Gedanken zum Tag der Milch- und darüber hinaus!

Veröffentlicht auf von Karl-Dieter Specht

Gedanken zum

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Tag der Milch – und darüber hinaus!

 

Kommentar vom SV Karl-Dieter Specht

Es ist (fast) wie immer - ein ritueller Akt: An diesem Tag werden wiedermal Reden gehalten, die je nach Lage der Milchwirtschaft, durch Hoffnung oder Zuversicht geprägt sind. Hoffnung wird von der Milchindustrie dann vermittelt, wenn es mal nicht so läuft, also die Preise unten liegen – dann sind die Strukturen schuld. Die Milchproduktion muss effizienter werden. Das Zauberwort Volatilität macht dann die Runde. Darauf müssen sich die Milchbauern eben einstellen. Ursächliche Zusammenhänge, wie es zu den Problemen kommt, werden natürlich nicht mitgeliefert. Wenn es dann mal einiger Maßen gut läuft, ist Zuversicht und Selbstdarstellung angesagt.  Erfolgreiche Exportoffensiven werden verkündet und der zukünftige Milchmarkt wird in rosa roten Farben beschrieben. „Wachsen oder weichen“ ist die Zauberformel, die alle Probleme(angeblich) löst. Wer nicht wächst- hat keine Zukunft!  Danach müssen sich alle Bauern eben richten. Egal, ob der Markt  die Produktion überhaupt abnehmen kann.  Das zu beurteilen ist Sache der Milchindustrie. Die Michbauern sollen sich gefälligst um „ihre Produktion“ kümmern; von Vermarktung verstehen sie eh nichts -Basta!

 

Das System ist alternativlos ( Unwort des Jahres 2010)

 Dieses System ist alternativlos klinkt`s von allen Dächern der Milchindustrie und den Dächern der einschlägigen Berufsverbände.  Nur der Stärkste am Markt setzt sich durch, so die Devise. Wer will dem schon widersprechen? Wer will denn schon Verlierer in diesem System sein? Ein Verlierer passt ganz einfach nicht in das System. Mehr noch: Verlierer sind auch schon jene, die nur dem Durchschnitt angehören, denn die Treiber und Leuchttürme, das sind eben die 25 Prozent besten Betriebe, die die Marschrichtung „angeblich“ vorgeben. Mit einer betriebswirtschaftlichen Ausrichtung  der reziproke rekurrente Selektion“( Maximierung  von Heterosis beim Endprodukt Bauer) will man nun Bauern aussortieren. Ein zutiefst unmenschliches System, das den Leistungsgedanken pervertiert und dem Durchschnitts- Bauer schon keine Chance mehr lässt. Mit diesem System werden bäuerliche Familien systematisch kaputtgemacht. Dazu passt eine PM aus der Schweinehaltung:

 

Die niederländische Interessenvertretung der Schweinehalter (NVV) hat kürzlich eine Produktionsquote für Schweinefleisch ins Gespräch gebracht. Auf deutscher Seite lehnt die Interessenvertretung der Schweinehalter Deutschlands (ISN) die Vorschläge ab. Alle Alternativen zur Steigerung des Preises dürften diskutiert werden. Sobald es aber um politische Eingriffe gehe, bekomme man Bauchschmerzen, so ISN-Geschäftsführer Dr. Torsten Staack. Man sehe doch, welche Probleme die Milcherzeuger hätten, aus ihrer Quotenpolitik wieder heraus zu kommen (Quelle: topagrar).

 Anmerkungen: Es ist schon erstaunlich, dass gerade die Niederländer, die immer (bisher) rückhaltlos den freien Markt für das „Non plus ultra“ halten (hielten), nun auf einmal an eine Regulierung denken. Sie haben wohl, so ist zu vermuten, die Lage auf dem Weltmarkt klar erkannt. Diese Weitsicht scheint  dem Geschäftsführer des ISN, Dr. Thorsten Staack, noch nicht untergekommen zu sein. Hier die Fakten für Deutschland:

 

Selbstversorgungsgrad in Prozent in Deutschland

Produktionsbereich

Selbstversorgungsgrad in %

2000

Selbstversorgungsgrad in %

2009

Schweinefleisch

87

109

Geflügelfleisch

70

94

Rindfleisch

119

118

              Quelle: BMELV

 

Diese ungebremste Produktionsausweitung  ist nur (wenn überhaupt) auf dem Weltmarkt abzusetzen. Und auf dem Weltmarkt müssen die Konkurrenten wie die USA, Brasilien und in Zukunft wohl auch noch andere Drittländer aus dem Weg geräumt werden. Jene Länder also, die über günstigere Produktionsbedingungen verfügen. Wie das angesichts dieser Faktenlage zu bewerkstelligen ist, muss Dr. Staack den Schweinebauern erst noch erklären. Vielleicht hat er ja das Ferkel mit fünf Beinen in der Schublade. Zu hoffen wär`s!

 

Produktionskosten in Europa/USA/Brasilien

Produktionsart

EU-Länder / NL,D

USA

IFCN/Nutresco

Brasilien

ISCN/Nutresco

Geflügelfleisch

  = 100%

 = 73 %

 = 65 %

Schweinefleisch

= 100%

= 88 %

= 80 %

Rindfleisch

= 100 %

= 70 %

= 50 %

Milch

= 100 %

= 85 %

= 50 %

Quelle: Prof. Dr. Isermeyer

 

 

Auch in der Geflügelfleischproduktion haut man kräftig auf den Pauke. In den nächsten Jahren werden die Schlachtkapazitäten in der Geflügelfleischproduktion um  weitere zirka 400.000 t erhöht. Somit können dann zirka 1.300 t Geflügelfleisch in Deutschland produziert werden, die allen in Europa nicht abzusetzen sind. Welche Konsequenzen sich daraus ergeben, will ich gar nicht kommentieren. Jeder, der über einen normalen Menschenverstand verfügt, kann die Folgen selbst abschätzen. Auch Prof.Dr. Windhorst (Uni Vechta) hat das getan und warnt vor den Folgen eines ungebremsten Wachstums.

 

                     Nun hat auch der Größenwahn  wenige  Milchbauern erfasst!

Wie in der Presse zu entnehmen war, will ein Landwirt aus Barver seinen Kuhbestand auf 3.200 Kühe erweitern. Diese Nachricht ist, so mein Eindruck vor Ort, bei der Bevölkerung und bei den Berufskollegen wie eine Bombe eingeschlagen. Das hat auch der Landwirtschaftsminister Lindemann(Niedersachsen) erkannt und diesem Begehren eine klare Absage erteilt. Mal sehen, wie lange diese Aussage Bestand hat. Zwischenzeitlich, so der Bürgermeister der Samtgemeinde, Hartmut Bloch,  hat man sich einvernehmlich und verbindlich auf eine Größenordnung von 1.600 Kühen geeinigt. Interessant ist auch noch zu vermerken, dass die vor Ort agierenden Parteien gegen die Industrialisierung der Landwirtschaft sind. Die Bundespolitiker der Parteien (mit Ausnahme der Grünen/Bündnis 90) wollen jedoch die bisherige Praxis der Industrialisierung der Landwirtschaft beibehalten.

 

                Betriebswirtschaftlich, ökologisch und  gesellschaftspolitischer Unsinn

Auf Einladung des BDM konnte ich in meinem kurzen Referat in Barver betriebswirtschaftlich, ökologisch und gesellschaftspolitisch nachweisen, dass diese Größenordnungen nicht in „unsere Kulturlandschaft“ passen. Nach Berechnungen von Prof. Dr. Latacz-Lohmann (Uni Kiel) sind Familienbetriebe mit entsprechender Faktorenausstattung, die Im Viehbesatz bei zirka 240 Kühen liegen, den Betrieben mit Lohnarbeitsverfassung deutlich überlegen. Dr. Hemme (IFCN Dairy ResearchCenter Kiel) geht sogar von 80-100 Kühen aus. Trotz aller Anstrengungen ist es, wie in den anderen Produktionsbereichen dargestellt, auch bei der Milch  nicht möglich, zu Weltmarktbedingungen zu produzieren. Zum Schluss der Veranstaltung sagte ein Gemeindevertreter zu mir: „ Hätten wir das allen vorher gewusst!“ Es muss also noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden. Hoffentlich trägt die  Überzeugungsarbeit auch in Berlin  ihre Früchte. Zu wünschen wär`s!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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