Milchkrise: Rollt die Kündigungswelle ?
Rollt die Kündigungswelle ?
Verkehrte Welt: Wurde vor drei Jahren noch händeringend nach Milch gesucht; will man sie heute nicht mehr haben. Neben dem rapiden Absturz der Milchpreise flattern nun einigen Bauern die Kündigung ihrer Lieferverträge durch ihre Molkerei ins Haus. Der niederländische Molkereiriese Friesland Campina hat allen Lieferanten des Milchwerkes in Gütersloh gekündigt. Die zur französischen Entre`mont-Molkerei gehörende Stegmann-Gruppe hat den Lieferanten des Werkes Reichertshausen ebenfalls gekündigt. Hintergrund : Verhandlungen der Erzeugergemeinschaften mit den Molkereiriesen im Bezug auf die künftige Ausgestaltung der Lieferverträge sind gescheitert.
Den Erzeugergemeinschaften geht es an den Kragen
Es handelt sich hierbei um eine Milchmenge von zirka 157 Millionen kg. Arnold Weißling, Vorsitzender der Milcherzeugergemeinschaft Gütersloh , spricht in diesem Zusammenhang von einem Dammbruch. Neben privaten Meiereien wie Lüft, Wiesehoff und Ötker kündigt nun auch eine Genossenschaftsmolkerei Lieferverträge der Bauern( allerdings sind diese Bauern keine Genossenschaftsmitglieder). Das Ziel der Molkereiriesen ist klar: Mit dieser Kündigungswelle will man Druck gegenüber den Bauern aufbauen, um Lieferverträge im Sinne der Riesen zu ändern. Spotmarktpreise sollen in Zukunft Leitlinien von Lieferverträgen werden. Auch in Österreich wurden 400 Bauern die Lieferverträge durch ihre Molkereien gekündigt.
Müller-Milch machte den Anfang
Vorreiter des Kündigungsreigens war, wie kann es anders sein, die Molkerei Müller-Milch aus Aretsried. Diese hatte den Bauern in einem vorgefertigten Kündigungsschreiben empfohlen, aus der Erzeugergemeinschaft auszutreten. In diesem Fall und bei Abschluss von Einzelverträgen wurde den Bauern ein Auszahlungspreis von 41 Cents je kg Milch für März 2008 versprochen. Den Mitgliedern der Erzeugergemeinschaften bot man hingegen einen Auszahlungspreis von 30 Cents je kg. Milch an. Das Ziel ist klar: Man will die Macht der bäuerlichen Erzeugergemeinschaften brechen, um strategische Unternehmensziele auf den Rücken der Bauern leichter durchsetzen zu können. Allein die Umkehrung der Verhältnisse macht deutlich, dass den Bauern im großen Spiel der Global-Player nur noch eine untergeordnete Rolle zugedacht wird.
Kommt es zu einer Spaltung des Milchgeldauszahlungspreises ?
Mit der zunehmenden Liberalisierung der Märkte wird es, so ist zu vermuten, zu einer Spaltung des Milchmarktes kommen. D.h. für eine Basismenge, die sich an der Markfähigkeit und damit an der Leistungsfähigkeit der einzelnen Molkerei orientiert, bekommt der Bauer für seine Milch einen“ Hauspreis“. Die darüber hinausgehenden Mengen werden zu Spotmarktpreisen abgerechnet.
Hat der Norden das Nachsehen ?
Gerade für „den Norden“ wird das erhebliche Konsequenzen haben, denn 50 Prozent der Milch wird konzentriert und versandt. Die Milchwirtschaft in Schleswig-Holstein hat in der Vergangenheit Fehler gemacht, indem sie den Markt vernachlässigte. Es gibt nur noch wenige Molkereien, die im Frischmarkt-Segment vertreten sind. Mit dem Zusammenbruch der Versandmilchpreise gingen im wahrsten Sinne des Wortes die Milchgeldauszahlungspreise für die Bauern baden. Diese Fehlentwicklung der Milchwirtschaft des Nordens schlägt jetzt mit voller Härte auf die Bauern durch. An Wertschöpfung ist in diesem Segment z.Z. nicht zu denken. Im Gegenteil : Die Spotmarktpreise für Milch werden mehr und mehr den Milchgeldauszahlungspreis bestimmen. Die Wertschöpfung findet wo anders statt. Reine Rationalisierungsmaßnahmen bringen zu wenig, wenn nicht der Markt im Mittelpunkt des Geschehens steht.
Unter Berücksichtigung dieser Fakten werden zunehmend Versandmolkereien in Zukunft- in welcher Konstellation auch immer - auf einen Markt drängen, der schon besetzt ist. D.d. -wenn die Vernunft nicht endlich das Handeln bestimmt, kommt es in Zukunft zu einem gnadenlosen Preiskampf zwischen den Molkereien um Marktanteile. Das freut natürlich die Discounter. Dass dieser Preiskampf dann auf den Rücken der Bauern ausgetragen wird, versteht sich fast von selbst.