshalb ist es nötig und notwendig, im Gegensatz zu Thomsen, den Milchmarkt der Nachfrage anzupassen, zumal die Milchviehbetriebe in der EU international nicht wettbewerbsfähig sind (siehe auch meine div. Kommentare im Blog).Was aber die Milchbauern mehr und mehr zu schaffen macht ist der Kampf um die Pachtflächen. Erst bei einem Milchgeldpreis von zirka 34 Cents/kg/Milch besteht Waffengleichheit zwischen Biogas- und Milchproduktion. Insoweit besteht hier ein erheblicher Wettbewerbsnachteil für die Milchbauern Dieser Nachteil wird für jene Betriebe existenzbedrohlich, die aufgrund ihrer Wachstumsschritte auf Zupachtflächen angewiesen sind. In Schleswig-Holstein betritt das viele Betriebe. Es ist schon ein Kuriosum: Da entlässt man den Milchbauern lauthals in den freien Markt, um gleichzeitig die Biogasproduktion durch das EEG vorm freien Markt zu schützen.
Der von Thomsen propagierte 200er Kuhstall ist schon lange nicht mehr der letzte Schrei. Prof. Dr. Uwe Latacz-Lohmann empfiehlt den 270er Stall, die Nordmilch die 300er Einheit, und Arla die 500er Einheit. Alle Modelle haben eines gemeinsam: Sie sind international nicht wettbewerbsfähig!
Nach Erkenntnissen von Dr. Torsten Hemme(IFCN) und Johann Sedlmeier (Leiter des EBA-Zentrums Thriesdorf) besitzt der bäuerliche Familienbetrieb mit 60 -80 Kühen gegenüber der Lohnarbeitsverfassung von Großbetrieben die größere Pufferungskapazität bei niedrigen Milchpreisen. Insoweit sollt man die Kirche mal m Dorf lassen!
Ergebnis: Thomsen ist mit seinem Referat zu kurz gesprungen!