Milchforum Weser-Ems : Hasardeure unter sich!
Milchforum Weser-Ems-Union eG : Hasardeure unter sich !
Oder: Wer stoppt den Amoklauf des Staatssekretärs Ripke ?
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Die Weser-Ems-Union eG (WEU) in Rodenkirchen, gesponsert von der Agravis Raiffeisen AG, der GVAgrar mbH & Co. KG, sowie der Lely Deutschland GmbH, hatte zum Milchforum eingeladen und 450 Bauern kamen: Was da in der Markthalle von Rodenkirchen ablief und den Besuchern geboten wurde hatte teilweise schon groteske Züge an sich. Noch ist die Milchkrise nicht überwunden, denn die Vollkosten werden immer noch nicht voll erwirtschaftet, da haute Staatssekretär Friedrich Otto Ripke vom Niedersächsischen Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz und Landesentwicklung kräftig auf die Wachstumspauke. Sein Credo: „ Niedersachsen ist aufgrund der Standortvorteile Gunststandort. Hier passt einfach alles zusammen, natürliches Grünland, ausreichend Niederschläge sowie das Know-how der Milcherzeuger. Herr Ripke betont, dass es dennoch nicht ausreichen wird, den Status quo zu konservieren. „Wir brauchen eine nachhaltige und stetige Betriebsentwicklung“, so der engagierte Staatssekretär. Kostendegression, Größenwachstum, Leistungssteigerung und Technisierung unter Beachtung von Rentabilitätsaspekten prägen das Handeln der Milchviehhalter im globalisierten Markt“( Quelle: WEU).
„Durch eine steigende Weltbevölkerung und auch wegen des wachsenden Wohlstandes ergebe sich ein enormes Weltmarktpotential für Milcherzeugnisse, an denen auch die Milch- und Molkereiwirtschaften aus Niedersachsen teilhaben wollen. „Dazu müssen Betriebe wachsen und innovativ handeln“(Quelle: topagrar vom 21.10.2010).
Platt formuliert und nicht überzeugend !
Das sind griffige Formulierungen jener Wachstumsfetischisten, wie sie bundesweit zu finden sind( siehe Schleswig-Holstein u. a. ). Zu welchem Preis die Milchbauern den Weltmarkt erobern sollen sagen die Wachstumsfetischisten den Bauern( natürlich) nicht.
Erschreckende Wissenslücken des Staatssekretärs Ripke !
Ø Herr Ripke nimmt einfach nicht zur Kenntnis, dass gerade die Überproduktion u.a. Ursache der noch lange nachwirkenden Milchkrise ist und war.
Ø Herr Ripke nimmt einfach nicht zur Kenntnis, dass trotz (zurzeit??) steigender Milchpreise eine Vollkostendeckung noch immer nicht erreicht ist.
Ø Herr Ripke nimmt einfach nicht zur Kenntnis, dass „sein“ Anheizen der Produktion ohne Markt den Milchbauern den nächsten Kollaps bescheren wird.
Ø Herr Ripke nimmt einfach nicht zur Kenntnis, dass der Europäische Rechnungshof eine dem Markt angepasste Produktion anmahnt.
Ø Herr Ripke nimmt einfach nicht zur Kenntnis, dass „unsere“ Milchviehbetriebe international nicht wettbewerbsfähig sind.
Exkurs: Vollkosten der Milchproduktion gemäß DLG-Standard
DLG- Spitzenbetriebe ( Auswertung 2008/2009 250 Betriebe)
| Region | Produktionskosten/Vollkostengemäß DLG—Standard kg/Cents | Durchschnittliche Anzahl der Kühe je Betrieb |
| West | 39,00 | 132 |
| Ost | 36,90 | 336 |
| Nord | 35,90 | 161 |
| Süd | 39,10 | 90 |
| Durchschnitt | 37,60 | 139 |
Das bedeutet, dass auch die Spitzenbetriebe (hier handelt es sich um die Creme de la Creme) im internationalen Wettbewerb nicht mithalten können. Denn Experten gehen davon aus, dass die weltweiten Gunstregionen in Zunft die Höhe des Milchpreises bestimmen werden. Und diese Gunstregionen liegen nicht in Europa. Man rechnet in Zukunft mit Weltmarktpreisen je kg Milch von 24-27 Cents/kg Milch.
Ø Herr Ripke nimmt einfach nicht zur Kenntnis, dass der Europäische Rechnungshof den Export von Milchprodukten in Drittländer im Großen und Ganzen für nicht zielführend hält.
Ø Herr Ripke nimmt einfach nicht zur Kenntnis, dass nach Angaben der FAO die EU- Exporte von Milchprodukten in Drittländer bis 2018 um 6-7 % zurückgehen werden.
Ø Herr Ripke nimmt einfach nicht zur Kenntnis, dass der Weltmarkt kein Tummelplatz für EU-Milchprodukte ist.
Die permanente Ignoranz des Staatssekretärs gegenüber markt-und betriebswirtschaftlichen Gegebenheiten schlägt dem Fass den Boden aus. Mit dieser abenteuerlichen Wachstumspolitik gefährdet Ripke die bäuerlichen Familienbetriebe.
Dazu passen die neusten Meldungen: „Die Preise auf der Internetauktion der neuseeländischen Molkerei Fonterra sind gestern um 2,5 % gefallen. Vor allem die Magermilchpulverpreise gaben nach. Sie sanken im Schnitt um 4,7 % auf 2.214 € (3.072 $) pro Tonne. Die Preise für kurzfristige Lieferungen fielen beim Magermilchpulver sogar um 6,9 %. Insgesamt wurde ein Volumen von 8.500 Tonnen gehandelt. Die Preise für Vollmilchpulver gingen um 1,1 % zurück auf 2.511 € (3.484$) pro Tonne. Das Handelsvolumen stieg um 2000 Tonnen auf 24.000 Tonnen gegenüber der Auktion vor zwei Wochen. Auch die Preise für Butteröl und Buttermilchpulver gaben geringfügig nach. Butteröl kostete im Mittel 3.745 € (5.196$) pro Tonne, Buttermilchpulver 2.186 € (3.033$) pro Tonne“ (Quelle:topagrar vom 21.10.2010).
Wie die Handelsplattform Global Dairy Trade bekannt gab, verbilligte sich Magermilchpulver gegenüber der vergangenen Versteigerung am 5. Oktober im Durchschnitt um 4,7 Prozent. Für Ware zur Lieferung im Dezember 2010 wurde der Zuschlag bei 2.927,- US-Dollar (2.114,- Euro) pro Tonne erteilt. Vollmilchpulver zum vorderen Termin gab um 2,0 Prozent auf 3.485 US-Dollar (2.516 Euro) pro Tonne nach. Für spätere Liefertermine waren die Preisabschläge geringer. Quelle:. agrarheute vom 21.10.2010)
„Das französische Molkereiunternehmen Entremont hat die Milchpreise drastisch gesenkt. Für Oktober zahlt die Molkerei ihren Lieferanten nur noch 27,28 Cent pro kg Milch aus, so die französische Zeitschrift "le paysan breton". Das Unternehmen begründet den Abfall des Milchauszahlungspreises um rund 6 Cent mit der schlechten Lage auf dem Weltmarkt“ Quelle.topagrar vom 21.10.2010).
Anmerkungen : Ein Kommentar erübrigt sich ! Die Zahlen sprechen für sich!
Den globalen Wahn (Gier) des Fridrich Otto Ripke beantworten die Global-Player der Milchindustrie schon heute:
China: Zweiter Betrieb geplant :Fonterra-Vorstandschef Andrew Ferrier unterzeichnete außerdem in Peking einen Vertrag über die Investition von umgerechnet 23 Millionen Euro in eine großangelegte Milchviehhaltung im Kreis Yutian, etwa 100 Kilometer östlich der chinesischen Hauptstadt. Nach einer 2007 gegründeten Pilotanlage in Hangu, die mittlerweile auf 6.000 Milchkühe aufgestockt wurde, ist dies der zweite Betrieb, den Fonterra in der Volksrepublik aufbaut. Ferrier sagte, "wir wollen langfristig in die Entwicklung der lokalen Milchindustrie investieren".Netz von Großbetrieben geplant: Der neue Betrieb soll nach zwölf Monaten Bauzeit im November 2011 mit 3.000 aus Neuseeland importierten Milchkühen die Produktion aufnehmen. Fonterra will durch ein Netz von eigenen Großbetrieben die Versorgung seiner Produktionsanlagen in China mit Milch aus qualitativ einwandfreien, rückverfolgbaren Quellen sicherstellen. (aiz)
Anmerkungen: Das ist erst der Anfang einer Entwicklung, die mehr und mehr durch die Global-Player der Milchindustrie in Zukunft geprägt wird. Im globalen Geschäft der Milch- Multis spielen die europäischen Milchbauern nur noch eine untergeordnete Rolle, denn sie sind nicht wettbewerbsfähig. Ihnen wird in Zukunft nur noch der Frischmarkt vor Ort vorbehalten bleiben, wenn man mal von einigen Prämienprodukten absieht. Jederzeit austauschbare Massenprodukte werden in Zukunft in den Gunstregionen der Welt produziert und durch die Vermarktungsstrukturen der Milch-Multis in Europa vertrieben. Was das für die Milchbauern bedeutet, zeichnet sich heute schon ab. Der Überlebenskampf der Milchviehbetriebe verschärft sich weiter, die Kapitalauszehrung der Betriebe nimmt zu, die Strukturen werden im „Westen“ sich „zwangsläufig“ denen des „Ostens“ anpassen „müssen „und als „vorläufiges Ergebnis“ müssen über 75% der Milchviehbetriebe die Segel streichen. Das sind die Folgen der Wachstumspolitik a la Ripke.
Die Frage ist nur : Wer stoppt den Amoklauf des Herrn Ripke?
Müssen es über 800 Kühe sein?
Erstaunt lauschten die Zuhörer einem weiteren Referenten zu. Seines Zeichens Manager der Milchfarm Rischendorf AG mit 800 Kühen und Erweiterungsmöglichkeiten auf 1600 Kühe. Das scheint dem Manager noch nicht genug zu sein: Claus Luerßen plant eine Biogasanlage und einen neuen Trockenstellerstall. „Stillstand ist Rückgang“, so seine Maxime. Leider konnte ich keine belastbaren betriebswirtschaftlichen Zahlen in Erfahrung bringen. Nur so viel:
Das Geheimnis um die Vollkosten!
Oder: Für jeden ist etwas dabei!
„Claus Luerßen, Rischenhof KG, Uthlede, 500 Kühe: „Wir erhalten von der Molkerei Rücker derzeit 19 Cent netto. Mit allen Zuschlägen und Mehrwertsteuer sind das noch 24 Cent. Für uns steht im Moment die Liquidität vorne an. Entscheidend sind Milchertrag und variable Kosten in Euro je Kuh und Tag. Wenn wir Vollkosten berücksichtigen, dann erreichen wir momentan keine schwarze Null“(Ouelle dlz vom 23.03.2009)
Sind Betriebe unter 240 Kühen out?
Ab welchen Milchpreis Luerßen die Vollkostendeckung erreicht lässt er offen. Hier darf weiter spekuliert werden. Da aber Spekulation ein schlechter Ratgeber ist, bemühe ich mal wissenschaftliche Studien. Prof. Dr. Uwe Latacz-Lohmann, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, hat in einer Studie, die er anlässlich der Hülsenberger Gespräche 2010 vorstellte, festgellt, dass Milchviehbetriebe mit Lohnarbeitsverfassung schlechter dastehen, als Betriebe mit Familienarbeitsverfassung. Für einen 700 Kuhbetrieb mit Lohnarbeitsverfassung kommt Prof. Dr. Latacz-Lohmann auf Vollkosten von zirka 27,5 Cents je kg Milch. Damit liegt der in Lohnarbeitsverfassung betriebe Milchviehbetrieb um zirka 2 Cents je kg Milch höher in der Vollkostenrechnung als der Familienbetrieb mit 240 Kühen.
Differenzen tun sich auf!
Diese Zahlen weichen deutlich von den Vollkosten der DLG-Elite-Betriebe ab, deshalb sind diese „wissenschaftlichen Ergebnisse“ mit Vorsicht zu betrachten. Hier scheint zum Teil eine „wissenschaftliche“ Optimierung aller Stellschrauben vorgenommen worden zu sein, die für den Durchschnittsbetrieb nicht relevant ist.
Als Beispiel nicht zu gebrauchen!
Angesichts dieser Fakten stellen sich natürlich folgende Fragen: Was soll das Herausstellen eines solchen Betriebes? Was können wir daraus ableiten und lernen? Passen solche Betriebsgrößen in die strukturelle Vielfalt unserer bäuerlichen Landwirtschaft? Diese Fragen sind unterschiedlich zu beantworten. Zum einen können die Erfahrungen des Managements zur Hilfestellung im eigenen Betreib verwandt werden. Zum anderen muss man klar erkennen, dass solche Betriebsgrößen Umweltbelastungen potenzieren und Strukturen voraussetzen, die in den alten Bundesländern nicht gegeben sind. Darüber hinaus sind Lohnarbeitsverfassungs -Betriebe den Familienbetrieben in der Wettbewerbskraft unterlegen.
Ein Umdenken ist erforderlich!
Quintessenz: Beide Betriebstypen können zu Weltmarktbedingungen nicht produzieren. Deshalb ist ein Umdenken erforderlich. Denn Wachstum um jeden Preis führt zur Überproduktion und damit zu einem erneuten Kollaps am Milchmarkt. Deshalb muss die Produktion dem Bedarf anzupassen werden.
Das ist ein Mann von gestern!
Es liegt nun an den Milchbauern selbst die Chancen zur Selbstbestimmung zu ergreifen. Vorschläge gibt es genug! Sie müssen nur umgesetzt werden! Beim Umsetzen der Vorschläge kann man den „Wachstumseinpeitscher“ Friedrich Otte Ripke getrost vergessen. Das ist ein Mann von gestern!
Wehret den Anfängen!
Übrigens: Es stellte sich noch ein weiterer Milchbauer vor, der allerdings nur 150 Kühe zu bieten hatte. Deshalb oder nur deshalb war er für die Berichterstattung der Fachpresse (Wachstumsplattform) nicht interessant genug. Es wurde kaum über den Betrieb berichtet. Diese Betriebsgrößen hat man wohl (schon) nicht mehr mit auf der Rechnung. Oder ? Wehret den Anfängen!