Industrielle Landwirtschaft: Wer stoppt den Gigantismus?
Industrielle Landwirtschaft: Wer stoppt den Gigantismus?
Oder: Die Bauern haben es (noch) in der Hand!
Kommentar vom SV Karl-Dieter Specht
Milchindustrie:
Arla: Als wäre das Schlucken anderer Molkereien nicht schon genug, da macht Arla ein weiteres Fass auf. Diesmal geht es um den Einstieg in die Biogaserzeugung. Natürlich mit entsprechender Größe- versteht sich. 400.000 Tonnen Gülle, Mist und Reststoffe sollen es schon sein! Eine Größe, die ganz zu Arla passt. Auf Güllebasis umgerechnet werden dazu zirka 25.000 Kühe gebraucht. Ein richtiges Pfund! So ganz nach dem Geschmack der Global-Player. Und Das soll erst der Anfang sein!
Fonterra: Nimmt weiteres Kapital auf, um die Wachstumsinvestitionen weltweit zu finanzieren. Insgesamt 252 Mio. Euro müssen es schon sein. Sonst lässt sich am Weltmarkt nichts bewegen. Auch das soll erst der Anfang sein!
DMK: Will auch wachsen-und wo? Natürlich auf dem Weltmarkt. Man ist schon weltweit auf der Suche nach geeigneten Partnern. „Daher ist das internationale Geschäft alternativlos“, so tönt es aus dem Management. Zu welchem Preis aber? Das verraten die Manager den Milchbauern natürlich nicht. Denn: Das Vermarkten ist allein Sache der Milchindustrie und deren Manager. Die Milchbauern haben sich gefälligst um ihre Kühe zu kümmern, die preiswert die Milch produzieren müssen, damit die Milchindustrie auch weltweit expandieren kann. Das ist die Marschrichtung - und nichts anders gilt!
Und Dr. Schwaiger schiebt nach: „Um an der positiven Entwicklung der Märkte teilzuhaben, hat DMK seine Organisation entsprechend ausgerichtet: In neu geschaffenen Bereichen wie Unternehmensentwicklung und Innovationsmanagement werden Wachstumsregionen analysiert, Markteinstiegsstrategien entwickelt und Innovationsprozesse vorangetrieben. Neben bestehenden Exportmärkten wie beispielsweise Russland wurden ausgewählte asiatische Länder als potenzielle Zielmärkte ausgemacht. Erster Schritt ist die Gründung einer Niederlassung in China bis Ende des Jahres. „Viele der Länder sind mittelfristig nicht in der Lage, ihren Bedarf mit eigener Milchproduktion zu decken. Diese Märkte wollen wir nicht unseren Wettbewerbern alleine überlassen.“( Quelle:topagrar)
Anmerkung: Eine klare Kampfansage an alle Mitbewerber! Natürlich, wie immer, auf Kosten der Milchbauern.
Geflügelindustrie
Fa. Rothkötter: Baut in Wietze bei Celle den größten Geflügelschlachthof Europas. Eine Genehmigung hat Rothkötter für die Schlachtung von 450.000 Masthähnchen täglich. Dazu benötigt er zirka 10 Mio. Mastplätze. Diese scheint er von den Bauern zurzeit nicht zu bekommen. Lediglich 7 Bauern wollen (bisher) in das Geschäft einsteigen. Unter vorgehaltener Hand wird kolportiert, dass Bauern als Strohmänner gesucht werden, damit ein privilegiertes Bauen möglich ist. Diese sollen für „ihre Dienstleistung“ ein sattes Handgeld bekommen. Wird das alles so umgesetzt, dann kommen zu den schon vorhandenen 30 Mio. Mastplätze nochmals 10 Mio. dazu. Rothkötter nimmt 70 Mio. € in die Hand und erhält vom Staat zirka 6 Mio. Zuschüsse.
Dazu Rothkötter: „Geflügelfleisch gilt als preiswert und gesund - und liegt damit im Trend. So bringt Franz-Josef Rothkötter, Geschäftsführer der Emsland Frischgeflügel GmbH, die wirtschaftliche Begründung für neue Mastanlagen auf den Punkt: "Die Nachfrage nach günstigem, gesundem Fleisch ist ungeheuer groß, so dass wir ein Nachschubproblem haben" (Quelle:NDR).
Dazu Prof. Dr. Windhorst: Welches könnten die Konsequenzen sein, wenn in den nächsten Jahren eine Kapazität im genannten Umfang in der Hähnchenmast sowie in der Schlachtung und Verarbeitung installiert wird, die sich nicht auf dem Inlandsmarkt und auf den internationalen Märkten absetzen lässt? Gerade im Hinblick auf die Exportmöglichkeiten ist Vorsicht geboten, weil vor allem die Drittlandsmärkte hart umkämpft sind und man sich dort bei tief gefrorener Ware mit Unternehmen aus Brasilien und den USA auseinandersetzen muss, die zum Teil deutlich kostengünstiger produzieren können( Quelle: Prof. Dr. Hans-Wilhelm Windhorst, ISPA, Universität Vechta).
Fleischindustrie
Gestern: Unter Minister Schröder( ehem. Landwirtschaftsminister der DDR) ist damals die Anweisung an alle landwirtschaftlichen Betriebe der Sowjetzone ergangen:
"Mehr Fleisch durch industrielle Schweinemast."
Ähnlich wie in der Sowjet-Union sollten alle volkseigenen Betriebe der Sowjet-Zone "auf eine industrielle Basis gestellt werden". Die volkseigenen Güter wurden regional zu sogenannten Kombinaten (Großkolchosen) zusammengefasst. Das sowjetzonale Finanzministerium bewilligte großzügige Investitionen, um die Agrar-Kombinate auch nach außen hin als "Schweinefleisch- und Getreidefabriken" in Erscheinung treten zu lassen. Aus dem ehemaligen "Junkergut" Polßen des enteigneten Grafen Rudolf von Wedel, der heute in Eiterbach bei Heidelberg wohnt, sollte die ertragreichste Muster-Kolchose der DDR mit 4600 Hektar werden( Quelle: Spiegel 33. Ausgabe 1954).
Anmerkungen: Daraufhin wurden in der DDR riesige Schweinemastanlagen aufgebaut. Am 1. Mai 1978 nahm die Schweinezucht- und Mastanlage Neustadt an der Orla (SZM) ihre Arbeit auf. Die SED verkündete damals: „Wissenschaft und Technik dienen dem Wohl des Volkes.“ In 20 Ställen wurden 185.000 Schweine gehalten. Insgesamt 800 Menschen arbeiteten in der Anlage (diese Anlage wurde 1990 geschlossen). Nach der Wende dachte man, dass diese Art der Landwirtschaft der Vergangenheit angehört. Aber weit gefehlt!
Heute: im großen Stil werden die gigantischen DDR-Anlagen wieder reaktiviert und zwar von Investoren, die aus Dänemark, Holland, Deutschland und sonst woher kommen. Denn in ihren Ländern können sie solche Anlagen nicht aufbauen; dafür aber in Ostdeutschland. Hier genießen die alten DDR-Anlagen Bestandsschutz. Wie sagte doch die SED: „ Wissenschaft und Technik dienen dem Wohl des Volkes“. Insoweit scheint die DDR-Philosophie heute in den neuen Bundesländern eine Renaissance zu erleben.
Renaissance
Das sind die Fakten im Osten:
Schweinemastanlage VEB SZM Haßleben
Die Schweinemastanlage Haßleben war zu DDR-Zeiten für eine Superlative gut: Dort wurden jedes Jahr 200.000 Schweine gemästet - in der größten Zuchtanlage Europas. Damit war1990 Schluss, denn für Fleisch aus dem Osten brach der Markt zusammen und Naturschützer monierten die Umweltsünden der Intensivhaltung.
Dann kamen die Investoren:
Ein holländischer Investor kaufte die Anlage. Das bevorzugte Zielgebiet der Holländer ist Ostdeutschland, denn dort wurde die Viehdichte nach der Wende extrem niedrig. Sie bekommen Prämien, wenn sie ihre Anlagen in der Heimat aufgeben. Das Geld wird dann in Polen und Rumänien investiert - aber auch in Ostdeutschland. Insgesamt sollten in der stillgelegten Anlage bis zu 85.000 Mastschweine, Ferkel, Sauen und Eber gehalten werden mit einer Schaffung von 40 bis 50 Arbeitsplätzen. Im brandenburgischen Vetschau und in Nordhausen (Thüringen) wurden in den letzten Jahren zwei Mastanlagen mit je 60.000 Schweinen genehmigt. In Staffelde (Brandenburg) plante ein Däne eine Schweinemast mit 54.000 Tieren. In Sandbeiendorf, Sachsen-Anhalt, brachte ein niederländischer Investor schon 1994 einen ehemaligen DDR-Betrieb mit 65.000 Tieren wieder zum Laufen. Haßleben wäre mit 85.000 Schweinen die deutschlandweit größte Anlage (Quelle: Berlin-Brandenburg/ Akademie der Wissenschaften).
Das sind die Fakten im Westen:
Spitzenreiter bei den beantragten und/oder genehmigten Schweineplätzen ist Niedersachsen mit 736.430 zusätzlichen Schweineplätzen. Es ist davon auszugehen, dass auch in Nordrhein-Westfalen eine relevanten Größe an Schweineplätzen beantragt und genehmigt ist und dass die für dieses Bundesland errechnete Zahl in Höhe von 41.218 zusätzlichen Schweineplätzen aufgrund der vielen Datenlücken28 den tatsächlichen Stand der Anträge und Genehmigungen unterschätzt. Trotzdem zeichnet sich auch in dieser Region mit Blick auf die beantragten und/oder genehmigte Schweineställen ab, dass größere Anlagen an Bedeutung gewinnen. Immerhin werden auch hier knapp 30% der beantragten Stallanlagen über das Spalte1-Verfahren des Bundesimmissionsschutzgesetzes beantragt, das bei großen Anlagen mit mehr als 2000 Mastschweineplätzen zur Anwendung kommt. Anträge für Anlagen mit 3.500 – 8.000 Mastschweineplätzen sind in dieser Region durchaus keine Seltenheit mehr. So befinden sich etwa Anlagen von 4.000 Mastschweine in Lorup (Emsland), 3.960 Mastschweine in Sustrum (Emsland), 4.344 Mastschweine in Lohne (Vechta), 7.668 in Dinklage (Vechta) im Genehmigungsprozess (Quelle: BUND).
Zusammenfassung: Wer stoppt diesen Gigantismus! Hier geht es nicht mehr um eine nachhaltige Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, sondern um Marktanteile, Macht und Gewinn. Für diese Ziele werden, wenn es nötig ist, eherne Grundsätze über Bord geworfen. Nach dem Motto:“ Was stört mich mein Geschwätz von gestern.“ Oder: „Der Zweck heiligt alle Mittel.“ Mit zunehmender Industrialisierung der Landwirtschaft steigen überproportional die Umweltprobleme. Das heißt im Klartext: Die industrielle Landwirtschaft privatisiert die Gewinne und sozialisiert der Folgen ihrer Umweltzerstörungen. Mehr noch: In dieser industriellen Landwirtschaft, die in vertikalen Zusammenschlüssen alles zusammenfasst; von der Zucht über die Produktion, der Futterbeschaffung, der Finanzierung bis hin zur Schlachtung und Vermarktung spielt der Bauer nur noch eine untergeordnete Rolle. Er ist nur (noch) Mittel zum Zweck und belegt damit den letzten Platz in Verteilung der Wertschöpfung. In Anbetracht oft fehlender Alternativen kann man von einem bäuerlichen Unternehmertum schon lange nicht mehr sprechen. Es liegt nun an den Bauern selbst, ob sie diese Entwicklung weiter mittragen wollen. Sie haben es (noch) in der Hand, die Industrialisierung der Landwirtschaft zu stoppen. Die Bevölkerung steht hinter den Bauern, wenn sie denn wollen. D.h. der Wille zur Veränderung muss und kann nur „von unten“ kommen. Von oben ist nichts oder nur wenig zu erwarten. Die Bürgerrechtler der ehem. DDR können ein Lied davon singen!