Milchkrise : Die Droge Weltmarkt
Milchkrise : Die Droge Weltmarkt
Oder: Wer bietet mehr an Wachstum?
Kommentar vom SV Karl-Dieter Specht
Voller Stolz präsentieren zurzeit die „Milch-Staaten“ die Ergebnisse ihrer Exportoffensiven und übertreffen sich gegenseitig mit ihren Wachstumsprognosen!
So verkünden die USA:
Ø Export von Milchprodukten in den ersten 4 Monaten um 32 Prozent auf über 400.000 Tonnen gestiegen.
Ø Magermilchpluver um 79 Prozent!
Ø Käse um 68 Prozent!
Das ist aber noch nicht genug. Man will mehr! Die US-Milchindustrie will die Märkte im „Nahen Osten“, Russland und im“ Fernen-Osten“ erobern. Sie braucht diese Märkte, da der Verbrauch an Milchprodukten in den USA stagniert bzw. zu langsam steigt.
So verkündet Neuseeland:
Ø Export von Milchprodukten steigt um 22 Prozent auf 2 Mio. Tonnen.
Ø Die Milchproduktion wird in den nächsten Jahren um 18 Prozent ansteigen.
Mit dieser Offensive will Neuseeland seine Vormachtstellung als Exportland Nr. 1 festigen und weiter ausbauen. Neuseeland will sich die Butter nicht vom Brot nehmen lassen
So verkündet Irland:
Ø Nach Quotenende Steigerung der Milchproduktion um 50 Prozent auf dann 27,5 Mio. Tonnen.
Mit dieser Offensive wollen die Iren primär den europäischen Markt mit preiswerten Milchprodukten beliefern. Der Plan heißt: Food Harvest 2020". Dieser Plan soll Irland ganz nach vorne bringen, denn so die Meinung der irischen Experten, hat Irland aufgrund der natürlichen Bedingungen Wettbewerbsvorteile, die Irland konsequent nutzen will.
So verkündet die Ukraine:
Kiew - In den kommenden drei bis vier Jahren will die Ukraine ihr jährliches Milchaufkommen auf rund 15 Millionen Tonnen steigern. Vergangenes Jahr produzierte das Land 11,25 Millionen Tonnen Milch.
Auch die Ukraine will die Milchproduktion weiter ausbauen. Um zirka 33 Prozent soll die Milchproduktion steigen. Diese Mengen werden zusätzlich in den Export gehen.
Und was macht China?Dr. Hemme: Die andere Hälfte der Wahrheit ist, dass gleichzeitig die inländische Milchproduktion in China so schnell wie nie zuvor gestiegen ist: und zwar um 27 % pro Jahr zwischen 2000 und 2005. Nach den Erhebungen des IFCN vor Ort erreichen Spitzenregionen in China Wachstumsraten von über 50% pro Jahr. Das bedeutet, dass innerhalb von 5-6 Jahre ein Milchproduktionsland von der Größe Kanadas entstanden ist. Fakt ist: Die inländische Produktion von Milch ist schneller angestiegen als der inländische Milchverbrauch. Nach den IFCN Analysen ist der Selbstversorgungsgrad in China von 90 auf 93% gestiegen.
So verkündet Schleswig –Holstein:
Ø Die Milchproduktion kann nach Quotenende um 1, 7 Mio. Tonnen auf insgesamt
4 Mio. Tonnen gesteigert werden. Das wäre immerhin eine Zunahme um zirka 75 Prozent!
Ø Schleswig-Holstein ist Gunststandort und die Kapazitätsgrenze ist noch lange nicht erreicht. Hier ist noch viel Luft nach oben.
Betrachtet man die Erwartungen, Absichten, und Aussagen der einzelnen Länder und Regionen (die Aufzählung ließe sich beliebig erweitern), dann scheint es nur einen Weg zu geben: Ausweitung der Milchproduktion um jeden Preis. Jeder ist sich selbst der Nächste! Bedenkenträger, die vor einem unkontrollierten Wachstum warnen, werden ganz einfach beiseitegeschoben. „In der Zeit des internationalen Aufbruchs müssen die Chancen am Weltmarkt ergriffen werden“, heißt es von Seiten der Milchindustrie, der Politik und des Bauernverbandes. Immerhin sind in der Milchindustrie über 36.000 Mitarbeiter beschäftigt und diese Beschäftigung gilt es zu sichern. Das kann nur geschehen, indem die Milchbauern noch mehr Milch zu noch günstigeren Kosten produzieren. Denn es gilt, den Weltmarkt zu erobern. Dass dabei die anderen Marktpartner ein Wörtchen mitsprechen wollen, wird geflissentlich übersehen. Diese verfügen (meistens) über günstigere Produktionsbedingen und können somit den Fehdehandschuh aufnehmen. Dazu passt eine Aussage vom IFCN:
Herr Ndambi vom IFCN: Zwar sind die Produktionskosten im Vergleich viel höher, aber durch Subventionen und andere staatliche Produktionsanreize wird dort viel mehr Milch produziert als verbraucht wird. Die Überschüsse werden dann zu Niedrigstpreisen auf dem Weltmarkt angeboten und verzerren diesen dadurch. Herr Ndambi sprach sich dafür aus, dass der Handel genau in die andere Richtung gehen sollte, also von den Ländern mit den niedrigen Produktionskosten in den Entwicklungsländern in die Industriestaaten mit den hohen Produktionskosten. Auf diese Verzerrung des Marktes führt das IFCN auch den Sachverhalt zurück, dass die Volatilität des Milchpreises auf dem Weltmarkt noch höher ist als die von Kaffee und Kakao (Quelle: Brot für die Welt)
Die Aussage von Herrn Ndambi macht deutlich, dass es bei dieser Auseinandersetzung nicht um einen fairen Wettbewerb geht, sondern um eigene wirtschaftliche Interessen, die notfalls auf den Rücken der Schwächeren ausgetragen werden. Um das zu erreichen, muss im Notfall der Steuerzahler herhalten. Die von vielen Experten geforderte und prognostizierte Wanderung der Milch zu den Gunststandorten lässt man, wenn es um die eigenen Interessen geht, für die internationalen Mitbewerber nicht gelten. Im Gegenteil:
Man schützt sich vor billigen Importen durch Außenschutzzölle. Vor diesem Hintergrund ist es unverständlich, dass die Milchindustrie, der Bauernverband und die Politik diese Wachstumskeule schwingt. Das Anheizen der Produktion in einem internationalen Markt, indem die Milchbauern nur teilweise (Prämienprodukte) wettbewerbsfähig sind, ist ein Anschlag auf die Existenz der bäuerlichen Familienbetriebe. Unter Berücksichtigung aller Umstände ist die Wettbewerbsfähigkeit der bäuerlichen Familienbetriebe international nicht gegeben. Wer trotz dieser Fakten weiter auf Wachstum - ohne den Markt zu beobachten - setzt, der will die bäuerliche Kulturlandschaft verändern.