Milchkrise: Möglichkeiten zur Milchmengensteuerung nach Quotenende

Veröffentlicht auf von Karl-Dieter Specht

EMB-Fougeres-13-09-10-015-T

Milchkrise:  Möglichkeiten  zur Milchmengensteuerung nach Quotenende

 

Kommentar vom SV Karl-Dieter Specht

 

Die sich abzeichnende Zunahme der Milchproduktion weltweit und insbesondere in Europa wirft brennender denn je die Frage auf, wann rollt die nächste Milchkrise auf Europa  zu! Von Verantwortung gegenüber den bäuerlichen Familienbetrieben ist wenig zu spüren. Selbst genossenschaftliche Unternehmen unterbieten sich gegenseitig im Preiskampf zu Lasten der Milchbauern, obwohl sie gemäß Satzung zur Stärkung der Wirtschaftskraft ihrer Genossen verpflichtet sind.  Diese Politik des „Jeder gegen Jeden“ benachteiligt eindeutig die bäuerlichen Milchviehbetriebe, die die  ihnen zugewiesenen gesellschaftlichen, umwelterhaltenden  und kulturellen Aufgaben dann nicht mehr wahrnehmen können. Es ist eine Illusion zu glauben, dass der Markt alles regelt. Alle bisher vorgeschlagenen Maßnahmen kommen ohne die Hilfe des Staates nicht aus. Deshalb braucht es Regeln, die die Interessen aller berücksichtigen. Und dies geht  nicht ohne verbindliche Regeln für alle! Absichtserklärungen alleine genügen nicht mehr.  Sie dienen nur jenen, die sich einseitige Vorteile davon versprechen. Bei den jetzigen Modellen geht es im Kern um zwei vom Grundsatz her unterschiedliche  Denkansätze, die gegensätzliche Ziele verfolgen:

 

Ø  Die von der Milchindustrie gesteuerten Modelle setzen auf den Weltmarkt. Nach dem Motto: Der Markt ist das Ziel und nicht das Milchgeld an die Milchbauern.

Ø  Die von den Milchbauern gesteuerten Modelle gehen von einem

       angemessenen Milchpreis an die Milchbauern aus. Nach dem Motto: Der angemessene Milchpreis ist das Ziel und nicht nur der Markt.

Modelle zur Milchpolitik nach Quotenende

Vorteile

 

Nachteile

 

Bemerkungen

     Industriegesteuert

Modell: MIV

Angebot und Nachfrage regeln den Preis, das gilt auch am Milchmarkt. Steigt der Preis für Milchprodukte so schnell wie letzten Herbst, geht die Nachfrage zurück. Ein hoher Milchpreis fördert die Milchproduktion und Übermengen drücken dann auf den Markt. Auf der Nachfrageseite wirken hohe Produktpreise absatzdämpfend und verschlechtern die internationale Wettbewerbsposition

 

 

 

 

 

Die Vorteile dieser Marktstrategie liegen ganz bei der Milchindustrie. Sie will wachsen. Das kann sie nur, wenn sie bei der Produktionsausweitung freie Hand hat. Ziel  ihrer Ambitionen ist der Weltmarkt. Und der Weltmarkt verträgt, das hat die Vergangenheit gezeigt, keinen für die Milchbauern kostendeckenden  Milchpreis.

 

 

 

Diese Marktstrategie führt zu niedrigen Milchpreisen für die Milchbauern. Sie müssen sich im Wettbewerb gegen Mitbewerber durchsetzen, die kostengünstiger produzieren können. Das Beispiel USA macht deutlich, dass eine solche Strategie zur Kapitalauszehrung der Betriebe führt.

 

 

Eine solche Marktstrategie setzt gleiche Wettbewerbsbedingungen voraus. Diese sind jedoch nicht gegeben. insoweit kommt es immer wieder zu Eingriffen des Staates in das Markgeschehen. Daher ist die Aussage“ Angebot und Nachfrage regeln den Preis“ irreführend. Auch dieser so oft gepriesene freie Markt kommt ohne staatliche Eingriffe nicht aus. Und diese Eingriffe kosten dem Steuerzahler viel Geld. Auf der einen Seite werden Preise geschützt, um dann  die so produzierten Übermengen auf der anderen Seite wiederum mit Steuermitteln auf den Weltmarkt zu werfen. Angesichts der allgemeinen Finanzsituation ist mit einem finanziellen Ausgleich dieses Unsinns in Zukunft nicht mehr zu rechnen.

Modelle zur Milchpolitik nach Quotenende

Vorteile

 

Nachteile

 

Bemerkungen

    Industriegesteuert

 Modell:DBV

Die zentrale Botschaft des im Deutschen Bauernverband (DBV) erarbeiteten Konzepts zu diesem Thema ist, dass eine erfolgreiche und wettbewerbsfähige Milchproduktion in Deutschland nach dem Jahr 2015 keiner staatlichen Regelung mehr bedarf.

 

 

Mit dieser Aussage hat der DBV die Position der Milchindustrie (fast) übernommen. Die Vorteile liegen einzig und allein bei der Milchindustrie, die ungehindert wachsen kann.

 

Die Ablehnung jedweder Produktionsanpassung führt in den international nicht wettbewerbsfähigen Ländern – dazu gehört auch Deutschland- zu Preisen, die nicht kostendeckend sind. Aufgrund der ungünstigen Kostenstruktur lässt sich dieser Nachteil auch durch eine Hausse nicht ausgleichen. Eine Kapitalauszehrung der Betriebe ist die Folge.

 

 

Diese Strategie setzt  weiter auf die Hilfe des Staates:

Ø  Schutz vor Importen

Ø  Exportförderung

Ø  Intervention

Ø  Direktzahlungen

Mit Steuermitteln will man der Milchindustrie das Agieren auf dem Weltmarkt  ermöglichen. Ein maßgeschneidertes Modell für die Milchindustrie. In diesem Modell übernehmen die Milchbauern die Aufgabe, die Milchindustrie mit dem Rohstoff Milch zwingend kostengünstig, dem Weltmarkt angepasst, zu versorgen.

 

 

 

 

Modelle zur Milchpolitik nach Quotenende

Vorteile

 

Nachteile

 

Bemerkungen

Milchbauern-

gesteuert

 

Modell: BDM

Der BDM setzt sich für diese fünf Kernpunkte ein:

1. Der BDM fordert eine nachhaltige und vielfältige Milchwirtschaft.

2. Der BDM setzt sich für den Erhalt und Ausbau von Arbeitsplätzen ein sowie der wirtschaftlichen Stärke im Land ein.

3. Der BDM will eine Milchpolitik, deren Grundlage es ist, dass die deutschen Milchviehhalter von ihrer Arbeit grundsätzlich leben können.

4. Der BDM strebt ein Wirtschaften für die deutschen Milchviehhalter an, unabhängig von Steuergeldern des Staates.

5. Um Milchviehbetriebe nachhaltig bewirtschaften zu können, fordert der BDM einen fairen Milchpreis von mindestens 40 Cents pro Liter.

Im Gegensatz zu  den industriegesteuerten Modellen der Milchindustrie und des Bauernverbandes, die das Wachstum auf den globalen Markt ausrichten und dem sich die Milchbauern zu unterwerfen haben, stellt der BDM in den Mittelpunkt seines Handelns den bäuerlichen Familienbetrieb, der zu Weltmarktbedingungen nicht produzieren kann.

Deshalb macht es keinen Sinn unter diesen Voraussetzungen für den Weltmarkt- wie bisher- zu produzieren. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass eine solche Strategie die Existenz der bäuerlichen Milchviehbetriebe gefährdet.

Um dieses Ziel eines angemessenen Milchpreises zu erreichen, ist die Marktmacht der Milchbauern zu stärken. Der angemessene Milchpreis soll dabei als Leitlinie des Handels dienen.

 

 

Problematisch wird es sein, den kostendeckenden Milchpreis zu ermitteln, der sich in der Bandbreite zwischen 70 Cents/kg/ Milch und 34 Cents/kg/Milch bewegt. Darüber hinaus muss das Konzept in der EU abgestimmt werden, um Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden.

Ein solches auf die bäuerliche Existenz abgestimmtes Konzept kann zu höheren Verbraucherpreisen führen und damit teilw. zum Konsumverzicht. Dies wiederum in Verbindung mit eingeschränkten Exporten kann zu Produktionseinschränkungen führen, die gerecht zu verteilen wären. Dieses Modell entlastet die Steuerzahler und belastet die Verbraucher. In der Sache ist es ein Null-Summen-Spiel, da die  eingesparten Steuern den Verbrauchern wieder zu gute  kommen können.

Die Milchindustrie müsste Teile ihrer subventionsgebundenen Investitionen abschreiben.

Modelle zur Milchpolitik nach Quotenende

Vorteile

 

Nachteile

 

Bemerkungen

 

Kombimodell

 

Jedes Land (Region) legt aufgrund von situationsgebundenen Voraussetzungen einen Preiskorridor für die Milchgeldzahlungen an die Milchbauern vor. Im Rahmen des Preiskorridors können die Milchpreise zwischen Meierei und Milchbauern frei vereinbart werden. Dieser Preiskorridor ist für die Meierei nach unten hin verbindlich. Er kann, je nach Entwicklung der wirtschaftlichen Lage, angepasst werden. Dadurch wird sichergestellt, dass es zu keinen Wettbewerbsnachteilen kommt.

Dieser Preiskorridor schränkt den Preiskampf zwischen den  Meiereien zu Lasten der Milchbauern erheblich ein. Die Milchbauern erhalten einen Milchpreis, mit dem sie leben können. Die  Meiereien  sind in ihrer Entwicklung nicht eingeschränkt. In Gegenteil: Sie werden ermuntert für eine höhere Wertschöpfung zu sorgen, die dann wiederum  den Milchbauern in Form eines höheren Milchpreises zugutekommt. Somit wird der Wettbewerb im Interesse der Milchbauern gefördert.

Dieses Modell muss bindend für alle EU- Länder gelten. Es zwingt die Länder zu einer ausgewogenen Milchpolitik.

Dieses Konzept berücksichtigt gleichermaßen die Interessen der Milchindustrie als auch die Interessen der Milchbauern. Insoweit wird es beiden Seiten gerecht. Es soll auch nicht verschwiegen werden, dass auch mit diesem Modell die Exporte in Drittländer eingeschränkt werden können. Das gilt aber nur dann, wenn der Weltmarktpreis unter den Produktionskosten der Milch liegt. Aufgrund der weltweit unterschiedlichen Produktionskosten ist diese Einschränkung im Interesse der Milchviehhalter zwingend geboten.

Werbung
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post