Milchkriese:Schleswig-Holstein - Bauernverband muss Farbe bekennen!

Veröffentlicht auf von Karl-Dieter Specht

EMB-Fougeres-13-09-10-015-TMilchkrise: Schleswig-Holstein – Eliten mit 240 Kühen in Zukunft unter sich ?

Oder: Sollen 4.067 Milchviehbetriebe durch den Rost fallen?

Der Bauernverband muss Farbe bekennen!

 

 

Kommentar vom SV Karl-Dieter Specht

 Der schleswig-holsteinische Staatssekretär im Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume, Ernst Wilhelm Rabius, hat   eine Studie des IFCN zu den Entwicklungsmöglichkeiten von Milchviehbetrieben in Dauergrünlandregionen von Schleswig-Holstein  in MEGGERDORF(Kreis Schleswig -Flensburg). vorgestellt. Dabei stellte Rabius zu Recht fest, dass die Produktionskosten, trotz Optimierung, nicht wesentlich weiter gesenkt werden können.

Exkurs: Hier speziell am Beispiel der  Eider-Treene-Flusslandschaft. Die Rückkopplung auf den Durchschnittsbetrieb des IFCN (90 Kühe mit Nachzucht, 95 ha LN, davon 54 ha Dauergrünland) lässt es zu, dass die ermittelten Daten eine Aussagekraft für ganz Schleswig-Holstein (Norddeutschland) haben. Denn die Betriebsdaten des IFCN-Betriebes  sind fast identisch mit  denen  der Rinderspezialberatung.  Allerdings ist die Vollkostenermittlung des IFCN nicht ganz identisch mit der Vollkostenermittlung gemäß DLG-Standard (Rinderspezialberatung).  Prof. Dr. Uwe Latacz-Lohmann stellte in einem Gespräch, das ich auf der  Euro/Tier in Hannover mit ihm führte, fest, dass es zwar Unterschiede in der Bewertung gibt, die jedoch (fast) zu vernachlässigen sind.

 

Beschränkt sich die Datengrundlage nur auf die Elitebetriebe?

Der Durchschnittsbetrieb in Schleswig-Holstein, der von der Rinderspezialberatung betreut wird, hat zurzeit 90,5 Kühe und produziert die Milch gemäß Vollkostenrechnung zu  39,54 Cents/kg/Milch (WJ 2008/2009). Jedoch gehen die Experten  der Studie nicht vom Durchschnittsbetrieb gemäß Rinderspezialberatung aus, die ja „nur“1.193 Milchviehbetriebe von insgesamt 5.260 Milchviehbetrieben in Schleswig-Holstein betreut, das sind „nur“ 23 Prozent der Gesamtbetriebe. Nein, der Durchschnittsbetrieb ist nicht von Belang, sondern die Spitze, also die 25 Prozent  der besten Betriebe. Davon gibt es in Schleswig-Holstein 298 Betriebe, also mal 6 Prozent aller Betriebe. Die „restlichen 4.067 Milchviehbetriebe“, die nicht der Rinderspezialberatung angehören, mit einem durchschnittlichen Kuhbestand je  Betrieb von 62 Kühen, sollen (oder werden) wohl durch den Rost fallen(müssen).

 

Auch die optimierten Spitzenbetriebe sind nicht weltmarktfähig

 Von diesen 298 Betrieben wiederum „selektierte“ man 8 Betriebsleiter aus, die mit Wissenschaftlern, Beratern und Praktikern= (Panel:Personenidentische Mehrfachbefragung) durch Optimierungsprozesse  versuchten ein vorgegebenes Ziel, die Vollostendeckung bei einem durchschnittlichen Milchpreis von 27 Cents/kg/Milch (netto), zu erreichen. Was dabei rauskam ist wissenschaftlich zwar interessant, jedoch meiner Ansicht nach nicht praxistauglich, da hypothetische Annahmen das Ergebnis beflügelten. So kommt die Studie zum Ergebnis, dass die Spitzenbetriebe gemäß Rinderspezialberatung, auch unter optimierten Bedingungen, für den Weltmarkt nicht produzieren können. In diesen optimierten Betrieben(Elite) laufen, so die Studie, noch immer Vollkosten von über 33,00 Cents/kg/Milch auf. Alle durchgespielten Varianten brachten keine „wesentlichen“ Produktionskostenveränderungen.

 

Exkurs: Weltmarktbedingungen

Die EU hat im Rahmen der laufenden WTO-Verhandlungen angeboten, im Rahmen eines erfolgreichen Abschlusses die noch vorhandenen Exporterstattungen bis 2013 abzuschaffen. Deutschland unterstützt dabei nachdrücklich die Forderung der EU, alle Formen handelsverzerrender Exportsubventionen abzuschaffen. Dies betrifft neben Exporterstattungen der EU auch staatliche Exportmonopole (insbesondere angewendet in Australien, Neuseeland, Kanada), subventionierte Exportkredite (insbesondere USA) sowie bestimmte Arten der "Nahrungsmittelhilfe" zur systematischen Beseitigung von Überschüssen außerhalb humanitärer Notlagen (USA)-Quelle: Bundesdrucksache 534/09B

 

D.h. im Klartext: In Zukunft werden alle Exportsubventionen abgebaut. Somit wird dann der Weltmarkt voll auf die Milchwirtschaft durchschlagen. Das zurzeit herrschende Sicherheitsnetz tritt erst bei 21,5 Cents/kg/Milch in Kraft. In vielen Milchviehbetrieben decken die 21,5 Cents noch nicht einmal die variablen Kosten(die variablen Kosten der Elite-Betriebe in Schleswig-Holstein lagen im WJ 2008/2009 bei 22,38 Cents/kg Milch/ECM).

 

Es wird so lange optimiert - bis das Ergebnis stimmt!

Lediglich der Quantensprung von dem klassischen Kuhbetrieb mit 90,5 Kühen (Rinderspezialberatung) auf über 240 Kühe/Betrieb könnten, so die  Studie,  Vollkosten  von zirka 27,00 Cents/kg/Milch erreicht werden. Dabei wird unterstellt, dass zur Bewältigung des Arbeitsanfalls 2 Fremd-AK eingestellt werden müssen. Der Studie nach lässt sich in diesen vorgezeichneten Größenrahmen gegenüber dem Durchschnittsbetrieb zirka 6Cents/kg/Milch an Kosten einsparen. Vergleicht man diese Studie mit den Auswertungen von Prof. Dr. Uwe Latacz-Lohmann, so ist das Ergebnis fast identisch, jedoch mit einer Ausnahme: Das Ergebnis wird nach Berechnungen von Prof. Dr. Uwe Latacz-Lohmann  nur im Rahmen einer Familienverfassung erreicht. In einer Fremd-AK-Verfassung  werden für die gleiche Betriebsgröße zirka 31 Cents/kg/Milch ausgewiesen. Hier ist Klärungsbedarf angesagt. Auch die hypothetische Annahme eines „Weltmarktmilchpreises von 27,00 Cents/kg/Milch“, um den geht es ja bei einer weiteren Liberalisierung, wird durch nichts belegt. Es ist einfach eine willkürlich festgelegte Annahme. Legt man den durchschnittlichen Weltmarktmilchpreis der letzten 9 Jahre (2000-2009) zugrunde, dann errechnet sich im arithmetischen Mittel ein durchschnittlicher Weltmarktmilchpreis (Milchäquivalent) von   20,90 Cents/kg/Milch(Quelle: EU). Auch die ermittelten Leistungsdaten sind Modellrechnungen (Modellierung), die sich zum Teil auf Ergebnisse der Rinderspezialberatung der 25% besten Betriebe stützen. D.h. heißt im Klartext:

 

Eliten unter sich?

Nur die „Betriebsergebnisse“ der sechs Prozent besten Milchviehbetriebe in Schleswig-Holstein, einschließlich der Optimierungskalkulationen, waren und sind die Voraussetzungen, um diese Ergebnisse vorzulegen. Zwar hat diese Studie einen gewissen wissenschaftlichen Charme; sie ist jedoch  für die Praxis nur begrenzt zu verwenden, weil:

Ø  Das Datenmaterial sich nur aus den sechs Prozent der besten Milchviehbetriebe des Landes rekrutiert, und sich damit die Ergebnisse nicht so ohne weiteres auf die restlichen 94 Prozent der Betriebe übertragen lassen.

Ø  Eine Diversifizierung, wie sie vorgeschlagen wird,  führt nicht immer zu besseren Ergebnissen (siehe Berechnungen von Prof. Dr. Uwe Latacz-Lohmann).

Ø  Auch die Strukturen in Schleswig-Holstein lassen eine flächendeckende Einrichtung solcher Betriebsgrößen(fast) nicht zu.

Ø  Bei Zugrundelegung eines hypothetischen Milchpreises von 27 Cents/kg/Milch

müssten von den zurzeit 5.260 Milchviehbetrieben 3.756 Milchviehbetriebe ausscheiden, da sie keine Vollkosten mehr erwirtschaften. Das wären 71 Prozent der Milchviehbetriebe in Schleswig-Holstein!

Ø  Der Flächenbedarf für die Milchviehhaltung steht in Konkurrenz zum Flächenbedarf  für die Biogasproduktion. Eine Wettbewerbsgleichheit zwischen Milch- und Biogasproduktion ist erst dann gegeben, wenn der Milchpreis auf 34 Cents/kg/Milch nachhaltig steigt. Bei einem angenommenen Milchpreis von 27 Cents/kg/Milch ist das nicht gegeben.

 

Was sagt und das ?

Die in der Studie ausgewiesenen Vollkosten sind das Ergebnis der Auswertung von Spitzenbetrieben in der Kombination mit weiteren Optimierungen, die für die Praxis nicht (bedingt) anwendbar sind. Insoweit besitzt diese Studie nur informativen  Charakter. Weiter zeigt die Studie deutlich, dass auch die besten Milchviehbetriebe (kalkulierte Elite) zu Weltmarktbedingungen ebenfalls (noch) nicht produzieren können( siehe auch den Sonderbericht des Europäischen Rechnungshofes ECA/09/93). Deshalb macht es keinen Sinn flächendeckend Betriebsstrukturen zu zerstören, um an deren Stelle neue und größere  zu errichten, die am Ende ebenfalls international  nicht wettbewerbsfähig sind.

 

Der Bauernverband und die Milchindustrie müssen die Fakten anerkennen!

Diese Fakten müssen endlich durch den Bauernverband und durch die Milchindustrie anerkannt werden, wenn nicht zirka 3.800 Milchviehbetriebe „über die Wupper“ gehen sollen. Daraus leitet sich ab, dass der Weltmarkt zurzeit nicht „der Problemlöser“ der Milchwirtschaft Ist. Tatsache ist, dass auch in Schleswig-Holstein der Durchschnittsbetrieb gemäß Rinderspezialberatung nicht wesentlich unter 40Cents/kg/Milch produzieren kann.  Zum Durchschnittsbetrieb der Rinderspezialberatung in Schleswig-Holstein zu gehören heißt: Zu den größten und besten Betrieben im Land zu zählen, die im Schnitt 91,5 Kühe halten. Der „Rest“ hält nur 62 Kühe, das sind immerhin 77 Prozent  aller Milchviehbetriebe in Schleswig-Holstein.

 

Beratung ist nötig  und nicht Wachstum um jeden Preis

 D.h. die meisten Milchviehbetriebe, also  77 Prozent, nehmen die Rinderspezialberatung nicht in Anspruch. Ein Ergebnis, das betroffen macht. Hier muss der Hebel angesetzt werden. Ein interessantes und auf die „bäuerliche Bedürfnisse“ abgestimmtes Beratungsprogramm  muss her, das auch (fast) alle Milchbauern mitnimmt. Dabei dürfen theoretische Modellrechnungen nicht das Maß der Dinge sein, sondern die  in der breiten Praxis ermittelten (guten) Ergebnisse sind zu verfestigen. „ Kalkulierte Eliten“ können nicht zum Maßstab politischer und verbandspolitischer Entscheidungen werden. Deshalb muss das Geschrei nach Wachstum um jeden Preis als Ausfluss unternehmerischen Handelns der realen Lage angepasst werden, damit sich die Milchviehbetriebe nicht finanziell totwachsen (siehe das Beispiel  der USA). Hier tragen Politik,  Bauernverband und  Milchindustrie gegenüber den bäuerlichen Familienbetrieben eine hohe Verantwortung. Hoffentlich wird diese Verantwortung auch wahrgenommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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