Milchkrise : Die Klatsche aus Brüssel
Milchkrise : Die Klatsche aus Brüssel
Wer gemeint hat, dass die Forderungen von Deutschland, Frankreich und weiterer Staaten zusätzliche Hilfen für die Milchviehbetriebe in Brüssel locker zu machen, sah sich eines Besseren belehrt. Knallhart und die Mehrheit der europäischen Amtskollegen (Ministerrat) hinter sich wissend, lehnte die Agrarkommissarin Mariann Fischer-Boel alle Forderungen der Antragsteller ab.
Soft landing passe´ – trotz Verluste weiter auf Expansionskurs
Das so oft gepriesene „Soft landing- Programm (weiche Landung nach dem Quotenausstieg) ist wie eine Seifenblase zerplatzt. Länder wie die Niederlande, Dänemark setzen knallhart auf Expansion. Gerade diese Länder erhöhten gegenüber dem Vorjahr ihre Milchproduktion um 4-6 Prozent. Dabei spielt es keine Rolle, ob kostendeckend produziert wird - Hauptsache die Milchproduktion steigt. Nach Angaben der Universität Wageningen schreiben 85 Prozent der Michviehbetriebe in den Niederlanden rote Zahlen. Der existenzielle Milchpreis, so die Auswertungen der Universität, liegt bei 32,5 Cents je kg Milch ( 4,4% Fett, 3,5% Eiweiß).Das ficht die Milchindustrie nicht an, denn sie setzt weiter auf Expansion. Auch bei uns in Deutschland sind lüsterne Töne zu hören.
Schleswig-Holsteins erster Agrarökonom heißt von Boetticher
Obwohl sie keinen Markt haben, setzen vor allem die norddeutschen Bundesländer auf Expansion. Allen voran Schleswig–Holstein. Überraschenderweise outet sich Landwirtschaftsminister v. Boetticher als Agrarökonom. Sein Credo: Nur durch Mehrproduktion (Überlieferungen) können Wachstumsbetriebe überleben. Wie das angesichts der Milchgeldauszahlungspreise von 18 Cents-20 Cents je kg Milch betriebswirtschaftlich möglich ist, bleibt das Geheimnis des Ministers. Diese Preise decken noch nicht einmal die variablen Kosten ab, die 23,61 Cents je kg Milch betragen.
Eine Marktanpassung wird abgelehnt
Darüber hinaus laufen fast alle Forderungen des Bauerverbandes nicht auf eine Marktanpassung hinaus, die zwingend notwendig ist, um das Tal der Tränen zu durchschreiten, sondern auf die Absicherung der Überproduktion durch Subventionen.
Wir können am Konsumenten nicht vorbeiproduzieren
Auch der Direktor des International Foods Policy Research Institute in Washington, Joachim von Braun, stellte auf dem „Plöner Global Economic Symposium“ (GES) nüchtern fest: „Wir können am Konsumenten nicht vorbeiproduzieren „. Recht hat er! So hat es wohl auch die Kommission gesehen und die Forderungen für weitere Hilfen an die Milchbauern einfach abgebügelt. Natürlich spielen auch egoistische Gründe einiger Länder bei der Entscheidung der Kommission eine gewichtige Rolle. Tatsache ist jedoch, dass die Überproduktion die Hauptursache des Preisverfalls ist.
Hat der Verbraucher mehr Sachverstand?
Diese dann durch Subventionen zementieren zu wollen, kommt bei den Verbrauchern schon lange nicht mehr an. Eine Umfrage des Forsa-Institutes hat ergeben, dass die Mehrheit der Befragten sich für eine marktangepasste Milchproduktion ausgesprochen hat, um so das Einkommen der Michbauern zu sichern. Der einfache Verbraucher hat anscheinend mehr Sachverstand als unsere“ hochbezahlten Spezialisten“, die oft interessengebundene Bewertungen vornehmen.
Der Milchindustrie-Verband fühlt sich bestätigt
Auch der Milchindustrie-Verband ( MIV) meldet sich zu Wort: Angebot und Nachfrage regeln den Preis. Die Richtung stimmt, das Tempo bestimmt den Markt. Der MIV sieht sich damit in seinen früheren Aussagen bestätigt. Die EG muss Kurs halten. D.h. im Klartext : Weitere Öffnung der Märkte zu Lasten der heimischen Milchbauern. Denn ein Agieren auf den globalen Märkten setzt niedrige Milcherzeugerpreise voraus.
Umgestaltung der Ausgleichszahlung ist erforderlich
Das hat auch Prof. Dr. Klaus-Dieter Borchardt erkannt, seines Zeichens Leiter des Kabinetts der Kommissarin Mariann Fischer-Boel, indem er eine Umgestaltung des EU-Fördersystems verlangt. Die Landwirtschaft müsse Ausgleichszahlungen für ihre Allgemeinwohlleistungen erhalten. Angesichts des Weltmarktpreises je kg Milch von 20 Cents ist diese Aussage des Professors nur zu begrüßen. Laut der OECD - Studie ist für die Europäer auf dem Welt- Milchmarkt, im Gegensatz zur Auffassung der Milchindustrie, in Zukunft nicht viel zu holen.
Die Realitäten sind anzuerkennen
Diese Realität anzuerkennen fällt schwer, ist aber notwendig, um die richtigen Strategien für die Zukunft zu entwickeln. Angesichts der Tatsache, dass unsere Milchviehbetriebe im globalen Wettbewerb ohne Subventionen nicht mithalten können, macht es keinen Sinn, auf diese Karte vermehrt zu setzen. Die Milchproduktion muss sich dem Markt anpassen. Dadurch wird auch der Weltmarkt entlastet und die Milchgeldauszahlungspreise an die Milchbauern können wieder steigen. Eine solche Marktphilosophie setzt ein hohes Maß an Marktdisziplin voraus, die aber nötig ist, um unsere bäuerliche Landwirtschaft zu erhalten. Nur unter diesen Voraussetzungen ist der Steuerzahler bereit, die landwirtschaftlichen Betriebe durch Direktzahlungen zu unterstützen.
Gefährdet der Bauernverband die bäuerlichen Familienbetriebe?
Aufgrund der Forderungen der Bauernverbände geht die Presse zunehmend auf Distanz. Pressetenor: „ Für die Bauern liegt die Lösung darin, sich nach außen abzuschotten. Sie wollen ein System, mit dem sie die Milchmenge europaweit flexibel an die Nachfrage anpassen können, um durch die künstliche Verknappung den Preis zu stabilisieren. Damit Drittländer nicht mit billigen Milchprodukten auf den Markt drängen, müssen die Außengrenzen durch Importzölle geschützt werden...... Durch diese Maßnahmen würde die gesamte Gesellschaft leiden( Süddeutsche Zeitung)“.
Zwar wird diese Meinung noch nicht von der Mehrheit der Bürger geteilt. Sie zeigt jedoch die Richtung an, in die es gehen kann, wenn die Unvernunft des Bauerverbandes weiterhin das Handeln in der Agrarpolitik bestimmt.