Milchkrise: Deutsche Milchindustrie will den Weltmarkt erobern!
Milchkrise: Deutsche Milchindustrie will den Weltmarkt erobern!
Oder: Fonterra (Molkerei in Neuseeland) und die anderen Global-Player müssen sich in Zukunft warm anziehen!
Kommentar vom SV Karl-Dieter Specht
Was nicht anders zu erwarten war ist eingetreten: Dr. Engel, seines Zeichens Hauptgeschäftsführer der Hochwald Nahrungsmittelwerke GmbH, Vorsitzender des Vorstandes der Muttergesellschaft Erbeskopf Eifelperle eG und Vorsitzender des Milch-Industrie-Verbandes (MIV) legt nach! Nicht um 24 Prozent soll „“sein Unternehmen“ wachsen, das wäre zu banal. Nein, die Verarbeitungsmenge soll von 2 Mrd. kg Milch/a auf 3 Mrd. kg Milch/a steigen. Eine Steigerung um 50 Prozent. Damit hat Dr. Engel (bisher) den Vogel abgeschossen. Und was er damit anfangen will, steht auch schon fest. Dr. Engel : „Wir werden die Wertschöpfung unserer Produkte durch Internationalisierung und Wachstum erhöhen.“ Und wie sieht die Wertschöpfung aus? Dazu müssen erst einmal 100 Mio. Euro in die Hand genommen werden. Und wo wird investiert? In Anlagen für die Herstellung von Kondensmilch, Sprühsahne und in die Käseherstellung. Von der Entwicklung eigener Hausmarken ist nicht (mehr) die Rede. Dass von Dr. Engel angepeilte Wachstum lässt sich nicht über eigene Marken (Prämienprodukte) sicherstellen, die den Landwirten einen kostendeckenden Milchpreis garantieren, sondern Dr. Engel investiert in austauschbare Massenware, die er aufgrund seines angestrebten Wachstums auf dem Weltmarkt absetzen muss. Und da trifft er auf Global-Player wie Fonterra, Danone, Lactalis usw., die schon auf Dr. Engel warten. Man darf schon heute gespannt sein, wer sich da eine blutige Nase holt. Apropos blutige Nase: Die holen sich natürlich die Milchbauern! Das Gehalt von Dr. Engel ist – so sehen meistens die Anstellungsverträge der Molkerei-Manager aus - krisenfest. Einschläge Erfahrungen kann sich Dr. Engel bei Müller- Milch holen. Ein „kleiner Plausch“ wäre mit dem neuen Manager -Heiner Kamps -angebracht.
Exkurs: Vor vier Jahren etwa war es, da posaunte Ex-Bäckermeister Heiner Kamps heraus, dass er gemeinsam mit Milchmann Theo Müller einen gewaltigen deutschen Nahrungsmittelkonzern aufziehen wolle. Damals hatten die beiden gerade ihre unternehmerische Freundschaft besiegelt: der aus steuerlichen Gründen in die Schweiz gezogene und als starrsinniger Streithammel verschriene Müller und die feierfreudige, zuweilen etwas großmäulige rheinische Frohnatur Kamps, 25 Jahre jünger, ein Harley-Davidson-Fahrer, der sich seinen Namen einst auf den Arm tätowieren ließ(Quelle: Handelsblatt)
Diese Beiden wollen die Branche mal so richtig aufmischen!
Heiner Kamps war der Bäcker-König von Deutschland, ist der Kopf von „Nordsee“ und regiert die Salat-Welt von „Homann“ sowie „Nadler“. Für den 56-Jährigen ein Leichtes. DENN: Eigentlich liebt er die schwierigen Fälle. Vermutlich ein Grund, warum Duzfreund Theo Müller in nun auch noch zum Chef seines Molkerei-Unternehmens macht: „Müller Milch (Quelle: Bild)
Auch bei uns im Norden tut sich was!
Schleswig-Holstein: In einer geheimen Kommandosache wollen die genossenschaftlichen Meiereien Barmstedt, Schmalfeld-Hasenmoor, Wasbek und Uelzena eG ein neues Trockenwerk in Neumünster bauen. Die Genossen sollen demnächst informiert werden. Wie die Informationen aussehen, die können sich die Genossen im Vorwege bei ihren Kollegen der Nordmilch/Humana (DMK) und der Hansa-Meierei (Arla) erfragen. In der Regel sind die zu entscheidenden Maßnahmen alternativlos. Detaillierte Unterlagen zur Überprüfung der Entscheidungen erhalten die Genossen meistens nicht. Darauf müssen die Genossen bestehen! Nach dem Motto: Erst prüfen- und dann entscheiden!
Investitionsvolumen von 50 Millionen Euro
Investitionsvolumen: 50 Mio. Euro. Anmerkung: Gemäß Wertschöpfungsindex von Lina Steffens ( Uni Göttingen) rangiert der Uelzena-Konzern an letzter Stelle der Skala. Das Unglaubliche: Es wird in ein nicht auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähiges Produkt investiert bei gleichzeitigem Wachstum in einen sensiblen Markt hinein! Eine existenzvernichtende Kombination für die Milchbauern! Der Europäische Rechnungshof hat dazu eine klare Aussage getroffen. Die strikte Weigerung über marktangepasste Maßnahmen zu beraten, treibt wieder einmal bizarre Blüten. Jeder für sich und alle gegeneinander setzt den Verstand außer Kraft, führt zu unüberlegten Handlungen, deren Ergebnisse die Milchbauern zu tragen haben. Diese Entwicklung macht deutlich, dass es der Milchindustrie (sprich Genossenschaften, die sind am Meisten davon betroffen)) nicht - wie oft von ihnen behauptet - um eine höhere Wertschöpfung geht sondern um Massenproduktion für den Weltmarkt. Die bedingungslose Ausrichtung auf den Weltmarkt lässt keine kostendeckende Milchpreise für die Milchbauern zu. Das ist der Preis, den die Milchbauern in Zukunft zu zahlen müssen für eine unbegrenzte Milchproduktion, die die Milchindustrie und der Bauernverband den Milchbauern immer wieder zugesichert und aufgedrängt haben.
Wachstum auf Pump mit hohem Risiko!
Da das angestrebte Wachstum bei den Genossenschaften nicht aus eigener Kraft finanziert werden kann, wird auf Pump investiert (siehe Arla). Zunehmend müssen fremde Kapitalgeber mit ins Boot geholt werden, die sich natürlich das Risiko bezahlen lassen und Einfluss auf die Unternehmen nehmen. Verzinsungen dieser „ privaten Einlagen“ von über 16 Prozent sind keine Seltenheit (siehe Humana). Dadurch wird der Einfluss der genossenschaftlich organisierten Milchbauern auf ihr Unternehmen immer weiter zurückgedrängt, und der Milchpreis spielt in der Unternehmensstrategie nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Milchbauern werden in ihren eigenen Genossenschaften zu Bittstellern. Diese Entwicklung zeigt einmal mehr, dass die heutigen Genossenschaften mit ihren „ausgegliederten Unternehmen“ nicht mehr mit Erzeugergemeinschaften gleichzusetzen sind. Deshalb muss der Sonderstatus, der ihnen eingeräumt werden soll, vom Europäischen Parlament abgelehnt werden.