Milchkrise : Schlitzohrigkeit als Strategie ?
Milchkrise: Schlitzohrigkeit als Strategie ?
Durch anhaltende Bauernproteste hat die EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer-Boel weitere Denkanstöße in Richtung Mengenbegrenzung gegeben. Die Mitgliedsländer können, so die Kommissarin, Milchmengen aufkaufen, um das Angebot zu verringern. Fischer-Boel will das Aufkaufen von Milchquoten durch die Mitgliedstaaten ändern. D.h. bei Überschreitung der nationalen Mengen werden Strafen fällig. Darüber hinaus soll die Markstellung der Milchbauern gestärkt werden. Wohlfeile Worte, die an Doppelzüngigkeit kaum zu überbieten sind. Denn die Kommissarin weiß genau, dass ihre Vorschläge im Agrar-Ministerrat keine Mehrheit finden. Deshalb hat sie auch diese Vorschläge unterbreitet.
Es wird nur schwadroniert
Dass die Kommissarin mit ihrer Strategie richtig liegt, zeigt auch das Ergebnis der Agrarministerkonferenz in Eisleben. Statt gemeinsamem Druck auszuüben und Verbündete zu suchen, wird nur schwadroniert. Tenor: Es gebe kaum wirksame Möglichkeiten den Milchmarkt durch staatliche Eingriffe kurzfristig zu stabilisieren. Sachsens Agrarminister Frank Kupfer:“ Wir wollen den Michbauern nach unseren Möglichkeiten helfen. Wir dürfen nicht dem Irrtum erliegen, dass eine Quotenverknappung auf nationaler Ebene die Milchpreissituation nachhaltig beeinflussen könnte“. Auch Bundesagrarministerin meldete sich zu Wort. „Es müssen alle Möglichkeiten genutzt werden, um wettbewerbsfähige Betriebe am Markt zu halten“, sagte sie und verschwand gen Brüssel.
Substanzloser geht es nicht mehr
Wenn man sich einmal die Mühe macht, diese plakativen Äußerungen und Willensbekundungen auf ihre reale Substanz hin zu untersuchen, dann stellt man schnell fest, dass es keine Substanz gibt. Weder konkrete Hilfen zur Marktentlastung, noch praktikable Marktstrategien sind erkennbar, die mehrheitlich tragbar sind. Man beschränkt sich immer nur darauf zu erklären, was nicht geht. Selbst die Definition eines „wettbewerbsfähigen Betriebes“, der ja angeblich unterstützt werden soll, ist nicht erkennbar. Man will ganz einfach das Problem auf Kosten der Milchbauern aussitzen.
Die ewig Gestrigen
Der Markt und der Wettbewerb sollen alles regeln. Dabei hofft jeder Marktteilnehmer insgeheim als Sieger aus diesem Rennen hervorzugehen. Dass es am Ende eines solchen Rennens nur Verlierer gibt, scheinen die ewig Gestrigen nicht zu kapieren. Ein Molkereifachmann brachte es auf den Punkt: „Es macht keinen Sinn, wenn wir uns die Preise um die Ohren hauen. Davon hat niemand etwas“.
Wer nicht kämpft, hat schon verloren
Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, wenn in Not geratene Milchbauern zu spektakulären Mitteln greifen. Wer sich nicht kämpft, hat schon verloren - ist eine Feststellung, die sich immer mehr Bauern zu Eigen machen. Denn sie wollen sich nicht ohne Wiederstand zur Schlachtbank führen lassen.
Ist die Verbesserung herbeigeredet?
Aber laut Pressemitteilung des Milch-Industrie-Verbandes ist Besserung in Sicht. Das zarte Pflänzchen der Markterholung gewinnt an Wachstum. Deshalb machen die Proteste keinen Sinn mehr. Dazu die Milch-Union Hochfeld (MUH):“Da sich darüber hinaus in der vergangenen Woche die Situation langsam und stetig verbessert hat, hält die MUH einen solchen Streik für nicht zielführend. Der Milchmarkt scheint sich momentan langsam von der Weltwirtschaftskrise zu erholen, was die steigenden Notierungen der Rohstoffmärkte und Milchpulverauktionen beweisen“.
Wer selbst im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen
Auch der Bauerverband hält nichts von den Aktionen der Milchbauern, denn sie schaden, so der Verband, der öffentlichen Reputation der Bauern. Zugegeben- die Vernichtung von Lebensmitteln kommt in der Tat beim Verbraucher nicht gut an. Wenn sie aber dazu führt, dass die Existenznot der Milchbauern für alle fassbar wird, dann sollte man mal ein Auge zudrücken. Andersherum ist zu fragen, wo hat der Bauernverband seinen mahnenden Finger erhoben, als aufgrund von Überproduktionen tausende von Tonnen Obst und Gemüse vor Jahren vernichtet wurden. Man sollte also nicht mit Steinen werfen, wenn man selbst im Glashaus sitzt.
Ist Besserung wirklich in Sicht?
Glaubt man den Experten, dann wird ja alles besser, die Milchgeldauszahlungspreis steigen- um nicht zu sagen - eine Hausse ist in Sicht! Was soll das ganze Streiktheater dann noch? Ein Blick in den neusten Dairy Report des IFCN macht einmal mehr deutlich, dass es zum Jubel keinen Anlass gibt. Danach wird auch in diesem Jahr die weltweite Milchproduktion - trotz der Krise - um weitere 11 Millionen Tonnen steigen. Eine deutliche Erhöhung der Erzeugerpreise ist weit und breit nicht in Sicht. Die Milchproduktionskosten je Kilogramm Milch liegen in Europa am höchsten, gefolgt von Ozeanien und Afrika. Exporte von Milchprodukten in Drittländer sind deshalb nur mit Exportbeihilfen möglich, die der Steuerzahler zu tragen hat. Angesichts dieser Tatsache lehnt die Kommissarin die Forderung des Bauerverbandes ab, die Exportsubventionen für Milchprodukte zu erhöhen. Eine solche Forderung ist nicht geeignet das Problem der Überproduktion zu lösen. Das Problem der Überproduktion müssen die Europäer selbst in den Griff bekommen. Und dazu sind sie zurzeit nicht bereit. Deshalb ist es richtig, weiter Druck zu machen.
Weitere Infos unter http:specht.over-blog.de